„Chips rein, gemmmaaa!“

Flirten und Crashen im Autodrom – ein Besuch im Wiener Wurstelprater

Autoscooter, Boxauto oder Autodrom: Alle kennen es, alle lieben es! Ein Ort der ersten Male, voller Glück, Nostalgie und Nervenkitzel. Genau hier wuchs Matthias Grumbir, Eigentümer des Grand Autodrom im Wiener Prater, auf. Bei einem rasanten Rennen sprechen wir über Wiener Schmäh am Mikrofon, erste Flirts und die Magie des Fahrens.

Text: Julia Bauereiß, Fotos: Marcel Dziewulski 

"Chips rein, gemmmaaa!" – Matthias Grumbir 23

„(Fast) keine Regeln!“

Die Sonne steht bereits tief an diesem sommerlichen Freitagabend und taucht den Wurstelprater, das Wiener Vergnügungsviertel zwischen Praterstern und Lusthaus, in goldenes Licht. Der Riesenradplatz empfängt mich mit dem Schriftzug „PRATER – Herrrreinspaziert!“, dem Duft von Langos und gebrannten Mandeln und dem entfernten Geschrei vom Wiener Freifallturm. Links fliegen Menschen im Kettenkarussell durch den blauen Himmel, rechts ragt das inoffizielle Wahrzeichen Wiens auf – das Riesenrad. Wummernde Discomusik zieht mich zu einem der beliebtesten Jugendtreffs in Vergnügungsparks – dem Autodrom. Bunte Wagerl jagen über die Fahrbahn, ihre Stromabnehmer kratzen an der metallenen Decke – Bumm, Crash, Lachen. Ein Gefühl von kindlicher Unbeschwertheit und Nostalgie überkommt mich, während ich mich dem Kassa-Haus nähere. Hier treffe ich Matthias Grumbir, den Eigentümer des „Grand Autodroms“. Ich fordere ihn gleich zu einem Rennen heraus. Voller Elan springen wir in die Wagerl. Chips rein, gemmmaaa!

Julia Bauereiß: Diese Frage brennt mir schon lange unter den Nägeln: Gibt es eine Fahrtaktik, um andere möglichst stark zu rammen?

Matthias Grumbir: Dafür fährst Du am besten hinter einer Person her und stößt sie von links oder rechts an, während sie eine Kurve fährt. So intensiviert sich der Schwung des anderen Autos. Wenn es gut läuft, legt das Wagerl eine 180-Grad-Wendung hin. 

Das klingt nach Action! Kannst Du Deine physikalischen Kenntnisse vom Autodrom auch beim echten Autofahren anwenden?

Sicher nicht! Beim Autodrom geht es ja gerade darum, regellos zu fahren, einfach so, wie man möchte und wie es im Straßenverkehr niemals erlaubt wäre: kreuz und quer, vorwärts und rückwärts in die anderen Wagerl hineinkrachen. 

„Don't drink and drive!“

Einparken zu üben könnte doch gut funktionieren, oder?

Nein! Obwohl wir einmal einen jungen Stammgast hatten, der hier übermotiviert und mit vollem Ernst für seine Führerscheinprüfung geübt hat. Er hat es letztlich geschafft, aber ich denke nicht, dass es am Autodromfahren lag (lacht).

Gibt es eine inoffizielle Autodrom-Etikette?

Bei uns gibt es fast keine Regeln! Don’t drink and drive! Ahja, der mailändische Hersteller der Autos empfiehlt, dass sie sich NICHT rammen sollen. Tja.

„Ein ganzes Leben für den Prater.“

Ein Vater schnallt seinen Sohn fürsorglich an. Dhöööt – das Startsignal ertönt, und die Mutter kracht lachend in die beiden hinein. Auch ein Pärchen dreht seine Runden auf der Fahrbahn. Sie fährt – auf dem Schoß ein rosa Plüschtier. „Sie ist im echten Leben die bessere Fahrerin“, sagt er und grinst. Das Kuscheltier? „Hat er mir eben beim Schießen gewonnen“, erzählt sie schmunzelnd. Als ich sie um ein Kuss-Foto bitte, winken beide ab: „Unsere Familien dürfen nichts von uns wissen.“ Noch bevor ich mehr über ihre heimliche Liebe erfahre, verschwinden sie im ausgelassenen Treiben des Praters, zwischen lachenden Kindern, Teenies, Würstelständen und Fahrgeschäften. 

Wie war es, als Kind zwischen Zuckerwatte, Geisterbahn und Schießbuden aufzuwachsen?

Ganz normal – ich kannte es nicht anders. Erst in der Volksschule hatte ich bemerkt, dass nicht jedes Kind wie ich ein Autodrom besitzt (lacht). Es hat mir viele Freunde beschert, mit denen ich nicht nur endlos oft mit dem Autodrom fahren, sondern auch gratis den gesamten Prater unsicher machen konnte. 

Beneidenswert. Was ist Deine erste Kindheitserinnerung an das Autodrom?

