The Candyshop

Auto & Fetisch

Radingdorf im Mühlviertel statt Miami: Robert Reindl verkauft von hier aus Maseratis, Ferraris und Porsches in die ganze Welt – absurd teure TRAUMWAGEN, die zugleich wunderschön, laut und sexy sind.

Text: Dávid Gajdos, Artwork & Fotos: Bela Borsodi 

„Toys for boys“

Ein nacktes Model räkelt sich in Schwarz-Weiß auf der Motorhaube eines exotischen Sportwagens. Darunter steht: „Toys for boys.“ Was da im offenen Hochglanzheft auf der Theke mitten im eleganten Showroom des „The Candyshop“ zu sehen ist, könnte gut und gerne auch in großen Neonlettern auf dem Gebäude leuchten, dort steht jedoch nur schlicht „RR Motors“ geschrieben. „RR“ steht für Robert Reindl, den Chef und Gründer des gleichnamigen Autohandels, nicht in Wien, sondern im Mühlviertel, in einem kleinen Weiler namens Radingdorf, unweit von Freistadt.

Reindl handelt seit annähernd 15 Jahren mit den Kindheitsträumen vieler Männer und lebt dabei seinen eigenen: „Ich liebe Autos einfach und komme jeden Morgen gern hierher. Es ist nicht meine Arbeit, sondern meine Leidenschaft.“ Als er sich für ein Auto entscheiden muss, in dem er von unserem Fotografen porträtiert werden soll, kann er sich nicht festlegen, ist zwischen seinen Candys hin- und hergerissen. Was dabei klar ist: Es muss entweder ein Porsche oder ein Ferrari sein. Sein Herz gehört diesen Marken, sie machen auch den Großteil der 60 Boliden aus, die in seinen drei Hallen dicht gedrängt stehen. „Ich verkaufe Autos, auf die ich selbst stehe.“ Das kommt bei seinen Kunden offensichtlich gut an: Innerhalb des letzten Jahres haben sich seine Verkaufsräume schon dreimal geleert, er und sein Team haben 200 Sportwagen verkauft, also knapp jeden zweiten Tag einen. An wen? „An Männer, unsere Kunden sind zu 95 Prozent männlich. Wir Typen haben eben eine Leidenschaft für Autos.“ Warum das so ist? Das weiß er selbst nicht. 

16 Zylinder und 1.000 PS

Bei ihm war die Autoliebe immer schon existent. „Mein Vater hat mich nach meiner Geburt mit einem BMW-Alpina-Sportwagen aus dem Krankenhaus abgeholt. Ich liebte es schon als Kind, Autozeitschriften zu lesen, mit zwölf Jahren fuhr ich Moped, mit 13 Traktor, mit 17 hatte ich gleich meinen Führerschein und bald auch mein erstes Auto, einen Audi A3. Für ihn war es nur logisch, dass er nach der Schule eine Mechanikerausbildung bei BMW abschloss. „Danach lebte ich für ein halbes Jahr in Miami. Da fahren schon die Kids mit Bentley und Co. herum. Dort entschloss ich mich, Sportwagenhändler zu werden. Ich kaufte in den Staaten einen Rolls-Royce Corniche, brachte ihn nach Österreich und fuhr damit gleich meinen ersten Gewinn ein.“ Zunächst betrieb er auch eine Reparaturwerkstätte, merkte aber schnell, dass das Geld im Verkauf liegt. Dass er selbst nicht mehr Hand an die Motoren legt, verraten seine gepflegten Hände, die schon lange kein Öl mehr gesehen haben. Sein technisches Know-how nutzt Reindl dennoch immer noch, als Händler muss er gesetzlich ein Jahr Gewährleistung bei Gebrauchtwagen geben und er weiß, in welchem Zustand ein Auto ist, obwohl auch er etwas übersehen kann. „Einmal musste ich bei einem Porsche den kompletten Motor ersetzen, weil er nach 500 Kilometern schon kaputt war, Kostenpunkt: 30.000 Euro. Das kommt vor, bei mir aber sehr selten – ich schaue genau, was ich kaufe.“

Dass der ganze Traum in Miami begann, merkt man. Sein Showroom gehörte früher „Harley Davidson Österreich“, es riecht immer noch nach Testosteron und American Dream. Gleich nebenan ist ein American Diner mit Jukebox und 50er-Jahre-Einrichtung. Mittlerweile gehört er dem Unternehmen. Reindl trägt Shorts, Tattoos und eine dieser großen, komplizierten Herrenuhren mit viel Metall und Technik. Miami Beach oder Radingdorf im Mühlviertel? Für ihn irgendwas dazwischen.

