Kann Technologie feministisch sein?

Kreativ und soft

Die Londoner Kreativdirektorin und Designerin Christie Morgan stellt mit dem Netzwerk SOFTER die Frage, wie digitale Räume menschlicher, inklusiver – und nicht zuletzt feministischer – werden können. Auf Einladung der Wirtschaftsagentur Wien hält sie am 20. Mai einen Talk bei den Creative Days Vienna.

Text: Eva Holzinger

Softer global Christie

„Zugänglicher, kreativer und softer"

20.-21. Mai 2026: Zwei Tage, viele Orte, eine Frage, die uns allen im Nacken sitzt: Wie arbeitet man noch kreativ, wenn die Algorithmen längst mit am Tisch sitzen? Die CREATIVE DAYS, die im Rahmen der #ViennaUP stattfinden und von ViennaBusiness und der Wirtschaftsagentur Wien für die Stadt Wien initiiert wurden, versammeln Talks, Performances, Touren und Workshops rund um die Zukunft der Kreativbranche im digitalen Dauerstress.

Eva Holzinger: Christie, warum hat digitales Design Einfluss auf unser Verhalten und unsere Psyche?

Christie Morgan: Wir alle werden auf Online-Plattformen von den Interaktionen anderer Nutzerinnen, aber auch durch Design beeinflusst. Ich beobachte das nicht nur bei mir selbst, sondern auch bei meiner Familie und meinen Freunden – zum Beispiel durch die „Gelesen“-Funktion in Messenger-Apps. Meine Nachricht wurde gelesen, aber ich bekomme keine Antwort. Das löst etwas in mir aus: Werde ich absichtlich ignoriert? Habe ich etwas falsch gemacht? Solche emotionalen Dynamiken sind hochinteressant. Warum werden solche Design-Funktionen entwickelt — und welche Gefühle entstehen dadurch?

Kannst Du Dich daran noch erinnern, wie Du zum ersten Mal online warst?

Ende der Neunziger existierte das Internet zwar, aber eher im Hintergrund. Meine ersten Erfahrungen im Internet damals waren sehr aufregend, ich war sofort begeistert – im Gegensatz zu meinen Eltern. Sie waren skeptisch und wollten mich davor schützen. Wir wussten ja damals noch nicht, wie diese neue, digitale Welt alles auf den Kopf stellen würde.

Was bedeutet die digitale Welt für Dich?

Damals war sie meine Rettung. Ich fühlte mich als Jugendliche oft als Außenseiterin. Online wurde mir klar, dass ich auch in digitalen Räumen, die keine Grenzen, im Gegensatz zum Analogen, kennen, Beziehungen und Freundschaften pflegen kann. Ich habe mich endlich zugehörig gefühlt. Bis heute entstehen viele meiner Freundschaften im Internet, vor allem auf Instagram.

„AFK = away from keyboard”

Das Internet erzeugt ein neues Zeitgefühl. Es verändert unsere Geduld, unsere Aufmerksamkeitsspanne und die Art, wie wir uns Gegenwart und Zukunft vorstellen.

Das Internet fühlt sich für mich einerseits permanent anwesend an – es ist immer verfügbar, immer da –, und andererseits ist es flüchtig und schnelllebig. Ein anstrengender Widerspruch.

Empfindest Du eine Art Nostalgie für eine analoge Vergangenheit?

Ich vermisse eine Zeit, die sich einfacher angefühlt hat. Man war entweder online oder offline – eine klare Trennung. Es gab früher den Begriff „AFK“, das hieß auf Englisch: „away from keyboard”. Damit hat man den anderen mitgeteilt, dass man eine Weile nicht vorm Bildschirm und somit auch nicht erreichbar ist; das ändert auch die Erwartungshaltungen in der Kommunikation. Heute tragen wir durch das Smartphone den Zugang zum Internet immer mit uns herum, egal, wo wir sind. 

Du bist aktives Mitglied bei SOFTER, einem internationalen Netzwerk für Kunst, Technologie und digitale Kultur. Es wurde in Kopenhagen gegründet und möchte Technologie zugänglicher, kreativer und inklusiver machen. Es geht um Empathie, Zusammenarbeit, Community und feministische Perspektiven. Wie sieht brutal-männliche Technologie aus?

Ein simples Beispiel ist die durchschnittliche Größe von Smartphones. Diese Geräte sind von Männern und für große Männerhände gemacht. Männer dominieren die Branche und stehen an der Spitze der Hierarchie, sie treffen die Entscheidungen und verteilen die Gelder. Das bedeutet, dass die Produkte nicht nach inklusiven Grundsätzen entwickelt werden. Frauen verlassen den Tech-Sektor mit einer um 45% höheren Wahrscheinlichkeit als Männer: aufgrund der Arbeitskultur, mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten oder Burnout. Es gibt außerdem Studien, die zeigen, dass KI bei der Darstellung von BIPOC, FLINTA, queeren, geschlechtsuntypischen und transsexuellen Menschen weitgehend voreingenommen oder völlig unausgewogen ist. Gesichtserkennungssysteme weisen bei BIPOC-Frauen höhere Fehlerquoten auf und stufen transsexuelle und nicht-binäre Menschen häufig falsch ein. 

