Pelz gab es, bevor der Mensch wusste, was Kleidung ist. Dann degradierte man ihn zum Zuhälter-Symbol, Tierschützerinnen verbannten ihn aus der Modewelt. Er kam als Kunstpelz zurück, heute züchtet man ihn sogar im Labor. Kuschelig oder grausam? Wir sprechen mit der Modetheoretikerin Barbara Vinken.
2002 sorgte der amerikanische Rapper Cam’ron während der New York Fashion Week für einen „Killa Pink"-Moment: Mit einem All‑Over‑Pink-Look – Pelzmantel, Hut und sogar einem Klapphandy – brach er bewusst mit den Konventionen männlicher Rapper, die damals meist weite und unauffällige Outfits trugen.
Elisa Promitzer: Warum trägt man leblose Tierhüllen?
Barbara Vinken: Echtpelz begeistert als praktisches, warmes Material, zersetzt sich selbst und müllt nicht das ganze Meer mit Plastik zu, wie es bei synthetischem Pelz der Fall ist, der aus Erdöl gewonnen wird.
Aber da ist dann noch die ethische Frage, …
… ob der Mensch Tiere töten sollte, um sie sich vor Kälte zu schützen. Secondhand-Pelz ist ein guter Kompromiss. Aktuell läuft man in New York und Paris geradezu in einem Pelzmeer, verirrt sich zwischen Vintage-Fell, Kunstpelz und echten Nerzmäntel.
In der Steinzeit gab es keine Moraldebatten. Es ging ums blanke Überleben.
Bereits in Höhlenmalereien findet man Fell, Menschen trugen Schürzen, um sich vor der Kälte zu schützen. Es ist die ureigenste Bekleidung der Menschen.
Nordeuropäische Stämme handelten mit Pelz, in Sibirien trug man Stachelanzüge zum Schutz vor Bären, Soldaten trotzten mit Pelz-Uniformen der Kälte. Wann hat sich der Nutzgegenstand zu einem Luxusartikel entwickelt?
Pelz wurde schon in der Antike als Statussymbol angesehen. Ab dem 11. Jahrhundert war es zentimetergenau bemessen, wer welchen und wie viel Pelz tragen durfte. Pelze haben auch eine kultische Dimension: Leopardenfell assoziierte man mit Dionysos, dem griechischen Gott des Weins, der Freude, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase. Denken Sie heute an die Leopardenkollektion von Jean Paul Gaultier.
Klischees auf der Leinwand sind Popkultur: Willie Dynamite, ein charismatischer Zuhälter im New York der 1970er, will im gleichnamigen Actionfilm die Nummer eins der Stadt werden. Dreißig Jahre später hoppelt Reese Witherspoon in „Natürlich Blond" im pinken Hasenkostüm durch die Komödie – als vermeintlich naive Blondine mit dem Ziel, Anwältin zu werden.
Filme wie „Willie Dynamite“ (Action/Thriller 1973) und „The Mack“ (Drama 1973) stereotypisierten vor allem junge schwarze Männer in Pelzmänteln als Zuhälter oder Stricher.
Ich glaube, dieses Klischeedenken ist nicht länger angebracht: Frauen in Pelz werden nicht mehr als Prostituierte oder Trophy Wives und Männer nicht mehr als Zuhälter oder Stricher abgestempelt.
Oder man spielt bewusst mit diesem Image. Bei der Herbst/Winter-Show 1997 des belgischen Designers Martin Margiela liefen Models mit Pelzperücken vom österreichisch-deutschen Label Bless über den Laufsteg. Auch der britische Designer Alexander McQueen ließ in seinen Kollektionen die Grenzen zwischen Tier und Mensch verschwimmen. Pelz scheint ein Evergreen?
Der Mythos besagt, dass die Eigenschaften des Tieres auf den Menschen übertragen werden, wenn er das Tierfell trägt. Im Löwenmantel ist man der König (der Tiere), im Leopardenfell strahlt man wilde Anmut aus. Es wohnt dem Tragen von Pelzen aber auch eine autoritäre Geste inne; immerhin nimmt man sich das Recht, Raubtiere zu jagen. Schließlich erscheint beim Schriftsteller Leopold Ritter von Sacher-Masoch (1836–1895) ja auch die Venus in einem tadellos geschnittenen Pelz.
