Cosplay ist kein Karneval

Wer Cosplay mit Fasching verwechselt, hat vermutlich noch nie sechs Stunden in einer selbstgebauten Rüstung verbracht. Cosplay ist Präzisionsarbeit, Leidenschaft – und oft sehr lustig. Wir haben uns auf der Comic Con Wien in eine Parallelwelt begeben und sogar den Frodo-Darsteller Elijah Wood getroffen. Eine Reportage.

Text: Dávid Gajdos, Fotos: Dominik Farkas

Be nice, be cool and respect each other!

Ein Wikinger verlässt die Station Messe-Prater, sein Gesicht erstrahlt in U2-Lila. Er könnte das Maskottchen der Linie sein, ist aber einer der vielen Kostümierten, die mit Schwertern und Superheldengewändern unter ihren Winterjacken in Scharen zur Comic Con in den Wiener Messepalast pilgern. Einst waren es Fans von gedruckten Comics, die sich ab den Sechzigern zu solchen Conventions trafen. Heute sind es eher Fans von Fantasy-Filmen und Animes, die sich hier zum Cosplay treffen, also in die Kostüme und ein bisschen auch in die Welten ihrer Lieblingsuniversen schlüpfen.

Auf der Messe tummeln die Fans von Stand zu Stand, posieren füreinander und auch gerne für unsere Kamera. Zum Beispiel eine Familie mit Kleinkind, die silbern glänzende Science-Fiction-Kostüme trägt: „Wir spielen mit den Kindern auch zu Hause Rollenspiele und kommen seit fünf Jahren her. Die Kleinen lieben es.“ Die Eltern offensichtlich nicht minder. Die „Vienna Comic Con“ ist das größte Szenenevent des Jahres in Österreich und erstaunlich familienfreundlich, dafür, dass die sehr authentisch verkleideten Monster und Soldaten für die Kleinsten doch erschreckend sein müssen. Die vielen Kinder scheinen aber eine blendende Zeit zu haben, besonders am großen Nintendo-Stand, wo sie in langen Schlangen darauf warteten, endlich zocken zu dürfen. 

Safe Space

Bei den Bastelständen war der Andrang hingegen nicht ganz so groß, dabei ist die Do-it-yourself-Mentalität ein sympathischer Aspekt der Comic-Messe. Die lustigsten Kostüme sind selbst gemacht. „Ich habe mit zwölf Jahren mein erstes Kostüm für Fasching gebastelt und bin dadurch zum Cosplay gekommen. Jetzt bin ich sogar gelernte Schneiderin“, erzählt eine als Geisha verkleidete junge Frau. Ihre Freundin ist als irgendein Insektenmonster unterwegs, sie kam durch Anime-Filme im Fernsehen zum Cosplay. Was ist das überhaupt? „Wir tragen die Kostüme aus Filmen auch gerne allein zu Hause. Vor allem aber bei Veranstaltungen wie dieser.“

Fantastische Katzenwesen

Wer einmal da war, kommt oft wieder, vielleicht wegen der überraschend herzlichen Atmosphäre. Alle sind nett, quatschen sich an, es werden Komplimente verteilt. Die Organisatorinnen bemühen sich sichtlich um eine nicht toxische Umgebung. Schon auf den Pässen weisen sie einen hin: „Cosplay is not consent! Be nice, be cool and respect each other!“ Das scheint zu funktionieren. „Hier ist es ein Safe Space für mich, die Straßenbahn nach Hause dann nicht mehr so sehr. Da werde ich fast immer angepöbelt, wenn ich im Kostüm heimfahre“, so die Geisha.

Als Nächstes reden wir mit drei fantastischen Katzenwesen. Die Masken verdecken die Gesichter der jungen Frauen ganz, wir verstehen uns trotzdem blendend. „Wir haben uns hier vor einem Jahr kennengelernt. Das macht die Szene aus,  dass man sich anspricht, neue Freundinnen und Freunde findet.“ Während wir reden, läuft ein perfekt kostümierter Jack Sparrow an uns vorbei, er taumelt wie Johnny Depp durch die Szenerie. Eine Stunde später sehe ich ihn wieder, wie er immer noch unermüdlich durch die Massen schwankt. Weird zu sein und sich nicht dafür zu schämen, ist hier angesagt.

Was wir von Frodo lernen können

Stargast des diesjährigen Treffens ist Frodo-Darsteller Elijah Wood. Für 120 Euro kann man mit ihm ein Selfie machen, wem das zu viel ist, kann ihn immerhin bei einem Publikumsgespräch erleben. Woods Karriere hat nach dem Riesenerfolg von „Herr der Ringe“ nie so wirklich Fahrt aufgenommen. Und die Schauspielerinnen und Schauspieler der Erfolgstrilogie bekamen nur eine fixe Gage ohne Beteiligung am Erfolg des Blockbusters, der bis heute geschätzte sechs Milliarden Dollar generiert haben soll. Die Million, die Wood bekommen haben soll, ist somit wenig im Vergleich. „Es war nicht genug Geld, um danach ein Leben lang nichts zu machen“, sagte Wood unlängst bei einem Festival in Texas. 

