Mode, Schmuck, Kunst?

Mehr Bling-Bling für alle?

Petra Zimmermann entwirft Schmuck, der getragen wird und trotzdem Kunst ist, glamouröse Unikate mit einem eigenwilligen Charme. Kürzlich gewann sie den „Outstanding Award für experimentelles Modedesign“. Ein guter Anlass, sie in ihrem Wiener Atelier zu besuchen.

Text: Ricarda Sarah Zoe Steigmeier 

Petra Zimmermann – Mode, Schmuck, Kunst?

„Die Mode sagt, ich gehöre zur Kunst, die Kunst sagt, ich gehöre zum Schmuck.“

Ricarda Sarah Zoe Steigmeier: Welchen Schmuck trägst Du heute?

Petra Zimmermann: Gar keinen. Ich komme nämlich direkt aus der Schule. Ich unterrichte im Kolleg für SchmuckDesign in der Herbststrasse - das ist die einzige Ausbildung für Schmuckdesign in Wien, die nicht traditionell und handwerklich orientiert ist. Dort geht es mehr um Gestaltung, Design und einen künstlerischen Zugang. Ich trage total gerne Schmuck, auch oft eigene Stücke. Gleichzeitig versuche ich, immer wieder mit Kolleginnen zu tauschen, wann immer es möglich ist. Ich habe inzwischen eine ziemlich große Sammlung von befreundeten Designern und Designerinnen. Ich arbeite auch mit historischen Stücken – die trage ich oft sehr lange, bevor ich sie verarbeite. Oder auch gar nicht. Manche Sachen sind einfach so schön, die müssen nicht verändert werden, die sind dann einfach nur Inspiration für mich.

Kannst Du Dich noch an Dein allererstes Schmuckstück erinnern?

Tatsächlich, ja. Es war ein Korallenarmband, so ein ganz simples, für Kinder. Ich habe es bei meinem ersten Urlaub am Meer in Jesolo verloren, das muss 1980 gewesen sein. Ich war todtraurig. Ich sehe das Armband heute noch vor mir. Das war damals ein traumatisches Erlebnis für mich. Die Korallen sind sozusagen zurück ins Meer. Ich dachte bei mir: „Irgendwie passt das ja wieder.“

„Gut tragbar.“

Wir sitzen gerade in Deinem gemütlichen Atelier, Deinem Arbeitsplatz, eine große Werkstatt. Kannst Du beschreiben, womit Du Dich hier täglich umgibst?

Was ich brauche, sind meine Sammlungen an Dingen. Das ist mein Arbeitsmaterial. Taschen, Broschen, Ringe, ganz viele historische Fragmente. Vieles kommt vom Flohmarkt. Ich habe zum Beispiel einen Händler am Naschmarkt, der sammelt gezielt für mich und ruft mich an, wenn er etwas findet. Bei den Broschen ist viel aus den Dreißiger bis Fünfziger Jahren dabei, manches ist noch älter. Das alles ist mein Ausgangspunkt. Dann kommen diverse Materialien dazu, mit denen ich diese Dinge weiterverarbeite.

Ich sehe hier viele Objekte in den Schubladen. Was hat es damit auf sich?

Das sind Formen für die Kunststoffkörper für meinen Schmuck, die baue ich aus Wachs, deshalb liegen überall Wachsplatten herum. In sie gieße ich den Kunststoff. Das ist ein Acrylat, ähnlich wie Plexiglas, aber ich stelle es selbst aus zwei Komponenten her. Das wird dann unter Druck ausgehärtet – ich habe dafür einen Drucktopf mit einer Fahrradpumpe, keinen Kompressor. Das Material kommt ursprünglich aus der Zahnmedizin, ist allergiefrei und sehr langlebig.

Hast Du das mit der Fahrradpumpe selbst zusammengebaut, oder ist das eine gängige Art, das zu machen?

Das ist ein normaler Vorgang. Üblicherweise hat man dafür einen elektrischen Kompressor. Aber ich mache das händisch, als mein Workout (lacht).

„Schlagring-Assoziationen“

Deine Schmuckstücke wirken opulent, glamourös, gleichzeitig sehr präzise. Wie würdest Du Deine Ästhetik beschreiben?

Das ist schwierig für mich. Wenn man sich zum Beispiel eine Strassbrosche vorstellt – das kennt jeder –, dann ist das erst einmal ein sehr klares Schmuckzeichen. Trägt man diese Brosche aber nicht am Revers, sondern zum Beispiel am Handrücken, dann passiert etwas. Man beginnt sie anders zu rezipieren, durch den ungewohnten Kontext. Es ist nun keine passive Dekoration mehr, sondern eine sehr offensive Geste. Fast aggressiv, mit Schlagring-Assoziationen. Diese kleine Kontextverschiebung verändert die Bedeutung komplett. Also braucht es einen Körper dafür. Der entsteht durch den Kunststoff. So wird es ein dreidimensionales Objekt, fast eine Skulptur, die man tragen kann. Viele meiner Ringe kann man auch hinstellen, wenn man sie nicht trägt.

