Kühe können Erdbeben erspüren, Vögel kündigen Heuschreckenplagen an. Der deutsche Verhaltensbiologe Martin Wikelski hört täglich 25.000 Tieren zu – und versucht zu entschlüsseln, was sie uns mitteilen. Ein Blick in die geheimnisvolle Welt tierischer Kommunikation.
„Der vielleicht größte Durchbruch in der modernen Menschheitsgeschichte ist die Einsicht, dass die Gesetze, denen die belebte Welt und die Natur unterliegen, genauso streng (und folgenreich) sind wie jene der unbelebten Welt und der Physik, und dass wir beiden gehorchen müssen – eine Einsicht, die indigene Kulturen schon seit Urzeiten haben.“
Zitat aus „Internet der Tiere. Was wir von der Schwarmintelligenz des Lebens lernen können“, Piper Verlag, München 2024, S. 241/242
Elisa Promitzer: Was ist das „Internet der Tiere“?
Martin Wikelski: Ein unsichtbares Netz, das Tiere durch digitale Technologien weltweit verbindet und uns ermöglicht, ihre Bewegungen und Verhaltensweisen aus der Ferne zu beobachten und zu verstehen.
Sie erwecken Erich Kästners Kinderbuch „Die Konferenz der Tiere“ zum Leben?
So utopisch die Idee im Buch klingt, dass die Vertreterinnen aller wichtigen Tiere eine Versammlung einberufen, um ihre Stimme bei der Bewältigung der Weltprobleme einzubringen, so beschreibt diese unser Ziel ganz gut. Mit moderner Technologie versuchen wir, eine repräsentative parlamentarische Onlineversammlung von Tieren aus der ganzen Welt zu ermöglichen. Mit unserem globalen System ICARUS beobachten wir das Verhalten von Tieren und können ihnen nahezu in Echtzeit zuhören. Das „Internet der Tiere“ steckt noch in den Kinderschuhen, langfristig wollen wir das kollektive Wissen, das Tiere im Laufe ihrer Evolution erworben haben, nutzen – es ist der Einblick in die uralten Weisheiten der Natur.
Der Ikarus-Mythos erzählt von einem Mann, der versuchte, mit Flügeln aus Federn und Wachs zu fliegen. Er stieg so hoch hinauf, dass die Sonne das Wachs seiner Flügel schmolz, er ins Meer stürzte und starb. Sie nennen Ihr Projekt auch ICARUS, auch wenn dieses für „International Cooperation for Animal Research Using Space“ steht, wirkt die Idee auf den ersten Blick ähnlich waghalsig.
Das dachte die NASA zu Beginn auch, die unserem Projekt skeptisch gegenüberstand. Es war ein langer Weg. Dank unserer Ingenieure konnten wir ICARUS mittlerweile mit unseren eigenen Würfelsatelliten ins All bringen.
Das Netzwerk hinter dem „Internet der Tiere“ reicht bis ins All. Lange lief der Empfang über eine russische Antenne. Nach Beginn des Ukraine-Krieges endete die Kooperation und seit Ende 2025 besitzt ICARUS eine eigene Antenne.
Kann es zwischen Mensch und Tier überhaupt eine persönliche Kommunikation geben?
Die Funkwellen ihrer Sender geben den Tieren eine Stimme. Weltweit schicken 1.400 Tierarten, mit Minisendern versehen, Daten über Satelliten oder terrestrische Funknetze in eine globale Datenbank. Unser Team kann täglich 200 Tierarten beobachten und 25.000 Tiere „belauschen“. Wir können erkennen, wie Landvögel über Tausende Kilometer Ozeane überwinden oder Elefanten möglicherweise Tsunamis voraussehen, etwa durch ihre Bewegungsmuster. Wenn wir Haustiere und Wildtiere zusammenschalten, erhalten wir eine emergente neue Information – wir zapfen den sechsten Sinn der Tiere an.
Singvögel-Operetten und Nashörner-Diskussionen – nehmen Sie wirklich Tonmaterial auf?
All unsere Tiere sind mit „Wearables for Wildlife“ ausgestattet. Amseln tragen so eine Art Fitnessarmband wie kleine Unterhosen, andere Tiere haben Minisender am Rücken. Diese Apparaturen sammeln neben Orts- und Bewegungsdaten auch Informationen über die körperliche Verfassung eines Tieres wie Körpertemperatur, Puls oder Zucker- und Sauerstoffgehalt des Bluts. Minikameras und Mikrofone verraten weitere Details. Die angebrachten Tags dürfen die Tiere nicht in ihrem natürlichen Verhalten stören, wir rüsten ja sogar Libellen und Bienen mit Sendern aus, das ist trickreich, weil sie sehr klein und sehr leicht sein müssen.
Sollten wir Tiere zu unseren Lehrmeisterinnen machen?