Robert Reindl führt uns durch sein Reich, stellt seine Schätze vor. Zuerst den „Maserati Zagato Mostro“, einen knallroten Designerwagen, von dem es nur fünf Stück auf der ganzen Welt gibt. „Der macht so einen Höllenlärm wie ein Rennwagen aus alten Zeiten. Aber man sieht aus dem Auto fast nichts nach hinten, in manchen Kreuzungen muss man blind rausfahren.“ Viel Risiko bei einem Auto, das weit über eine Million kostet. Die zweistöckige Halle neben dem Showroom hat Reindl zusätzlich bauen lassen, jetzt beherbergt sie Autos in einem Gesamtwert von mehreren Millionen Euro. Da steht zum Beispiel der allererste „Bugatti Veyron“, der je gebaut wurde. Mit 16 Zylindern (normale Autos haben drei oder vier) und 1.000 PS (ca. zehnmal so viel wie ein Durchschnittsauto) ist er ein absoluter Überflieger. Einst war es das schnellste Auto der Welt mit einer Spitzengeschwindigkeit von über 400 Kilometer pro Stunde.

Den Veyron und ein paar andere besonders teure Autos annonciert Reindl gar nicht im Internet. „Ich sage nur ein paar Liebhabern Bescheid, dass ich einen bekommen habe, dann verteilt sich die Nachricht wie von selbst in den richtigen Kreisen.“ Reindl ist mittlerweile ein Player in der kleinen, exklusiven Autoszene. Die meisten seiner Automobile verkauft Reindl über seinen Onlineshop, auch auf „willhaben“ bietet er seine Wagen an. Neben gebrauchten Opel-Corsa-Modellen für 1.000 Euro, gibt es dort teure Candys wie einen McLaren Elva für stolze 2,5 Millionen Euro. Das teuerste Schätzchen in seinem Autohaus.

Kann und soll man so wertvolle Autos überhaupt auf einer öffentlichen Straße fahren? „Da gehört schon ein bisschen Erfahrung dazu, aber es geht. Auf einer unbefahrenen Nebenstrecke kann man auch mal ein bisschen schneller fahren.“ Stress mit der Polizei hatte er in all den Jahren erst einmal, damals filmte ihn ein Undercover-Polizist aus einem unmarkierten Volkswagen von hinten. „Der war aber so nett, die Strafen auf mehrere Strafzettel aufzuteilen, sodass ich meinen Führerschein nicht abgeben musste.“ Stehen auch Bullen auf schnelle Autos? Manche schon: „Ein lokaler Polizist besitzt selbst einen Ferrari und kommt nach Feierabend öfter mal bei uns vorbei“, erzählt Reindl.

In der Halle steht auch ein Privatauto des Gründers, ein dunkelblauer Porsche aus den 90ern. „Das ist zwar nicht das Topmodell, aber er hat trotzdem diesen besonders breiten Hintern.“ Er zeigt uns stolz den tatsächlich sehr ausgeprägten, runden Hintern seines 911ers. 

Unnötig? Sowieso. Geil? Irgendwie schon.

Für das Fotoporträt entscheidet er sich am Ende für einen gelben Ferrari F12tdf. Als er ihn die wenigen Meter in die Halle hineinfährt, lässt er ihn aufbrüllen, der Motor faucht wild auf, wieder und wieder. In der Garage dann erneut. Wroom, wroom, es stinkt schon, aber die zwölf Zylinder heulen immer weiter. Unnötig? Sowieso. Geil? Irgendwie schon.

