Als Dries Van Noten 2024 mit seiner gefeierten, letzten Kollektion Abschied von der Mode nahm, schien eine Ära zu Ende zu gehen. Tatsächlich markierte dieser Schritt jedoch einen Neuanfang: Der belgische Designer gründete die Fondazione Dries Van Noten, erwarb einen Palazzo in Venedig und eröffnete dort kürzlich seine erste Ausstellung The Only True Protest Is Beauty. Im Interview spricht er über diesen neuen Lebensabschnitt und seine Pläne für die Zukunft.
Venedig! Wer könnte dieser Stadt widerstehen? Dries Van Noten erwarb mit seinem Lebenspartner Patrick Vangheluwe nach seiner Verabschiedung aus dem Fashion Business den Palazzo Pisani Moretta am Canal Grande. Dort eröffnete er Ende April 2026 die Ausstellung „The Only True Protest Is Beauty“ (bis 4. Oktober 2026) – eine sinnliche Hommage an die Kraft der Schönheit. Brigitte R. Winkler, Doyenne des österreichischen Modejournalismus, bat ihn anlässlich der Eröffnung für uns zum Interview. Tipp: Wer die Ausstellung erleben möchte, braucht etwas Geschick: Besucherinnen müssen zunächst Mitglied werden, bevor sie einen Timeslot reservieren können.
Brigitte R. Winkler: Im April 2026 haben Sie mit Ihrem Lebenspartner Patrick Vangheluwe die Fondazione Dries Van Noten im Palazzo Pisani Moretta am Canal Grande eröffnet. Der Palazzo war in der Vergangenheit Kulisse für exklusive Karnevalsveranstaltungen und sogar ein Filmset für den Film „The Tourist“ mit Johnny Depp und Angelina Jolie. Was soll hier passieren, was noch nicht passiert ist?
Dries Van Noten: Der Palazzo hat in seiner jahrhundertelangen Geschichte viele Leben erlebt, und jedes von ihnen hat Spuren in seinen Mauern hinterlassen. Der Ort wird nicht wieder durch ein einzelnes Ereignis oder durch einen besonderen Anlass belebt, sondern durch etwas Leiseres und vielleicht Dauerhafteres: Er wird zu einem lebendigen, kreativen Umfeld, das das Gebäude nicht als Kulisse, sondern als Zuhause begreift. Ein Ort, an den Kreative, Studierende, Künstlerinnen und Künstler sowie Neugierige immer wieder zurückkehren; an dem Gespräche, die in einer Ausstellung beginnen, über Jahre fortgeführt werden, und ein Ort, an dem neue Beziehungen entstehen. Der Palazzo verdient diese Art Aufmerksamkeit. In gewisser Weise ist gerade diese Kontinuität – ohne Hektik, ohne Spektakel – das Radikalste, was wir mit ihm machen können.
Sie haben Ihr Label 2024 auf seinem Höhepunkt aufgegeben. Warum?
Ich hatte das Gefühl, dass das Werk vollendet war, wie es sein musste, und dass es allem gerecht wurde, wofür die Marke stand. Weiterzumachen, nur um weiterzumachen, wäre ihr gegenüber ein Bärendienst gewesen. Die Mode hat mir ein außergewöhnliches Leben geschenkt – fünf Jahrzehnte voller Neugier, gemeinsamer Arbeit und Kreativität. Doch ich war immer überzeugt davon, dass es ebenso wichtig ist zu wissen, wann man aufhören sollte, wie zu wissen, wann man etwas beginnt. Sich in einem Moment der Stärke zurückzuziehen, fühlte sich ehrlicher an, als darauf zu warten, dass die Energie nachlässt. Und in Wahrheit war es weniger ein Ende als vielmehr eine Neuorientierung. Dieselben Werte, dieselbe Neugier, derselbe tiefe Respekt vor dem kreativen Schaffen – all das findet sich auch in der Fondazione wieder. Es atmet alles, nur in einem anderen Rhythmus.
„Bleib leise genug, um zu bemerken, wenn es passiert.“
Für Dries Van Noten ist Schönheit weder Dekoration noch Werkzeug. Sie zeigt sich in den unscheinbaren, zugleich bedeutsamen Momenten des Alltags, die unsere Wahrnehmung für einen Augenblick verändern.
Was hat Sie dazu bewegt, die Fondazione Dries Van Noten zu gründen? Sie könnten Ihren Lebensabend auch auf einer Insel verbringen und entspannen!