Ich fuhr allein an der Spiegelwand entlang und dachte mir: „Lustig, da fährt einer, der sieht genauso aus wie ich.“ Außerdem hat sich das Bild meiner Großmutter Friederike Grumbir bei der Arbeit fest eingebrannt. Jeden Tag, ob Hitze oder Schnee, saß sie mit ihrer Zeitung im Kassa-Haus. Oft war es so eiskalt, dass niemand kam und sie keinen einzigen Chip verkaufte, aber das machte ihr nichts aus. Ein ganzes Leben für den Prater!

„Das kannst du oder eben nicht.“

Ich stelle mir den Prater in einer anderen, vergangenen Zeit vor und spaziere gedanklich durch 260 Jahre voller Wandel: Wo heute bunte Lichter flackern und tiefe Beats dröhnen, streifte einst Wild durchs kaiserliche Jagdrevier. 1766 öffnete Kaiser Joseph II. das Gelände fürs Volk. Im Puppentheater sorgte Hanswurst, die derbe Figur eines Salzburger Bauern, für Lacher – daher der Name „Wurstelprater“. 1926 lockten die Rufe der Rekommandeure zum ersten elektrisch betriebenen Autodrom. Über die Bahn jagten junge Damen in ihrem Wagerl, sie wurden „Fliegen“ genannt, ihr Auftrag war es, junge Männer charmant und flirtend zum Einsteigen zu verführen. Der Boden vibrierte, Funken sprühten. Die Zeit vergeht, das Gefühl bleibt: Temporausch und regellose Freiheit. In den 70ern übernimmt die Familie Grumbir das „Grand Autodrom“ am Riesenradplatz. 1987 brennt das Fahrgeschäft ab, danach erneut aufgebaut – so, wie es heute vor mir steht, blinkend, voll Leben und Geschichten. 

Hast Du als Jugendlicher oft mitgeholfen?

Als Teenager habe ich mir hier mein erstes Geld dazu verdient – Chips verkauft, Wagerl weggefahren und Ansagen am Mikrofon gemacht. Jetzt als Eigentümer in dritter Generation kümmere ich mich mehr um Buchhaltung, das Marketing und die technische Weiterentwicklung des Autodroms. Im Gegensatz zur Generation meiner Großmutter, die nur für die Arbeit lebte, bin ich mittlerweile nicht mehr so oft vor Ort. 

Ansagerinnen, also Rekommandeusen, sind gewissermaßen die Seele der Prater-Attraktionen. Wie lernt man so etwas?

Das kannst du oder eben nicht, das ist wie auf einer Bühne stehen. Nur mit einem gewissen Schmäh, viel Persönlichkeit und Spaß gelingt die Kunst des Rekommandierens. Heute finden Ansagen in allen Vergnügungsparks der Welt leider kaum mehr statt. Die Atmosphäre ist klinischer geworden, was wohl auch daran liegt, dass die Familienmitglieder der Betriebe weniger mitarbeiten. Möchtest Du es mal probieren?

„Okayyyy, let's gooo!“

Ein Kindheitstraum wird wahr, als ich die Türe zum Kassa-Haus öffne. Der ganze Zauber besteht aus einem schmalen Vorzimmer, einer einfachen Toilette und dem kleinen Kassenraum, trotzdem fühlt es sich magisch an. Ich platziere mich an der Fensteröffnung neben dem iPad auf dem gerade „I like the way you kiss me“ von Artemas spielt, schalte das Mikro ein und beginne mit dem obligatorischen „Okayyyy, let’s gooo!“ Effekte gibt es keine, nur etwas Hall liegt auf der Soundanlage. Also probiere ich, mit meiner Stimme Effekte zu erzeugen: „Uuuuund noch eine Runde, de, de, de …!“ Ich lehne mich aus dem Fenster: „Nicht so schüchtern, wir sind hier, um andere zu crashen!“ Während ich die Fahrgäste animiere, noch rasanter unter dem Discolicht und zum Beat zu fahren, bin ich plötzlich wieder Kind. (Anmerkung der Redaktion: Laut Matthias habe ich Talent fürs Rekommandieren.)

Wie klingt der richtige Schmäh am Mikrofon?

Beim Chip-Kauf nach dem Namen zu fragen, funktioniert gut. In etwa so: „Na, Seppi, bist gestern wieder unterwegs gewesen, so wie Du heute fahrst!“ Als Teenie habe ich natürlich mit den Mädels geflirtet. Einmal kam ein Mädchen mit roten Haaren zur Kassa, das ich sehr besonders fand. Ich rief durchs Mikrofon: „Rotes Pupperl, ich finde Dich sehr attraktiv!“ All ihre Freundinnen zeigten beim Fahren kichernd auf sie. Nach der Fahrt kamen wir ins Gespräch. 

Erinnerst Du Dich an einen süßen Flirt hier beim Autodrom?