Wir reden in seinem Büro weiter, er erzählt von seinen Kunden. „Wir verkaufen weltweit –nach Brasilien, Kuwait, Mexiko. Die meisten kaufen ein Auto, ohne es überhaupt vorher im Original anzuschauen.“ Er arbeitet auch auf Auftrag, sucht Gebrauchtwagen mit einer besonderen Farbe oder einer speziellen Ausstattung. Mittlerweile finden ihn die richtigen Autos. Wer in Österreich einen besonderen Porsche verkaufen möchte, kommt sehr wahrscheinlich zum Candyshop. Er kauft die allermeisten seiner Autos in Österreich, wegen der Normverbrauchsabgabe. Das ist eine Steuer, die einmalig anfällt, wenn man ein Fahrzeug das erste Mal im Land zulässt. Und sie hängt vom Verbrauch ab, bei einem Porsche geht das schnell in die Zehntausende. Import lohnt sich also selten. Gibt es so viele Porsches und Ferraris in Österreich? „Oh ja, wir sind ein reiches Land.“

Nicht alle Kunden sind Superreiche: „Es kommen auch ‚normale‘ Familienväter zu uns, die ihr Haus gerade abbezahlt und ein bisschen Geld zur Seite gelegt haben. Sie wollen sich endlich den Traum eines eigenen Porsches erfüllen.“ Sein billigstes Auto ist ein Maserati für 37.000 Euro, aber auch der hat es in sich: „Der Motor ist von Ferrari und klingt herrlich. Das ist ein geiler Wagen.“ In höheren Preisregionen sind es aber dann doch eher die exzentrischen Superreichen. Der eine sammelt Mercedes aus der NS-Zeit und holt sich bei Reindl noch einen Ferrari dazu, der andere kauft sich einen Lamborghini und taucht nie auf, um ihn abzuholen. „Wir haben ihm mehrmals geschrieben, er wollte das Auto aber einfach nicht.“ Die Anzahlung von 20.000 Euro hat er womöglich an einem Nachmittag verdient.

Auf dem Tisch im Büro liegt ein Playboy-Heft, das ein Kunde vergessen hat. Geile Karren, nackte Models, Typen unter sich. Wobei nicht ganz, auch Reindls Frau arbeitet mit, und ebenso sein Bruder. Sein Vater kommt vorbei, während wir da sind, und bringt eine Kiste Pfirsiche mit. „RR Motors“ ist auch ein Familienunternehmen mit Produkten, die allerdings nicht unbedingt familienfreundlich sind.

Luxus, Lärm, Lust am Leben.

Draußen fahren drei Teenager mit lauten Mopeds krachend vorbei, Kunden von morgen? Das nötige Benzin im Blut haben sie schon mal. Kurz danach sind es schon wir selbst, die mit ebensolchem Krawall an den Feldern vorbeidüsen: Reindl gönnt uns eine Ausfahrt in einem seiner krassesten Porsches. Es ist ein GT3 RS, RS steht für Rennsport und das ist keine Übertreibung. Das Auto hat kein Navi, nicht einmal eine Klimaanlage. Dafür einen riesigen Heckflügel, knallrote Räder und einen rauen, röchelnden Sound. Reindl gibt auf der kurvigen Landstraße Vollgas, der Motor dreht singend immer höher, direkt hinter meinem Kopf, ich sitze tief, fast auf dem Asphalt, und kann nicht anders, als zu grinsen und vor Freude zu johlen. Das ist also auch einer der Gründe, warum Leute Hunderttausende bezahlen, dieser elementare, rohe Spaß. Und der Kindheitstraum. Und das Statussymbol. Und die Penisverlängerung. „Toys for boys“ eben.

Als wir auf dem Heimweg durch Mauthausen fahren, mischt sich ein Moment der Nachdenklichkeit in die Erlebnisse dieses Tages. Die Erinnerung an die Geschichte dieses Ortes steht im scharfen Kontrast zu dem, was wir heute erlebt haben: Luxus, Lärm, Lust am Leben. Und doch ist vielleicht genau diese Lust auch ein Gegenentwurf zur Schwere der Vergangenheit. Ganz im Sinne von Robert Reindl: „Who said it makes sense?“

Dieser Artikel erschien in der Printausgabe The Car Issue #8. Hier zu bestellen!

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