Darf man noch Pelz tragen?

Das Kuschelblut

Pelz gab es, bevor der Mensch wusste, was Kleidung ist. Dann degradierte man ihn zum Zuhälter-Symbol, Tierschützerinnen verbannten ihn aus der Modewelt. Er kam als Kunstpelz zurück, heute züchtet man ihn sogar im Labor. Kuschelig oder grausam? Wir sprechen mit der Modetheoretikerin Barbara Vinken.

Text: Collage: Elisa Promitzer

„Pelzmeer in New York und Paris“

Elisa Promitzer: Warum trägt man leblose Tierhüllen?

Barbara Vinken: Echtpelz begeistert als praktisches, warmes Material, zersetzt sich selbst und müllt nicht das ganze Meer mit Plastik zu, wie es bei synthetischem Pelz der Fall ist, der aus Erdöl gewonnen wird. 

Aber da ist dann noch die ethische Frage, …

… ob der Mensch Tiere töten sollte, um sie sich vor Kälte zu schützen. Secondhand-Pelz ist ein guter Kompromiss. Aktuell läuft man in New York und Paris geradezu in einem Pelzmeer, verirrt sich zwischen Vintage-Fell, Kunstpelz und echten Nerzmäntel.

In der Steinzeit gab es keine Moraldebatten. Es ging ums blanke Überleben.

Bereits in Höhlenmalereien findet man Fell, Menschen trugen Schürzen, um sich vor der Kälte zu schützen. Es ist die ureigenste Bekleidung der Menschen. 

Nordeuropäische Stämme handelten mit Pelz, in Sibirien trug man Stachelanzüge zum Schutz vor Bären, Soldaten trotzten mit Pelz-Uniformen der Kälte. Wann hat sich der Nutzgegenstand zu einem Luxusartikel entwickelt?

Pelz wurde schon in der Antike als Statussymbol angesehen. Ab dem 11. Jahrhundert war es zentimetergenau bemessen, wer welchen und wie viel Pelz tragen durfte. Pelze haben auch eine kultische Dimension: Leopardenfell assoziierte man mit Dionysos, dem griechischen Gott des Weins, der Freude, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase. Denken Sie heute an die Leopardenkollektion von Jean Paul Gaultier. 

„Trophy Wives, Zuhälter, Stricher?“

Filme wie „Willie Dynamite“ (Action/Thriller 1973) und „The Mack“ (Drama 1973) stereotypisierten vor allem junge schwarze Männer in Pelzmänteln als Zuhälter oder Stricher.

Ich glaube, dieses Klischeedenken ist nicht länger angebracht: Frauen in Pelz werden nicht mehr als Prostituierte oder Trophy Wives und Männer nicht mehr als Zuhälter oder Stricher abgestempelt.

Oder man spielt bewusst mit diesem Image. Bei der Herbst/Winter-Show 1997 des belgischen Designers Martin Margiela liefen Models mit Pelzperücken vom österreichisch-deutschen Label Bless über den Laufsteg. Auch der britische Designer Alexander McQueen ließ in seinen Kollektionen die Grenzen zwischen Tier und Mensch verschwimmen. Pelz scheint ein Evergreen?

Der Mythos besagt, dass die Eigenschaften des Tieres auf den Menschen übertragen werden, wenn er das Tierfell trägt. Im Löwenmantel ist man der König (der Tiere), im Leopardenfell strahlt man wilde Anmut aus. Es wohnt dem Tragen von Pelzen aber auch eine autoritäre Geste inne; immerhin nimmt man sich das Recht, Raubtiere zu jagen. Schließlich erscheint beim Schriftsteller Leopold Ritter von Sacher-Masoch (1836–1895) ja auch die Venus in einem tadellos geschnittenen Pelz. 

Wir rasieren unsere Körperhaare, um felllos zu sein, aber töten Tiere, um jene am Körper zu tragen. Erkennen Sie eine Parallele?