Den Gedanken hatte ich durchaus – das will ich gar nicht bestreiten. Aber ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass das eigentlich nichts für mich ist. Was mich immer angetrieben hat, war nicht nur das eigene Schaffen, sondern vor allem der Austausch: die tägliche Überraschung, einer neuen Perspektive zu begegnen, ein Material zu entdecken, das man bisher nicht bedacht hatte, oder eine Idee, die den Blick auf alles ein wenig verändert. Ohne all das hätte mir etwas Entscheidendes gefehlt. Die Stiftung war daher weniger ein Plan als vielmehr eine Notwendigkeit – eine Möglichkeit, neugierig zu bleiben und mit jener Welt der Kreativen verbunden zu sein, die mein ganzes Leben geprägt hat. Eine Insel wäre wahrscheinlich nur für zwei Wochen schön gewesen.
Ihre erste Präsentation im Palazzo heißt auf Deutsch übersetzt „Der einzige wahre Protest ist Schönheit". Gegen wen oder wogegen richtet sich dieser „Protest“?
Nicht gegen etwas Bestimmtes, und ich denke, genau das ist der Punkt. Ein Protest, der sich gegen ein einzelnes Ziel richtet, ist eine „Reaktion“. Was uns interessiert, ist etwas Beständigeres und Ruhigeres. Es ist ein Protest gegen Taubheit, gegen die Beschleunigung, die alles auf dieselbe, flache Ebene bringt. Gegen eine Welt, die zunehmend Geschwindigkeit und Effizienz auf Kosten von Tiefe und Nuancen belohnt. Schönheit ist in diesem Sinne keine Aussage, sondern ein Beharren. Sie fordert dich dazu auf, langsamer zu werden, wieder hinzuschauen und offen und sensibel zu bleiben – in einem Moment, in dem es vielleicht leichter erscheint, sich dem Gegenüber zu verschließen. Durch diese sanfte, aber beharrliche Weigerung, Hässlichkeit als unvermeidlich zu akzeptieren – durch die Art, wie wir Dinge machen, wie wir mit Wissen umgehen und wie wir miteinander umgehen –, wird der Protest lebendig.
Sie haben einmal gesagt: „Mit Schönheit kann ich nichts anfangen." Was meinen Sie mit dem Begriff „Schönheit“?
Was ich meinte, ist, dass Schönheit sich weigert, benutzt zu werden. In dem Moment, in dem man versucht, sie zu instrumentalisieren, also für einen bestimmten Zweck einzusetzen, verliert sie genau jene Qualität, die sie kraftvoll macht. Schönheit dient weder als Werkzeug noch als Dekoration. Für mich war sie immer eher eine Form der Aufmerksamkeit, eine Art, offen und sensibel für die Welt zu bleiben. Sie kann in den einfachsten Dingen liegen: in der Art, wie das Licht zu einer bestimmten Stunde einfällt, in einer Geste, die mit großer Sorgfalt ausgeführt wird, oder in einem Material, das etwas Unerwartetes offenbart.
Was all diese Momente gemeinsam haben, ist, dass sie einen innehalten lassen, wenn auch nur für einen Augenblick, und die eigene Wahrnehmung verändern. Es ist nichts, was man herstellen oder steuern kann. Man kann lediglich die Bedingungen schaffen, unter denen es geschehen könnte, und dann bleib leise genug, um zu bemerken, wenn es passiert!
„Schönheit kann in den einfachsten Dingen liegen: in der Art, wie das Licht zu einer bestimmten Stunde einfällt, in einer Geste, die mit großer Sorgfalt ausgeführt wird, oder in einem Material, das etwas Unerwartetes offenbart.“
Sie und der belgische Modehistoriker Geert Bruloot haben für den Palazzo über zweihundert Werke aus den Bereichen Mode, Kunst, Design und Handwerk ausgewählt. Was waren die Auswahlkriterien?
Emotion zuerst, immer. Noch bevor ich irgendwelche intellektuellen Überlegungen anstellte, fragte ich mich, ob mich ein Werk berührt, ob es eine Präsenz besitzt, zu der ich immer wieder zurückkehren möchte. Geert brachte eine beeindruckende Tiefe an Wissen mit, die meine intuitive Herangehensweise wunderbar ergänzte, und auch der Palazzo selbst schien sehr klare Vorstellungen davon zu haben, was in ihn gehörte und an welchen Ort.
Welche Rolle spielte das Handwerk?