Die Fans profitieren davon, denn so können sie ihn auch noch 25 Jahre nach dem Dreh in Wien darüber befragen, wie er sich für die Rolle vorbereitet hätte. Wood spielt dabei bewundernswert liebenswürdig mit, beantwortet jede Frage geduldig. Zum Beispiel, was wir von Frodo heute lernen können: „Er wusste, dass er sein geliebtes Auenland womöglich nie wieder sehen würde, zog seine Mission aber trotzdem durch.“ Ja, solche Resilienzfähigkeit würde den meisten von uns vielleicht auch ab und zu guttun.

In einer der zwei bespielten Hallen gab es einen Jahrmarkt; hier findet das Fantasy- und Animeherz alles, was es begehrt. In der zweiten Halle bietet eine Bühne Live-Fanfiction und jede Menge interaktive Stände der Cosplay-Gruppen, zum Beispiel des Vereins LARP, der „Live Action Role Playing“ veranstaltet. Da treffen sich Dutzende verkleidete Menschen und spielen bis zu drei Tage lang ihnen zugewiesene Rollen. Mal in einem Kloster, wenn es um Mittelalter geht, mal auf dem Feld, wenn sie eine Schlacht nachspielen, wie mir ein nach Wehrmachtsoldat aussehender, aber trotzdem sehr netter Mann erklärt. „Wir machen das, um der Realität zu entfliehen und unsere Grenzen zu testen. Und unser Sozialleben profitiert auch davon“, erzählt er begeistert.

Ab 18 Jahre

Auf dem Tisch vor uns liegt eine erschreckend echt aussehende, blutige Plastikwunde. Während wir reden, kommen drei kleine Spidermänner und fragen etwas erschrocken, was das denn sei. Der „Soldat“ zeigt ihnen, wie man in die Wunde greifen kann, um Geschosse herauszunehmen, und würde den etwas traumatisiert wirkenden Kiddies auch gerne etwas von seinen Waffen erzählen, sie werden aber zum Glück von einem Elternteil weggezogen. Ganz jugendfrei ist diese große Party nicht, unter anderem, weil sie auch ein paar streitbare Gestalten anzieht. 

Zum Beispiel die Gruppe „Division Bavaria“, die sich mit einer österreichischen Truppe zusammengeschlossen hat, um in Sturmpolizistenkostümen ihr Waffenarsenal auszustellen. „Wir haben Bundeswehr-Replikas, Airsoft-Gewehre und jede Menge Dekowaffen“, prahlt einer der maskierten Möchtegernpolizisten. „Als Kind habe ich meinem Nachbarn im Keller beim Zocken zugeschaut, beim Cosplay habe ich eine Menge nette Jungs kennengelernt. Jetzt ziehen wir gemeinsam von Convention zu Convention.“ Diese pangermanisch angehauchte Waffenbrüderschaft weckt fragwürdige Assoziationen.

„Ich bin kein Erotikmodel.“

Am nächsten Stand sammelt der Verein „Cosplay Entertainment Austria“ Spenden für schwerkranke Kinder. „Wir wollten mit unserem Cosplay helfen. Die Kinder lieben es, wenn wir als Superhelden zu ihnen ins Krankenhaus gehen.“ 

Am familienfreundlichen Vibe rütteln neben den Waffenfans auch die Cosplay-Influencerinnen, die eine Ecke weiter ihre Fotos verkaufen. Die meisten bieten auch „Spicy“-Fotos in erotischen Posen an, zum Teil immerhin in geschlossenen Mappen für Erwachsene, teils auf Pinnwänden hinter den Models. Die Fotos sind praktischerweise schon laminiert, falls die eher männliche Käuferschaft sie nach dem Gebrauch abwischen müsste, steht dem nichts im Wege.

Eine der Influencerinnen ist Sai Westwood. So heißt sie zumindest auf Instagram, wo sie für ihre 259.000 Followerinnen in verschiedensten, teils recht freizügigen Kostümen posiert. „Ich finde meinen Körper schön. Es ist 2026, Frauen sollten sich doch zeigen dürfen. Aber ich bin kein Erotikmodel, bin nicht auf Onlyfans und verkaufe keine Nacktbilder. Viele Kolleginnen machen das und ich finde das voll ok. Aber ich sehe mich als Künstlerin. Ich mache alles selbst: die Fotos, das Licht, die Kostüme, das Make-up.“ In die Szene kam sie vor zehn Jahren. Zunächst über Anime im Fernsehen, dann kam eine Convention in ihre Heimatstadt und sie war begeistert. So sehr, dass sie jetzt fast schon so aussieht, als wäre sie Asiatin. Kritiker nennen das Phänomen Asian Fishing, Anime-Cosplay kann in manchen Fällen tatsächlich kulturelle Aneignung sein.