Es geht offenbar nicht um Natur, sondern um Künstlichkeit. Der Pelz, den wir tragen, wurde vom Kürschner kunstvoll verarbeitet. Erst die beseitigten Haare am Körper machen den Körper zur Kunst. 

„Unmenschliche Verwertung!“

Der österreichische Modedesigner Carol Christian Poell, 1966 in Linz geboren, lotet diese Grenzen aus: Er verstrickte Schweinsdärme zu Pullovern, kreierte aus menschlichem Haar ein Material und designte eine Schweinetasche. Ziemlich radikaler Materialeinsatz. Würden Sie ein Kleidungsstück aus Menschenhaaren tragen?

Nein, niemals. Das assoziiere ich mit der „Menschenverwertung“ der Nazis in den Konzentrationslagern. In „Der Gott dieses Sommers" beschreibt der deutsche Schriftsteller Ralf Rothmann (1953) diese barbarisch unmenschliche „Verwertung“ von Menschenhaaren.  

Hansi Hinterseer in Fell-Moonboots, der Außerirdische Alf in der gleichnamigen Sitcom oder Chewbacca aus Star Wars. Sie alle lassen Fell in einem anderen Licht erstrahlen. Was sind die modehistorisch und popkulturell skurrilsten Pelz-Outfits?

Lady Gaga trug bei den MTV Video Music Awards 2010 ein 20 Kilogramm schweres Kleid aus Rindfleisch. 

„20 Kilogramm schweres Kleid aus Rindfleisch!"

Fleisch, Haut, Fell – Tier ist Tier. Was steckt dahinter?

Viel Ironie: Sie schlüpfte in ein untragbares Kleid oder vielmehr in die untragbare Rolle der Frau, die wortwörtlich wie Frischfleisch am Markt gehandelt wird – ein Statement gegen Sexismus.

Was ist Ihr liebster Pelzmoment?

Die großen schwarzen Diven des Jazz: Sie eigneten sich das luxuriös Opulente in der Hälfte des letzten Jahrhunderts an. Als sie sich endlich diese fantastischen Pelzmäntel leisten konnten, beklagten sie sich, dass es ihnen die Weißen mit moralischen Argumenten versuchten, madigzumachen. Oder eine Dame in Paris, die ihren Nerz lässig als Morgenmantel umhängte, um mal eben ihre Enkelin von der Schule gegenüber zum Mittagessen abzuholen.

„Im Löwenmantel ist man der König (der Tiere).“

Seit wann gilt Echtpelz als moralisch verwerflich?

Spätestens seit der PETA-Kampagne „I’d rather go naked than wear fur!“ aus dem Jahr 1994, in der die Topmodels Naomi Campbell und Cindy Crawford nackt gegen Pelz protestieren – das war ein Schlüsselmoment. Die Tierrechtsorganisation PETA behauptete die moralische Hässlichkeit, ja die Ekelhaftigkeit des Pelzes: Dieser sei nicht schön, sondern blutig und mit Aas und Fleisch assoziiert.

Nerze, Füchse und andere Tiere werden in Pelzfarmen gezüchtet, meist in kleine Käfige gepfercht und getötet. Undercover-Aufnahmen beweisen, dass nicht selten Tiere lebendig gehäutet werden. Im Zuge von Corona wurden mehrere Millionen Nerze in Dänemark getötet.

Das passiert nicht nur Pelztieren, sondern ist ein Resultat von Massentierhaltung insgesamt, genauso krass ist es bei Hühnern, Schweinen. Das muss insgesamt geändert werden. Natürlich ist auch die Massenhaltung von Pelztieren grausam. Die Tötung der Nerze in Dänemark wurde aus Pandemiegründen angeordnet; ihre Felle durften nicht verwendet werden, sie wurden vernichtet.

„Grausam!"