Jenseits der Emotionen suchten wir nach Werken, die handwerkliches Können offenbaren, bei denen man die Gedanken, die Sorgfalt und die Hingabe spüren kann, die in ihre Entstehung geflossen sind – unabhängig von Disziplin oder Bekanntheitsgrad ihrer Urheberinnen und Urheber. So treten in der Ausstellung unbekannte Handwerkerinnen und Handwerker mit etablierten Namen in einen Dialog. Ausschlaggebend war dabei die Sorgfalt, die Aufmerksamkeit und die Ernsthaftigkeit, die aus ihren Arbeiten sprechen. Darin liegt auch der innere Zusammenhang der Ausstellung: Jedes Werk zeugt von einer tiefen Hingabe an das eigene Tun und von einem bewussten Umgang mit Material, Idee und Ausführung.
Vergoldete Salons, venezianische Fresken und Murano-Kronleuchter: Der Palazzo Pisani Moretta am Canal Grande gehört zu den prachtvollsten Adelspalästen Venedigs. Hinter seiner spätgotischen Fassade zeigt der belgische Designer über 200 Werke, die mit großer handwerklicher Qualität hergestellt wurden.
Die Präsentation im Palazzo soll kein Ersatz für ein Museum sein, sondern „ein kultureller Motor für alle". Wen und was möchten Sie erreichen?
„Alle" meine ich wörtlich! Die Schülerin oder der Schüler, die oder der bisher vielleicht nie einen Grund hatte, einen solchen Palazzo zu betreten. Die Handwerkerin oder der Handwerker, die oder der ein Leben lang ein Wissen pflegt, das bisher kaum die Aufmerksamkeit erhalten hat, die es verdient. Junge Kreative, auf der Suche nach einem Kontext, in dem Experimente wirklich willkommen sind. Oder neugierige Besucherinnen und Besucher, die ohne besonderen Hintergrund mit Kunst oder Design in Berührung kommen und dabei etwas entdecken, was sie nicht erwartet haben. Was ich hoffe, ist, dass die Fondazione ihnen allen keine Lektion, sondern eine Erfahrung bietet – ein Gefühl, dass das, was hier geschieht, auch etwas mit ihnen zu tun hat.
Was meinen Sie mit „kultureller Motor"?
Ein „kultureller Motor“ funktioniert nur, wenn er mit den Menschen um ihn herum verbunden bleibt. Das muss durch echte Offenheit, durch Programme, die das ganze Jahr über stattfinden, aufgebaut werden, durch Eintrittspreise und Formate, die niemanden ausschließen, und durch eine tägliche Präsenz im Leben der Stadt – weit über einzelne spektakuläre Events hinaus. Darauf arbeiten wir hin.
Die Kunstwerke treten in einen vielschichtigen Dialog mit den Räumen des Palasts und lassen die historische Architektur selbst zum Teil der Inszenierung werden.
Sie warnen, dass junge Talente von Zeitdruck, dem Markt, der KI „verschlungen" werden. Was ist die größte Gefahr?
Die größte Gefahr besteht nicht in einer einzelnen Kraft, sondern im Zusammenspiel all dieser Kräfte, die in dieselbe Richtung wirken: Hin zu mehr Geschwindigkeit, zu schneller Sichtbarkeit und zu einer Kreativität, die schnell verständlich und gut teilbar sein soll, bevor sie sich überhaupt richtig entfalten konnte.
Junge Kreative stehen heute unter enormem Druck, ständig zu produzieren, ein Publikum aufzubauen und relevant zu sein, bevor sie überhaupt die Chance bekamen, eine echte Beziehung zu ihrem eigenen Werk und ihren eigenen Instinkten aufzubauen. Das braucht Zeit – und Zeit ist genau das, was das heutige System nicht bietet. Was die Fondazione schenken kann, so hoffe ich, wenn auch nur in bescheidenem Rahmen, ist eine kleine Pause von diesem Druck.
Ihr Vater und Ihr Großvater besaßen beide eine Boutique für Prêt-à-Porter. Wie war Ihre Kindheit? Gibt es Erinnerungen?
Ich erinnere mich an die Boutique als einen Ort der Aufmerksamkeit, an dem Dinge mit Respekt behandelt wurden und die Beziehung zwischen einem Objekt und der Person, für die es gemacht war, ernst genommen wurde. Diese Sensibilität hat mich nie verlassen. Ebenso wenig die Erkenntnis, dass Kreativität nichts ist, das vom Alltag getrennt existiert, sondern tief in ihn eingewoben ist – präsent in den gewöhnlichsten Gesten und Entscheidungen.