Weltflucht

Interessant am Cosplay ist auch der Umgang mit den Geschlechtern. Verschwimmende Gendergrenzen sind in der Szene üblich, man schlüpft in die Rolle, die einem gefällt, unabhängig vom Geschlecht. Genannt wird das Crossplay oder Gender Bending, wie zwei Jungs, die als Dienstmädchen verkleidet sind. Der eine ist queer, der andere verkleidete sich nur aus Spaß. Auch Westwood macht das gerne: „Anfangs verkörperte ich viele männliche Figuren, mittlerweile ist es schwer, meine Brüste zu verstecken.“ Obwohl Westwood mittlerweile vom Cosplay lebt, hat sie immer noch Spaß daran: „Als letztens ein neuer Anime rauskam, hörte ich drei Tage lang den Soundtrack und nähte dabei mein Kostüm. Wenn du nicht das machst, was du liebst, brennst du aus.“

Wenn man mit Frauen redet, die auf Instagram etwas Haut zeigen, erzählen fast alle von belästigenden Nachrichten von Männern. Westwood liest entweder keine Spam-Nachrichten oder die Cosplay-Szene ist wirklich so freundlich, wie sie sich gibt: „Ich bekomme keine Dick-Pics, auch keine Belästigungen. Ich kenne aber Kolleginnen, die damit Probleme haben. Meine Follower sind die Besten, sie supporten mich voll. Übrigens auch meine Familie. Meine Mutter ist stolz auf mich. Sie meint, Madonna hätte in ihrer Jugend auch solche Fotos veröffentlicht.“

Nach der Veranstaltung bleibt Westwood noch für ein paar Tage in Wien: „Ich habe Kunstgeschichte studiert, Wien ist also ein besonderer Ort für mich. In den großen Museen war ich schon, dieses Mal gehe ich in die Secession.“ Die Zeit in Wien ist für sie nicht nur wegen Klimts Beethovenfries eine besondere Auszeit: „Ich kann das Leben nur hier genießen, zu Hause in Odessa ist der Alltag hart. Es gibt ständig Blackouts und Bombenalarm. Hier muss ich nicht ständig daran denken, in jedem Moment sterben zu können. Ich will trotzdem nicht ins Ausland ziehen. Ich bin Ukrainerin und möchte das auch bleiben. In ein paar Tagen fahre ich aus Moldawien mit dem Bus nach Hause.“

Von ihren Bildern auf Instagram würde niemand erraten, dass sie zwischen russischen Luftangriffen, mitten im Krieg, aufgenommen wurden. Der Weltflucht-Aspekt hat für Westwood eine andere Dimension als für die meisten anderen Cosplayer auf der Messe. Das Entfliehen aus der Realität treibt hier aber auch die an, die morgens nicht vom Bombenalarm geweckt werden. Die Comic Con ist ein Safe Space für verschiedene marginalisierte, traumatisierte oder einfach neugierige Menschen, die hier eine Community finden. Und besonders in Zeiten der Einsamkeitsepidemie und der allgegenwärtigen, negativen Schlagzeilen ist das eine feine Sache.

Das Einhorn

Text: David Meran

The Lady and the Unicorn by Luca Longhi (1507-1580)

Ein mittelalterlicher Mythos besagt, dass das Einhorn sich nur einer Jungfrau zeigt. Diese platziert man der Sage nach allein an einer Waldlichtung, bis ihr das magische Wesen in den unberührten Schoß springt. Wir sprechen mit der deutschen Expertin Julia Weitbrecht über ein Tier, bei dem sich viele nicht sicher sind, ob es wirklich existiert.  

Taiga: Berlins begehrtester Friseur

Text: Mia Mödlhammer, Fotos: Taiga Sato

Artistic portrait of a model styled as ‘Medusa,’ featuring vibrant green hair extensions integrated into a structured wire framework. The model wears a sleek black blazer and striking avant-garde makeup with black swirling eyeliner. Styled and directed by Taiga Sato for Infringe Magazine.

Die angesagte Kunst- und Undergroundszene besucht ein und denselben Friseur: Taiga Sato. Der Japaner trifft nicht nur den Puls des Haarzeitgeists, sondern sprengt konventionelle Grenzen, indem er Haare in Kunstwerke verwandelt. Wir haben ihn in seinem Salon in Berlin getroffen. 

Fotograf des Monats: Julian Melzer

Text: Rahel Schneider, Fotos: Julian Melzer

DRAGQUEENS, PUPPYPLAY und BDSM, daneben Shootings für HUGO BOSS und LE MILE. Die Fotografien von Julian Melzer, der in Paris und Berlin lebt, oszillieren zwischen GLAMOUR und PROVOKATION.

Der Fiaker

Text: Julia Bauereiß, Fotos: Christoph Saal (Universaal)

Die Wiener Fiaker sind einerseits traditionell und romantisch, andererseits umstritten – Kulturerbe oder Abschaffung? Wir treffen Marco Pollandt vom Betrieb Fiaker Paul & Riding Dinner in den Pferdestallungen der Pferde und sprechen mit ihm bei einer Spritzfahrt durch den 1. Wiener Bezirk über die Kritik am Beruf, seine große Liebe zu Pferden und den Stallmeister von Queen Elizabeth II.