Oh ja! Eine reine Bubenklasse im Teenageralter besuchte den Prater. Außer den Jungs, waren noch zwei Mädchen hier, die nichts mit der Klasse zu tun hatten. Die Buben haben die Mädels permanent angegraben, hinübergerufen und sie gerammt. Das gefiel sowohl den Mädels als auch den Jungs, alle hatten Spaß und haben sich über eine Stunde immer wieder neue Chips gekauft. Es war zuckersüß, diese Dynamik zu beobachten und zu sehen, wie hier die ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht wurden. 

„Zeitloser Klassiker“

Das Autodrom war immer einer der beliebtesten Treffpunkte für Jugendliche …

… und ist es noch immer! Teenies wollen einfach irgendwo abhängen, Musik hören, quatschen und unterwegs sein. Beim Autodrom hast du eine große Fläche, was zu sehen und kannst gut am Rand sitzen. Dabei geht es auch etwas um das Sehen und Gesehenwerden, erste Flirts, Erwachsensein spielen beim Autolenken und Mutproben bestehen. 

Wie erlebst Du das Autodrom in Zeiten von E-Scootern, Smartphones und Social Media?

Diese Dinge sind für das Autodrom irrelevant! Der Prater ist ein Ort, an dem all diese modernen Dinge existieren, aber wenig Bedeutung haben. Das Autodrom ist und bleibt ein zeitloser Klassiker.

„Flirt-Funken“

An diesem Abend wird mir klar – nicht nur Teenager, sondern alle Generationen erleben hier ihren Moment. Nach einem Rennen gegen seinen Enkel, springt ein Großvater aus dem Wagerl: „Früher hat’s hier mehr Funken gegeben“, erinnert er sich. Aus technischen Gründen, versteht sich – denn Flirt-Funken, beobachte ich heute zur Genüge. Seine Frau lacht: „Er ist wieder wie ein kleiner Bub.“ Auf der anderen Seite steigt ein kleiner Junge in ein gelb-blaues Auto. Meine Fragen beantwortet er nur mit Schweigen – doch kaum klickt unsere Analogkamera, blüht er auf. Lässig posiert er fürs Foto und genießt das Blitzlichtgewitter. Nach kurzer Zeit kommen vier junge Männer auf mich zu. Einer sei DJ und habe eben bei einem Outdoor-Rave aufgelegt, jetzt wolle man den Abend hier ausklingen lassen. Als ich nach einem Foto frage, ruft er lachend: „Ich habe aber eine Freundin!“ Offenbar eilt dem Autodrom sein Ruf voraus – wer weiß, wo hier der nächste Funke überspringt. 

Was war der ungewöhnlichste Gegenstand, der je in einem Autodrom-Wagen gefunden wurde?

Ein Dildo! Ich vermute, er ist einer Frau aus der Tasche gefallen. Er wurde nie abgeholt und schließlich von uns entsorgt. Die Leute vergessen immer wieder Geldtaschen, Handys oder Teddybären, die sie vorher geschossen haben. 

Was ist der magischste Moment an einem Autodrom-Abend für Dich?

Wenn ich auf den Weg zur Arbeit mit dem Rad um die Ecke biege und das voll befahrene Autodrom mit geiler Musik und blinkendem Stroboskop-Licht sehe – dann weiß ich, dass sowohl Mitarbeitende als auch Gäste einfach glücklich sind. 

Welche Geschichte hat Dich hier zuletzt gerührt?

Mitten in der Fahrt hielt ein kleines Mädchen plötzlich an und fiel ihrer Großmutter weinend in die Arme. Die Großmutter erklärte mir auf Englisch, dass sie erst seit Kurzem in Wien seien – geflüchtet vor dem Krieg in der Ukraine. Die Kleine hatte viel erlebt und war wohl mit diesem Moment des Glücks so überfordert, dass sie einfach ihre Oma herzdruckn wollte. Tragisch und schön zugleich. 

„Mit jeder Runde eine neue Geschichte“

Inzwischen ist die Dunkelheit über Wien und dem Prater hereingebrochen, wodurch die Attraktionen erst so richtig zum Leben erwachen – grell und blinkend dröhnen sie durch die Nacht. Ich verabschiede mich von Matthias, erfüllt und berührt von diesem Abend am Grand Autodrom. Genau dieses Gefühl, sagt er, sei es, dass diesen Ort so besonders mache. Seit über einem Jahrhundert drehen sich hier die Wagerl – mit jeder Runde entsteht eine neue Geschichte. Während ich mich vom Geschehen entferne, wird die Musik leiser, das Licht sanfter – meine Erinnerungen bleiben tief und bunt.

Seit über zehn Jahren ist Matthias Grumbir Eigentümer in dritter Generation des Grand Autodroms im Wiener Prater. Großmutter Friederike Grumbir zog in den 1960er-Jahren in den Prater – erst mit dem hölzernen Toboggan, später mit einer Spielhalle. In den 70ern kaufte die Familie das „Grand Autodrom“ am Riesenradplatz.

Dieser Artikel erschien in der Printausgabe The Car Issue #8. Hier zu bestellen!