Wir rasieren unsere Körperhaare, um felllos zu sein, aber töten Tiere, um jene am Körper zu tragen. Erkennen Sie eine Parallele?
Es geht offenbar nicht um Natur, sondern um Künstlichkeit. Der Pelz, den wir tragen, wurde vom Kürschner kunstvoll verarbeitet. Erst die beseitigten Haare am Körper machen den Körper zur Kunst.
„My best friend" – eine makabre Liebeserklärung und wohl eine der provokantesten Handtaschen der Modegeschichte. 2001 schuf der österreichische Modedesigner Carol Christian Poell das Einzelstück aus einem präparierten Ferkel und stellte damit radikal die Grenzen zwischen Mode, Kunst und Ethik infrage. 2020 war sie Teil der Ausstellung SHOW OFF im MAK Wien.
Der österreichische Modedesigner Carol Christian Poell, 1966 in Linz geboren, lotet diese Grenzen aus: Er verstrickte Schweinsdärme zu Pullovern, kreierte aus menschlichem Haar ein Material und designte eine Schweinetasche. Ziemlich radikaler Materialeinsatz. Würden Sie ein Kleidungsstück aus Menschenhaaren tragen?
Nein, niemals. Das assoziiere ich mit der „Menschenverwertung“ der Nazis in den Konzentrationslagern. In „Der Gott dieses Sommers" beschreibt der deutsche Schriftsteller Ralf Rothmann (1953) diese barbarisch unmenschliche „Verwertung“ von Menschenhaaren.
Hansi Hinterseer in Fell-Moonboots, der Außerirdische Alf in der gleichnamigen Sitcom oder Chewbacca aus Star Wars. Sie alle lassen Fell in einem anderen Licht erstrahlen. Was sind die modehistorisch und popkulturell skurrilsten Pelz-Outfits?
Lady Gaga trug bei den MTV Video Music Awards 2010 ein 20 Kilogramm schweres Kleid aus Rindfleisch.
Das legendäre Rindfleischkleid des US-amerikanischen Designers Franc Fernandez, das Lady Gaga 2010 bei den Video Music Awards trug, als sie für „Bad Romance" die Auszeichnung für das Video des Jahres erhielt, wurde nach dem Auftritt fachgerecht konserviert – getrocknet und präpariert. Fernandez erzählte der USA Today, dass er das Rindfleisch beim Schlachthof seiner Familie besorgt und das Kleid in zweitägiger Arbeit gefertigt habe.
Fleisch, Haut, Fell – Tier ist Tier. Was steckt dahinter?
Viel Ironie: Sie schlüpfte in ein untragbares Kleid oder vielmehr in die untragbare Rolle der Frau, die wortwörtlich wie Frischfleisch am Markt gehandelt wird – ein Statement gegen Sexismus.
Was ist Ihr liebster Pelzmoment?
Die großen schwarzen Diven des Jazz: Sie eigneten sich das luxuriös Opulente in der Hälfte des letzten Jahrhunderts an. Als sie sich endlich diese fantastischen Pelzmäntel leisten konnten, beklagten sie sich, dass es ihnen die Weißen mit moralischen Argumenten versuchten, madigzumachen. Oder eine Dame in Paris, die ihren Nerz lässig als Morgenmantel umhängte, um mal eben ihre Enkelin von der Schule gegenüber zum Mittagessen abzuholen.
Der Großteil der gehandelten Pelze stammt von gezüchteten Tieren wie Nerzen, Füchsen oder Marderhunden, die auf Pelzfarmen gehalten werden. Enge Käfige und eine Schlachtung nach nur kurzer Lebenszeit sind leider keine Seltenheit.
Seit wann gilt Echtpelz als moralisch verwerflich?