Du arbeitest mit altem Schmuck, aber ohne nostalgischen Blick.

Nostalgie interessiert mich nicht. Ich benutze alten Schmuck nicht im historischen Kontext, sondern als künstlerische Geste. Es geht mir darum, daraus etwas Zeitgenössisches zu entwickeln.

Du machst sogenannten Autorenschmuck. Erkläre uns diesen Begriff!

Der Begriff ist, soweit ich weiß, von der deutschen Kunstwissenschaftlerin Ellen Maurer Zilioli geprägt worden. Früher hat man Schmuckkunst gesagt, der Begriff hat sich nicht durchgesetzt. Autorenschmuck meint Schmuck, der von Künstlerinnen und Künstlern eigens angefertigt wurde, Unikate, die nicht seriell produziert sind, mit einer klaren Handschrift. Man erkennt sofort, von wem ein Stück ist. Ich selbst finde den Begriff ein bisschen sperrig. Wenn mich jemand fragt, sage ich meistens: „Ich mache experimentellen Schmuck“. Das passt für mich besser.

„Experimenteller Schmuck!"

Erinnerst Du Dich an einen Moment, in dem Dir klar wurde, dass Schmuck für Dich mehr ist als ein bloßes Accessoire?

Ja, da gab es tatsächlich diesen einen Moment! I Ich bin in der Steiermark aufgewachsen, nach der Schule nach Wien übersiedelt, dann noch mal ein Jahr nach Prag gegangen. Ich wollte Kunst studieren, aber war noch in einer Art Orientierungsphase. In der Zeit meldete ich mich bei der Salzburger Sommerakademie an. Im Programmheft war ein Objekt abgebildet, das wie eine große Skulptur wirkte, darunter stand: Brosche. Das war eine Arbeit des österreichischen Künstlers Peter Skubic. Da wurde mir klar: Schmuck kann ein künstlerisches Medium sein. Ich hatte dann im Anschluss zwar erst einmal „Transmediale Kunst“ an der Angewandten studiert, weil mir das Genre „Schmuck“ zu eng schien,  bin aber immer wieder dazu zurück gekommen. Man muss sich das Medium zur Idee suchen. 

Hand aufs Herz: Sind alle Deine Schmuckstücke tragbar?

Alle meine Stücke sind tragbar. Ich behaupte sogar: gut tragbar. Auch große Ringe. Sie sind ergonomisch geformt. Natürlich muss man sich an ihre Präsenz gewöhnen, aber sie sind für den Körper gedacht.

„Für den Körper gedacht“

Du arbeitest viel mit Fragmenten und Fundstücken. Was fasziniert Dich an Objekten, die schon ein Leben hinter sich haben?

Die Dinge haben ein Narrativ, zum Beispiel gewebte Taschen: Vor hundert Jahren trug sie vielleicht eine Frau beim Theaterbesuch. Schmuck wurde früher oft eingeschmolzen, deshalb gibt es so wenig. Wenn etwas noch da ist, hat es offensichtlich etwas überstanden. Geschichten, die ein Stück in sich trägt, finde ich sehr spannend.

Das finde ich auch. Bei Vintage Funden geht oft ein Gefühl in die Materie über. Wenn ich das dann trage oder berühre, dann ist das Gefühl von früher irgendwie auch an mir.

Ja, das mit dem Gefühl ist schön gesagt. Es ist aber fast noch konkreter.

Ein spannendes Beispiel für Dein konzeptuelles Arbeiten sind Deine Stücke des „The Jeweler’s Archive“. Erzähle uns etwas dazu!

Ich fand die galvanischen Kupfer Archivplättchen eines Wiener Juweliers am Naschmarkt, die waren beschriftet und datiert. Das war damals so üblich. Das waren Listen von Schmuckstücken, die vermutlich nicht mehr existieren. Aus diesen Kupferplättchen habe ich neue Arbeiten gestaltet – Erinnerungen an Schmuck in Form von Schmuck. Archivierte Objekte, eine Perspektiv-Verschiebung. 

„Sehr konservatives Schmuckverhalten“

Wie beginnst Du ein neues Stück?

Oft mit einem Fundstück. Ich sehe etwas und weiß ziemlich schnell, was ich daraus machen möchte.

Ein zentrales Material Deiner Arbeit ist Kunststoff?

Plastik hat einen schlechten Ruf, aber man muss da differenzieren. Das Material, mit dem ich arbeite, ist sehr hochwertig. Ich kann damit gießen, malen, thermisch verformen. Die Plastikmüll-Problematik liegt woanders. Für mich ist es ein Material mit enormer Freiheit.