„Wir müssen mitreden können!"

Was ist Eure Vision?

Produkte, Werkzeuge und Systeme müssen von genau diesen Gruppen entwickelt, konstruiert und gestaltet werden. Wir müssen mitreden können! Wir müssen fair bezahlt werden, und unsere Stimmen müssen gehört, unsere Diversität gesehen werden. Wir standen in dieser Branche schon immer im Schatten, und es ist Zeit für Veränderungen!  Wir beschreiben SOFTER als Bewegung, hinter der ein aktivistischer Gedanke steckt. Wir schaffen internationale Räume und Plattformen zum Lernen, Diskutieren und gemeinsamen Arbeiten – ob durch Workshops, Events, Labs oder andere kollaborative Formate. 

Kannst Du uns ein paar Beispiele für diese Formate nennen?

Es gibt zum Beispiel den „Queer Coding Club“: Ein Programmiertreff für alle, die sich als Queer identifizieren. Für alle Niveaus geeignet und bietet einen zusätzlichen sozialen Raum, um andere Gleichgesinnte zu treffen. Innerhalb unserer jährlichen Konferenz gibt es die Veranstaltung „Breaking Up With Big Tech“: Eine Sitzung, die die Geschichte einer Person beleuchtet, die typischerweise in der Big-Tech-Branche gearbeitet hat und erkannt hat, dass diese nicht ganz das ist, was sie zu sein vorgibt. Sie teilen ihre Kämpfe, Sorgen und Ängste und schlagen gleichzeitig eine optimistischere Perspektive vor. „Live, Laugh, LLM“ ist wiederum eine offene Diskussion darüber, wie wir als Menschen heute eine ambivalente Beziehung zur KI haben. Es wird untersucht, wie Liebe und Angst in unserem Vertrauen in Technologie miteinander verflochten sind, die tröstet, ersetzt und neu definiert, was es bedeutet, Mensch zu sein. 

„Soft bedeutet nicht weich oder niedlich.“

Was bedeutet „Soft Technology“ ganz konkret für Dich?

Für uns ist es eher eine Haltung, die sich immer wieder ändern darf.  Tatsächlich begann SOFTER mit einem YouTube-Tutorial zum Bau eines maßgeschneiderten Computers. Wir hatten das Gefühl, dass es keine Informationsquelle gibt, in der man sich mit diesem Thema vertraut machen kann, ohne dass es einschüchternd, übermäßig maskulin oder kompliziert wirkt. Ich bin auch jemand, der nervös wird, wenn es um praktische Arbeit mit Hardware geht. Aber in Wirklichkeit ist es gar nicht so schwer, wie es scheint.

Was wird bei SOFTER noch so gebaut?

Wir hatten kürzlich einen Open Call für ein anstehendes Lab in Kopenhagen zum Thema Cyberdecks. Das sind DIY-Computer oder andere technische Objekte, ausgestattet mit Display, Tastatur und Akku, aber fernab vom Standard-Laptop-Format. Die Gehäuse sind oft aus 3D-Druckern oder aus Metall. Der Cyberdeck-Trend verbreitet sich gerade stark unter Flinta und Non-Binary Personen. Sie bauen eigene Computer, E-Reader oder Mini-Kameras. Es geht darum, Technologie wieder individuell und emotional zu gestalten. Statt einfach einen Kindle zu kaufen, baue ich meinen eigenen E-Reader und kann selbst entscheiden: Wie soll er aussehen, damit er mir gefällt? Wie groß soll er sein, damit er in meine Hände passt? Welches Material verwende ich, damit er sich gut anfühlt? Soft heißt nicht automatisch fluffig, weich oder niedlich. Es bedeutet vielmehr, Technologie persönlicher und menschlicher zu denken.

Wie können digitale Räume weicher und menschlicher werden?

Wir Menschen besitzen spezielle Fähigkeiten wie Intuition und Empathie, wir funktionieren nach emotionalen und körperlichen Rhythmen. Große digitale Plattformen ignorieren diese menschlichen Bedürfnisse und stellen Produktivität in den Vordergrund. Man muss Apps entwickeln, die mit den natürlichen Rhythmen unseres Körpers arbeiten, statt uns maximal lange auf der Plattform zu halten, wie es zum Beispiel YouTube macht. Unser Gehirn wird durch Dopamin angetrieben; der permanente Dopamin-Loop sozialer Medien hält uns zwar in Bewegung, schadet uns aber langfristig, weil er uns überfordert. 