Tiere sind die besten Beobachter der Erde, weil ihr Leben davon abhängt, vorauszusehen, was als nächstes geschehen wird. Wir haben ganze Flotten von Satelliten zur Beobachtung des Planeten, setzen aber auf der Erde immer noch Wach- und Spürhunde ein, die sind nämlich sehr effektiv. Tiere kommunizieren auch untereinander: Wenn wir in einer bestimmten Gegend in den Savannen Afrikas zum Beispiel das gleiche Stress-Signal von Zebras, Giraffen, Löwen, Impalas und Nashörnern bekommen, können wir davon ausgehen, dass in deren nahen Umgeben etwas passiert. Oft ist ein Wilderer unterwegs, der ein Nashorn schießen will. Wir können die Tiere sozusagen verstehen, darauf reagieren und einen Ranger rausschicken: Tiere schützen sich gegenseitig.
Je nach Tier sehen die Sender anders aus: mal wie ein kleines Fitnessarmband, mal wie ein Mini-Rucksack. Wichtig ist nur, dass die Tiere sie kaum bemerken. Keine leichte Aufgabe: Sogar Bienen oder Libellen werden mit dieser Technik ausgestattet.
Diese Kommunikation zwischen Tier und Mensch hilft jedoch nicht nur dem Tier …
… durch die Daten werden wir gewarnt, wenn Tiere, die in der Nähe zu Menschen oder Nutztieren leben, bestimmte Krankheiten entwickeln. Künftige Pandemien könnten so verhindert werden. Quasi ein globales Seuchenwarnsystem gefüttert mit Daten von Zehntausenden Einzeltieren – das ist die Zukunft.
Viele Kinderlieder und Märchen erzählen vom sechsten Sinn der Tiere, …
… da Tiere sensibler als menschengemachte Wetterbojen sind. In der Stadt Banda Aceh in Indonesien starben 2004 unglaubliche 300.000 Menschen in Folge eines Tsunamis. Auf der vorgelagerten Insel Simeuluë lernen Kinder bereits Folgendes im Kindergarten: Wenn Wasserbüffel verrücktspielen und die Hühner herumfliegen, müssen sie alles stehen und liegen lassen, um ins Hochland zu flüchten. Auf dieser Insel starben nur sieben Menschen.
Wie kann dieses animalische Warnsystem die Zukunft unseres Planeten verändern?
Vögel könnten Wanderheuschrecken entdecken, die aus einem scheinbar toten Wüstenboden hervorkriechen. Ein solches Frühwarnsystem könnte uns helfen, angemessene Maßnahmen vorzubereiten. Wenn Geier neben dem Kadaver eines Nashorns verenden, das Wilderer vergiftet haben, weisen sie uns damit auf eine Gefahr für Hunderte andere Artgenossen hin. Tauben könnten in Städten Spuren von Gas erkennen, Vögel könnten durch Messung von Windgeschwindigkeit und Turbulenzen die Genauigkeit örtlicher Wettervorhersagen verbessern.
Die Sender übertragen Herzschlag, Körpertemperatur und Bewegungsdaten ins All. Bevor das geschieht, müssen die Sender platziert werden - eine Aufgabe, die oft Kreativität und Geschick erfordert.
Erzählen Sie mir von Berta, der Erdbebenkuh!
2016 kam es zu einem Erdbeben in Mittelitalien. Am nächsten Tag fuhr ich mit Sendern im Kofferraum ins Erdbebengebiet, um Tiere mit unseren Tags auszustatten und ihr Frühwarnsystem bei den Nachbeben zu testen. Die Bauernfamilie Angeli war interessiert, wir durften Berta, die sensibelste Kuh der Herde, und andere Tiere besendern. Tage darauf kam es zu weiteren Erdstößen, eine neue Erdbebenserie startete: Die Familie berichtete, dass die Tiere sie vorgewarnt hatten, was unsere Daten dann auch bestätigten. Stunden vor dem Hauptbeben brach auf dem Hof Schrecken und Chaos aus, die Kühe waren wie erstarrt, was wiederum die Hunde in extreme Unruhe versetzte.
Die Tiere hatten miteinander kommuniziert!
Fast eine Stunde lang war das Aktivitätsniveau aller Tiere um etwa 50 Prozent erhöht. Natürlich war das nur ein Bauernhof, damit keine komplett aussagekräftige wissenschaftliche Studie, aber die Tiere hatten vor sieben der acht Nachbeben massive Unruhe gezeigt. Mit der nächsten Generation der ICARUS-Tracker, mit unserem System „MoveApps“, einem automatischen Datenanalyse-Tool, könnte sich jede Person von Tieren bei drohender Gefahr in Zukunft digital benachrichtigen lassen.
Befürchten Sie keine Übersetzungsfehler?
Natürlichdarf man nie vergessen, dass Tiere sich auch aus anderen Gründen abnorm verhalten könnten. Es braucht noch viel Forschung und Zeit, aber mit jedem Vogelgezwitscher verstehen wir die Tiere besser.
Kuh Berta wurde 2016 in Italien zur Erdbebenexpertin - bereits Stunden vor einem Nachbeben zeigte sie mit ihrer Herde Unruhe.
Ich nehme an, jedes Tier braucht einen persönlichen Mobilfunkvertrag?