Wie weißt Du, wann ein Stück „fertig“ ist?

Das spürt man. Manche Arbeiten bleiben liegen, andere ziehe ich in einem Zug durch. Manchmal scheitert man, manchmal braucht es Jahre, aber irgendwann fügt es sich.

Ich habe das Gefühl, dass Schmuck gerade ein Revival erlebt. Woran liegt das, denkst Du?

In der Mode auf jeden Fall. Ich glaube, das hat viel mit einem offeneren Umgang mit Queerness zu tun. Männer trauen sich im Moment viel, vielleicht sogar mehr als Frauen. Trotzdem ist das Schmuckverhalten im Vergleich zum Modeverhalten erstaunlich konservativ, finde ich.

Viele Menschen sehen Schmuck nicht als Kunst, oder?

Das ist okay. Schmuck ist meistens keine Kunst. Aber ein Medium mit künstlerischem Potenzial. Es gibt seit den 50er Jahren eine Schmuckkunstgeschichte, spezialisierte Galerien und Sammlungen. Spannend wird es dort, wo es um ideelle Werte geht, nicht um den Materialwert oder Prestige.

„Schmuck ist meistens keine Kunst.“

Du hast kürzlich den „Outstanding Artist Award für Experimentelles Modedesign 2025“ verliehen bekommen. Du solltest Deinen Schmuck auf dem Laufsteg präsentieren, war das sehr herausfordernd?

Sehr! Ich bin gefühlt fast gestorben (lacht). Dazu muss ich vielleicht etwas ausholen: Ich sitze mit meinem Handwerk immer zwischen den Stühlen – die Mode sagt, ich gehöre zur Kunst, die Kunst sagt, ich gehöre zum Schmuck. Ich wollte unbedingt Teil der Show am Runway sein und nicht, wie leider oft, separat ausgestellt werden. Es war für mich anfangs sehr schwierig, die Präsentation aus der Hand zu geben, weil ich sonst alles selbst mache – Display, Anordnung, jedes Detail. Ich schlage sonst jeden Nagel selbst in die Wand, ich lege jedes Stück selbst. Aber in diesem Fall ist alles wunderbar von der Stylistin Daliah Spiegel und der Austrian Fashion Association umgesetzt worden. Ich war unglaublich glücklich. Den Schmuck auf dem Laufsteg zu sehen, war ein starkes Erlebnis. Und der Preis hat wirklich neue Sichtbarkeit und neue Kontakte gebracht.

Worauf freust Du Dich gerade am meisten?

Auf alle neuen Begegnungen. Ich habe mich wirklich so über den Preis gefreut — durch ihn gibt es jetzt Anfragen für Shootings, neue Kontexte, neue Gespräche, dieses Interview! Ich habe tolles Feedback aus der Modeszene bekommen, mit der ich bisher nicht wirklich Berührungspunkte hatte. Das finde ich super. Gerade sitze ich an Ausstellungsprojekten für nächstes Jahr. Es ist immer irgendwas los.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mode aus Schweiß

Text: Elisa Promitzer

Kristalle aus Schweiß – Alice Potts

Die britische Biodesignerin Alice Potts verwandelt Körperflüssigkeiten in Kristalle und schafft daraus poetische Kunst und Mode. Ein Gespräch über Tränenohrringe und eine Hot-Yoga-Class im Couture-Kleid.

Die Modejournalistin

Text: Antje Mayer-Salvi, Fotos: Rafaela Pröll

Brigitte R. Winkler ist die Doyenne des österreichischen Modejournalismus und eine unermüdliche Förderin junger österreichischer Designerinnen. Sie sei die erste Modebloggerin des Landes gewesen, so die Fashionexpertin ironisch über sich selbst. Noch immer jettet sie unermüdlich um die Welt, um an vorderster Front von den großen Shows mit der eigenen Kamera zu berichten.

Brigitte Winkler, ©Rafaela Pröll, Brigitte Winkler, ©Rafaela Pröll, Styling: Simon Winkelmüller, Makeup/Hair: Nicole Jaritz, Fotoassistenz: Philipp Haffner

Der Ee-zay

Text: Elisa Promitzer

Modedesigner KENNETH IZE, ausgesprochen EE-ZAY, lebt und arbeitet in NIGERIA, das derzeit wohl mit spannendste Land für zeitgenössische Mode. Aufgewachsen ist er in Wien, wohin er mit seiner Familie als Vierjähriger ins politische Exil flüchtete. Was ihm sein Studium FASHION UND DESIGN an der Universität für angewandte Kunst in Wien brachte, welche Tradition sich hinter dem nigerianischen Material ASO-OKEversteckt und warum NAOMI CAMPBELL für seine Shows läuft, erzählt er uns gut gelaunt auf seinem Kurzurlaub in Österreich.