„Technologie persönlicher und menschlicher denken"

Gibt es aktuelle Projekte und Entwicklungen, die Dir Hoffnung machen?

„Dark Forest Operating Systems“ oder „DFOS“ von Metalabel Studios ist ein Projekt, das darauf abzielt, private, bewusst gestaltete Online-Räume zu schaffen, in denen man eine Gemeinschaft aufbauen kann – weit weg vom Lärm und der Überwachung des öffentlichen Mainstream-Internets, werbefrei und unberührt von unternehmerischen Interessen. Im Grunde genommen bauen sie ein neues Internet auf, oder zu dem zurückzukehren, wofür es ursprünglich gedacht war: für kreativen Austausch und gemeinsames Denken.

Last but not least: Hat KI Deine Arbeit verändert?

Ich halte den Begriff „Künstliche Intelligenz“ für irreführend, für mich ist sie nicht intelligent. Aktuelle KI-Systeme besitzen kein eigenes Bewusstsein, keine Emotionen, keine Intuition und kein echtes menschliches Verständnis — sie reagieren auf Muster, Daten und Wahrscheinlichkeiten. Spannend finde ich eher die Fragen, die dadurch entstehen: Was bedeutet Intelligenz denn tatsächlich? Was verbindet uns Menschen mit KI, wie sehen diese Wechselwirkungen aus, sind wir alle Teil desselben Systems? Ich persönlich versuche, ChatGPT und Co. zu meiden. Nicht aus radikaler Ablehnung, sondern weil es für mich seltsam bleibt, mit etwas zu sprechen, das kein Mensch ist. Ich vertraue solchen Systemen automatisch weniger.

Vielen Leuten geht das aber ganz anders. Woran liegt das?

KI hat sich unfassbar schnell verbreitet, was auch dazu geführt hat, dass die Menschen den Umgang damit nicht richtig einschätzen können und die Reflexion darüber fehlt. Der häufigste Anwendungsbereich von ChatGPT ist momentan: Therapie. Menschen suchen nach Austausch und emotionaler Sicherheit, finden sie aber oft nicht mehr in ihrem sozialen Umfeld oder können sie sich nicht leisten. Eine menschliche Therapeutin ist am Ende des Tages teurer als ein Gespräch mit ChatGPT.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieser Beitrag ist in freundlicher Kooperation mit der Wirtschaftsagentur Wien entstanden. 

CREATIVE DAYS VIENNA: 20.-21. Mai 2026

Zwei Tage, viele Orte, eine Frage, die uns allen im Nacken sitzt: Wie arbeitet man noch kreativ, wenn die Algorithmen längst mit am Tisch sitzen? Die CREATIVE DAYS, die im Rahmen der #ViennaUP stattfinden und von ViennaBusiness und der Wirtschaftsagentur Wien für die Stadt Wien initiiert wurden, versammeln Talks, Performances, Touren und Workshops rund um die Zukunft der Kreativbranche im digitalen Dauerstress.

Los geht’s am 20. Mai ab 13:30 Uhr im Funkhaus unter dem Titel (Un)Conference mit Vorträgen von CHRISTIE MORGAN, NADIA PIET (Mitbegründerin und Creative Director der gemeinnützigen Community AIxDESIGN) und CALUM BOWDEN (Mitbegründer von TRUST, einer Plattform für utopische Denkerinnen, die Spiele, digitale Tools und kooperative Wissenspraktiken entwickelt) sowie anschließenden Workshops.

Programmübersicht und Anmeldung online.

Das Internet der Tiere

Text: Elisa Promitzer

Das Internet der Tiere 16

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Die Roboter-Revoluzzerin

Text: Eva Holzinger

Hollywood liebt KILLERROBOTER, die sich an den Menschen rächen. Aber was, wenn sie die Guten sind? Die argentinische Künstlerin PAULA GAETANO ADI denkt diesen Plot weiter – und mixt Hightech mit INDIGENER MYTHOLOGIE. Wir sprachen mit ihr über ihren GUANAKO-ROBOTER, den sie auf eine abenteuerliche Reise über die Anden schickte und der auf der ARS ELECTRONICA 2025 in Linz zu sehen war.

Die Roboter-Revoluzzerin

Schleimpilze & Wurmgehirn

Text: Magdalena Willert

Die französisch-britische Visionärin und Tech-Autorin Claire L. Evans ließ schon 2017 Künstliche Intelligenz für ihre Band YACHT komponieren – lange bevor das cool (oder gruselig) war. Statt im Quellcode wühlt sie heute lieber in der Gartenerde.