Allein unsere Störche kosten uns im Vierteljahr 15.000 Euro an Gebühren. Jedes Tier hat quasi einen eigenen Pass, einen Roaming-Vertrag, eine Dropbox, wo seine Lebensgeschichte aufgeschrieben wird. Da wäre etwa Storch Hansi, der nicht in sein Winterquartier flog, sondern sich stattdessen von einer bayerischen Familie mit faschierter Leber und Fußbädern verwöhnen ließ. Er zeigt uns, dass Tiere erfinderischer sind, als wir es uns je hätten erträumen lassen.
Woher kommt Ihre Liebe zu Tieren?
Ich wuchs auf einem Bauernhof auf, lernte von meinem Großvater, mit Tieren umzugehen. Ich erkannte schnell, dass Beleidigungen wie „dumme Kuh“ faktisch falsch sind, die sind ja wahnsinnig schlau!
Wie sieht Ihre Zukunftsvision vom „Internet der Tiere“ aus?
Wir schreiben das Jahr 2055, meine Enkelinnen schauen fern, nach den Nachrichten kommt „Leben live“ – die globale Wettervorhersage aus animalischer Perspektive. Ein solcher Bericht könnte so aussehen: „Weißstörche haben im Südwesten des Tschad erneut einen Schwarm von Wüstenheuschrecken entdeckt. Schneegeier warnen vor einem aufziehenden Sturm, Mount-Everest-Expeditionen wird geraten, im Basislager zu bleiben.“
Die Weltkarte wird zum Reisetagebuch der Tierwelt: rote Linien zeigen die Wege wandernder Tiere rund um den Globus. Wikelski war schon von klein auf ein Dr. Dolittle der Wissenschaft!
Das klingt utopisch …
… als Wissenschaftler darf man sich nie zufriedengeben. Eines unserer aktuellen Projekte versucht, Singvögel zu schützen. In den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl der Vögel um 30 Prozent zurückgegangen. Das ICARUS-Team plant, 5.000 Amseln und Drosseln zu beobachten, um herauszufinden, wie sie Tausende Kilometer zurücklegen, wo sie leben und wie sie sterben. Wie meistern Zugvögel Umweltherausforderungen, wie schnell reagieren sie auf den Klimawandel und die Urbanisierung?
Sind Sie der Dr. Dolittle der Wissenschaft?
Ich kenne die christlichen Erzählungen von Franz von Assisi, dem Schutzpatron der Tiere, der diese als seine Brüder ansah, den Menschen gleichrangig und sogar mit ihnen gesprochen haben soll: „Meine Brüder Vögel!“ Ich bin Wissenschaftler, natürlich können wir nicht mit Tieren sprechen, aber wir können ihnen zuhören und ihnen eine Stimme geben.
Was ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie durch Ihre Tierbeobachtungen gewonnen haben?
Tiere betrachten uns nach wie vor als Eindringlinge, die ihr Territorium übernehmen wollen. Wenn wir Tieren wirklich zuhören, könnten wir die kulturell tief verwurzelte Überzeugung aufgeben, dass wir von Gott als die Krone der Schöpfung über alle anderen Lebensformen gestellt worden seien. Unser Schicksal ist an das der Tiere auf der ganzen Welt gekoppelt. Mit Tieren zu kommunizieren, liegt für uns in greifbarer Nähe, und ihre Botschaften könnten unseren Weg in die Zukunft entscheidend verändern.
Vögel navigieren mit Thermik, Magnetfelder und Windströmungen. Für Martin Wikelski Grund genug, für einen Tag selbst einer sein zu wollen.
Sie sind quer durch die Welt gereist, um Tiere zu beobachten. Welches Tier wären Sie gerne für einen Tag?
Ich wäre gerne ein Schneegeier in Bhutan, dann könnte ich im Aufwind auf 8.500 Meter fliegen, über dem Mount Everest die Aussicht aufsaugen. Spannend ist, dass Schneegeier durchaus Menschenfleisch nicht abgetan sind, auch wenn das natürlich nicht der Grund ist, warum ich sie ausgewählt habe (lacht).
„The more I learn about people, the more I like my dog“, frei nach Mark Twain. Würden Sie mit einem Tier tauschen wollen?
Das Menschsein möchte ich nicht missen, auch wenn ich manchmal den Wunsch hege, frei wie ein Vogel zu sein ...
... frei und voller Hoffnung! Ich schließe unser Gespräch mit einem Zitat der Dichterin Emily Dickinson: „Hope is the thing with feathers that perches in the soul – and sings the tunes without the words – and never stops at all.” Vielen Dank für das Gespräch!
Martin Wikelski, 1965 in München geboren, ist deutscher Verhaltensbiologe und Ornithologe. Er lebt am Bodensee und ist Direktor der Abteilung für Tierwanderungen am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie und Honorarprofessor an der Universität Konstanz. Wikelski erforscht globale Tierwanderungen mit dem ICARUS-System und arbeitet am „Internet der Tiere“. Für seine Forschung erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.