Mein Großvater und mein Vater waren keine Künstler, aber sie besaßen Geschmack und Neugier. In vielerlei Hinsicht begann alles, was ich später gemacht habe, genau dort: Menschen dabei zu beobachten, wie sie etwas finden, das sich anfühlte, als wäre es für sie gemacht.
Das Studio San Polo in Venedig unweit des Palazzo, das während der Renovierung des Palais genutzt werden soll, ist ein von der Architektin Giulia Foscari gestalteter, zeitgenössischer Projektraum für Workshops, Residenzen, Gespräche und experimentelle Formate.
Wie oft werden die Ausstellungen in der Fondazione wechseln?
Wir arbeiten nicht nach einem festen Kalender, nur damit alles geplant und wichtig wirkt. Der Palazzo wird heuer umfassend restauriert werden, und in der Zwischenzeit wird unser zweiter Standort, das Studio San Polo, durch Veranstaltungen, Residencies, Sonderprojekte und Partnerschaften alles lebendig halten. Wenn der Palazzo wiedereröffnet wird, möchten wir, dass sich das Programm organisch entwickelt und nicht einem vorgegebenen Rhythmus folgt. Für jede Präsentation soll genügend Zeit aufgebracht werden, um sie wirklich zu erleben und vertiefende Gespräche zu entwickeln. In einer Welt, in der sich alles immer schneller verändert, erscheint uns dieser langsamere Rhythmus als etwas, das wir dringend bewahren sollten.
Worauf kommt es Ihnen im Leben an? Was ist Ihnen heute wirklich wichtig?
Es sind die gleichen Dinge, die mir immer wichtig waren, wenn ich ehrlich bin, nur heute mit größerer Klarheit. Die Menschen um mich herum, die Aufmerksamkeit, die ich ihnen jeden Tag schenke, der Garten in Antwerpen, der mir zu jeder Jahreszeit Geduld lehrt. Gutes Essen, sorgfältig zubereitet, ein Gespräch, das unerwartet irgendwohin führt, das Gefühl, von etwas wirklich überrascht zu werden. Nach einem Leben, in dem ich sehr schnell vorankam, fühlt sich das momentan am kostbarsten an: die Erlaubnis, langsamer zu werden und es bewusst wahrzunehmen. Die Fondazione ist Teil davon. Sie ist nicht vom Leben getrennt, sondern eine Erweiterung jener Neugier, die mich immer angetrieben hat – nur mit mehr Raum zum Atmen.
Die Autorin Brigitte R. Winkler, geboren 1947 in Kärnten, zählt zu den profiliertesten Modejournalistinnen Österreichs („Kurier“). Über vier Jahrzehnte berichtete sie von den wichtigsten internationalen Modeschauen in Paris, Mailand, London und New York und etablierte sich als eine der bestvernetzten Stimmen der europäischen Modeszene. 1992 veröffentlichte sie das Buch „Weltmeister der Mode. Von Armani bis Yamamoto“. Für ihre Verdienste wurde ihr 2018 der Professorinnentitel verliehen. Sie lehrte an der Universität für angewandte Kunst Wien, der Kunstuniversität Linz und ist als wissenschaftliche Beraterin und Autorin tätig.
„Only True Protest Is Beauty“ Fondazione Dries Van Noten Palazzo Pisani Moretta am Canale Grande, in der Nähe der Rialtobrücke Noch bis 4. Oktober 2026
Dries Van Noten wurde 1958 in Antwerpen geboren. Er studierte Modedesign an der Königlichen Akademie der Schönen Künste seiner Heimatstadt und gehörte zu den „Antwerp Six“, jener Designergruppe, die die belgische Mode in den 1980er Jahren international bekannt machte. 1986 gründete er sein eigenes, gleichnamiges Label. 2024 zog sich Dries Van Noten aus der kreativen Leitung seines Modehauses zurück und übergab diese an Julian Klausner.
Ann Demeulemeester, Dirk Van Saene, Marina Yee, Dries Van Noten, Walter Van Beirendonck & Dirk Bikkembergs (von links nach rechts)
Bis 17. Jänner 2027 erinnert das MoMu – ModeMuseum Antwerpen an die „Antwerp Six“. Zu ihnen gehörte eben auch Dries Van Noten, die anderen waren Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck, Dirk Bikkembergs, Dirk Van Saene und Marina Yee. Die sechs Studierenden der Antwerpener Kunstakademie machten die belgische Mode in den 1980er-Jahren weltweit bekannt, indem sie damals mit einem gemieteten Lastwagen zur London Fashion Week fuhren und dort erstmals für Furore sorgten.