Spätestens seit der PETA-Kampagne „I’d rather go naked than wear fur!“ aus dem Jahr 1994, in der die Topmodels Naomi Campbell und Cindy Crawford nackt gegen Pelz protestieren – das war ein Schlüsselmoment. Die Tierrechtsorganisation PETA behauptete die moralische Hässlichkeit, ja die Ekelhaftigkeit des Pelzes: Dieser sei nicht schön, sondern blutig und mit Aas und Fleisch assoziiert.
Nerze, Füchse und andere Tiere werden in Pelzfarmen gezüchtet, meist in kleine Käfige gepfercht und getötet. Undercover-Aufnahmen beweisen, dass nicht selten Tiere lebendig gehäutet werden. Im Zuge von Corona wurden mehrere Millionen Nerze in Dänemark getötet.
Das passiert nicht nur Pelztieren, sondern ist ein Resultat von Massentierhaltung insgesamt, genauso krass ist es bei Hühnern, Schweinen. Das muss insgesamt geändert werden. Natürlich ist auch die Massenhaltung von Pelztieren grausam. Die Tötung der Nerze in Dänemark wurde aus Pandemiegründen angeordnet; ihre Felle durften nicht verwendet werden, sie wurden vernichtet.
PETA startete 1990 erstmals die Kampagne „I'd rather go naked than wear fur!“ - mit großem Erfolg. Sogar Supermodels wie Naomi Campbell oder Cindy Crawford zogen dafür blank, trugen auf dem Laufsteg später aber wieder Pelz, was bei Tierschutzverfechtern für Empörung sorgte.
Um dem entgegenzuwirken, entwickelte man Kunstpelz, heute versucht man Pelz im Labor herzustellen. Wofür würden Sie sich entscheiden?
Secondhand-Echtpelz – ich freue mich, dass diese recycelt werden. Wenn man ihn richtig lagert, behält er seine leichte Geschmeidigkeit.
Karl Lagerfelds Devise bei Fendi war: „Pelz ist Fendi und Fendi ist Pelz.“ Auch nach dem Tod des Designers hält die italienische Marke daran fest, investiert aber mittlerweile in Fasern aus dem Labor. Wird Pelz aussterben?
Nein, das glaube ich nicht. Die ganze Welt trägt wieder Pelz. Er ist zu nachhaltig und zu praktisch – und auch zu schön. In einem Pelzmantel kann man für Jahrzehnte leben. Pelz überlebt Menschen, nicht umsonst erben Menschen Pelzmäntel von den Großmüttern.
Das Kunstwerk „Object (Le Déjeuner en fourrure)“, im deutschsprachigen Raum bekannt als „Frühstück im Pelz“, wurde 1936 von der in Deutschland geborenen Surrealistin Meret Oppenheim (*1913-1985) geschaffen.
Ihre Beobachtung widerspricht der Agenda von High-Fashion-Brands. Gucci, Coach und viele mehr verzichten in ihren Kollektionen vollständig auf Echtpelz. In Deutschland schloss 2019 die letzte Nerzfarm. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?
Die großen Modehäuser wenden sich aktuell entschlossen vom Pelz ab. Dort ist es (noch) ein Tabu-Thema. Pelz entwickelt sich zurück zu einem Nutzgegenstand: In München sah ich eine obdachlose Dame, die ihr Hab und Gut in einem Einkaufswagen vor sich hinschob und einen wunderschönen, bodenlangen Nerzmantel trug, der sie vor der Kälte schützte. Pelz geht underground – junge Leute, die eine Trotzhaltung damit verbinden, tragen Vintage-Pelz.
Protest gegen …
… die moralische Belehrung und das großbürgerliche Statussymbol.
Dieses Interview ist in der Printausgabe 7/2024 „The Animal Issue“ erschienen. Sie können das Magazin in unserem SHOP bestellen.
Barbara Vinken ist Professorin für Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der französischen Literatur des 18. bis 21. Jahrhunderts sowie der Modetheorie und Kulturgeschichte. Vinken lehrte in Hamburg, Zürich, Paris, New York, Chicago und Harvard. Mit „Die deutsche Mutter“, „Mode nach der Mode“, „Angezogen: Das Geheimnis der Mode“ und „Diva: eine andere Opernverführerin“ erreichte sie ein weites Publikum.