Um dem entgegenzuwirken, entwickelte man Kunstpelz, heute versucht man Pelz im Labor herzustellen. Wofür würden Sie sich entscheiden?

Secondhand-Echtpelz – ich freue mich, dass diese recycelt werden. Wenn man ihn richtig lagert, behält er seine leichte Geschmeidigkeit. 

Karl Lagerfelds Devise bei Fendi war: „Pelz ist Fendi und Fendi ist Pelz.“ Auch nach dem Tod des Designers hält die italienische Marke daran fest, investiert aber mittlerweile in Fasern aus dem Labor. Wird Pelz aussterben?

Nein, das glaube ich nicht. Die ganze Welt trägt wieder Pelz. Er ist zu nachhaltig und zu praktisch – und auch zu schön. In einem Pelzmantel kann man für Jahrzehnte leben. Pelz überlebt Menschen, nicht umsonst erben Menschen Pelzmäntel von den Großmüttern. 

„Pelz geht underground.“

Ihre Beobachtung widerspricht der Agenda von High-Fashion-Brands. Gucci, Coach und viele mehr verzichten in ihren Kollektionen vollständig auf Echtpelz. In Deutschland schloss 2019 die letzte Nerzfarm. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Die großen Modehäuser wenden sich aktuell entschlossen vom Pelz ab. Dort ist es (noch) ein Tabu-Thema. Pelz entwickelt sich zurück zu einem Nutzgegenstand: In München sah ich eine obdachlose Dame, die ihr Hab und Gut in einem Einkaufswagen vor sich hinschob und einen wunderschönen, bodenlangen Nerzmantel trug, der sie vor der Kälte schützte. Pelz geht underground – junge Leute, die eine Trotzhaltung damit verbinden, tragen Vintage-Pelz.

Protest gegen …

… die moralische Belehrung und das großbürgerliche Statussymbol. 

Was symbolisiert Pelz für Sie in drei Worten?

Schönheit, Wärme, Stärke.

Danke für Ihre Einschätzung!

Dieses Interview ist in der Printausgabe 7/2024 „The Animal Issue“ erschienen. Sie können das Magazin in unserem SHOP bestellen.

 

Barbara Vinken ist Professorin für Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der französischen Literatur des 18. bis 21. Jahrhunderts sowie der Modetheorie und Kulturgeschichte. Vinken lehrte in Hamburg, Zürich, Paris, New York, Chicago und Harvard. Mit „Die deutsche Mutter“, „Mode nach der Mode“, „Angezogen: Das Geheimnis der Mode“ und „Diva: eine andere Opernverführerin“ erreichte sie ein weites Publikum. 

Fotograf des Monats: Vincent Wechselberger

Text: Rahel Schneider

Vincent Wechselberger 19

Seit neun Jahren ist der österreichische Fotograf Sexarbeiter. In seinem Projekt READY porträtiert er queere Menschen, die wie er in diesem Beruf arbeiten. Dafür reiste er um die ganze Welt, von New York über Bangkok bis Wien

Mode aus Schweiß

Text: Elisa Promitzer

Die britische Biodesignerin Alice Potts verwandelt Körperflüssigkeiten in Kristalle und schafft daraus poetische Kunst und Mode. Ein Gespräch über Tränenohrringe und eine Hot-Yoga-Class im Couture-Kleid.

Kristalle aus Schweiß – Alice Potts

Die Fashiondesignerin

Text: Elisa Promitzer, Foto: B. Mallek, C. Croft, J. Burez, T. Callemin

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Florentina Leitner im Wonderland: Die junge, österreichische Modedesignerin jongliert mit ihrem Label mit Popzitaten, Humor und Klischees von Feminität, begeistert mit Wolken-Sonnenbrillen, aufgeblasenen Blumen und psychedelischen Mustern. Lady Gaga und Kylie Jenner tragen ihre irren Designs. Wir sprechen mit ihr über Mondlandungen, Kunst und den einen Moment, der alles änderte.