„Eat weird things!“

Von Festivals und Forwards

Othmar Handl war Fotograf, machte Streetart, organisierte Hip-Hop-Konzerte und leitet heute die Wiener Branding-Agentur Forward Creatives. Vor zehn Jahren gründete er das Forward Festival, das jährlich die internationale Kreativszene zusammenbringt. Er verrät uns, was ein gutes Line-up ist und was ihn nachts nicht schlafen lässt. 

Text: Antje Salvi, Magdalena Willert

Das Forward Festival

„Es geht nicht um das Beliebtsein, sondern um die Haltung.” 

Magdalena Willert: Woraus entsteht Kreativität?  

Othmar Handl: Aus der Fähigkeit, mit Stil das Chaos im Kopf auszudrücken. Kreativität ist keine göttliche Eingebung, sondern die logische Folge von vielen, im besten Falle höchst verschiedenen Eindrücken und Erfahrungen, die idealerweise im richtigen Moment einen Ausgang suchen. Deshalb habe ich das Festival so aufgebaut, wie es ist – als Plattform, um genau diesen Remix zu fördern. Weil klar ist: „You are what you eat. Eat weird things!“ 

Für das Forward Festival vereinst Du Speakerinnen aus verschiedensten Kreativgenres und sorgst dafür, dass die Zuhörerinnen auch nach dem fünften Frontalvortrag nicht müde werden. Wie gehst Du das an? 

Ich kuratiere das Festival nach meinen aktuellen Obsessionen. Ich halte die Augen für das offen, was gerade spannend, mutig, neu oder einfach nur längst überfällig ist. Was mich fasziniert oder inspiriert, das will ich auf der Bühne sehen. Klar braucht’s dabei Abwechslung, Reibung, Flow. Brüche. Ich will keine schönen Slides, ich will Persönlichkeiten auf der Bühne, die uns denken, lernen und lachen lassen. Ich will über die Zukunft nachdenken, an ihr zweifeln, mich an ihr reiben und das von Menschen hören, die, einfach gesagt, „forward“ sind.

„Wenn alle das nahezu Gleiche machen, ist es klug, das Gegenteil zu tun.” 

Was willst Du mit dem Festival erreichen?

Ich will Menschen wieder in Kontakt mit dem bringen, was sie eigentlich antreibt und warum sie überhaupt kreativ arbeiten. Forward soll ein Ort sein, an dem man aus der Routine rauskommt, neue Perspektiven einnimmt und den Kopf wieder für frische Inputs aufmacht. Es geht um Austausch, Inspiration und Impulse, die im Täglichen leicht mal verloren gehen. Wenn jemand nach zwei Tagen sagt: „Ich hab wieder Lust, was Eigenes zu machen – vielleicht sogar was, das größer ist als ich selbst“, dann war’s ein gutes Festival.

Welcher Vortrag ist Dir in Erinnerung geblieben? 

Der Fotograf, Künstler und Filmemacher Roger Ballen, der 1950 in New York geboren ist und mittlerweile in Südafrika lebt, trat 2019 beim Forward Festival in München auf. Der Vortrag war so einprägsam, weil er dabei alles anders machte. Er ließ das Licht im Saal abdunkeln, es war nur ein Spot auf sein Gesicht gerichtet und er sprach monoton über die Apartheid in Afrika. Im Hintergrund sah man seine surrealen Schwarz-Weiß-Fotos. Er holte das Publikum auf allen Gefühlsebenen ab – heiß und kalt, ein Ausnahmezustand der Sinne!  

„Es braucht Leute, die sich trauen, anders zu sein und anzuecken.” 

Warum? 

Wenn alle das nahezu Gleiche machen, ist es klug, das Gegenteil zu tun. Unsere Festivalbühne zieht gewöhnlich mit starken Visuals, Licht- und Soundeffekten die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Roger Ballen nahm alle diese Reize weg. Man konnte sich ohne Ablenkung auf sein Gesicht konzentrieren und das Gesagte bekam dadurch nochmals eine ganz andere intensive Präsenz. Es war so intensiv, dass einige Leute sogar den Raum verlassen mussten, weil es ihnen zu viel wurde. Großartig!

Roger Ballen kennt man unter anderem auch wegen seines verstörenden Musikvideos „I Fink U Freeky“ für die südafrikanische Rap-Rave-Band „Die Antwoord“. Was fasziniert Dich an seinen Arbeiten?

Er ist durch seine Porträts der weißen Unterschicht in Südafrika bekannt geworden. Er fotografierte obdachlose Weiße oder weiße Menschen, die durch Inzest Behinderungen davongetragen haben. In der Apartheid in Südafrika wurden solche Bilder von Weißen nicht gerne gezeigt. Er klärt über ein unheimlich hartes Thema mit einer brutalen Bildsprache auf.  

Warum kommt so etwas so gut an?  

In einer globalisierten Gesellschaft, in der alles immer glattgebügelter wird, braucht es Leute, die sich trauen, anders zu sein und anzuecken.

Die Entscheidung zu treffen, solche polarisierenden Charaktere zu seinem Festival einzuladen, fällt sicher nicht leicht ... 

Doch, unbedingt! Ich hatte die kürzlich verstorbene Werbeikone, den italienischen Fotografen Oliviero Toscani, eingeladen, mit welchem viele aus diversen Gründen ein Problem hatten, vor allem wohl wegen seiner weltbekannten und sehr umstrittenen Werbekampagnen für Benetton, weil er gesellschaftspolitisch provokante Motive wie sterbende Aids-Patienten, den blutverschmierten Soldatenanzug eines getöteten Bosniers oder den Kuss zwischen einem Priester und einer Nonne verwendete. 

„Wenn das System uns nicht mitzieht, bauen wir halt unser eigenes!“ 

Der Saal im Gartenbaukino war trotzdem brechend voll?

So voll wie noch nie. Die Menschen wollten hören, was er zu sagen hat. Und auch wenn man seine Meinung etwas diplomatischer als er kundtun kann, hörte und sah das Publikum, wie kompromisslos Toscani Kreativität lebte. Es geht nicht um das Beliebtsein, sondern um die Haltung. Und es geht darum, ein Publikum aus seiner Komfortzone zu holen. Ich hab’s aufgegeben, es allen recht machen zu wollen. Ich will lieber, dass die Vorträge was bei den Besuchern auslösen, getreu dem Motto: „If no one hates it, no one really loves it.“

Stars wie der österreichische Grafikdesigner Stefan Sagmeister, der in New York lebt und unter anderem durch seine Album-Covers für The Rolling Stones oder Talking Heads berühmt wurde, sind regelmäßig beim Forward Festival mit dabei. Wie ist der so?

Stefan ist ein Gentleman. Ich erinnere mich gerne an ein Q&A (Questions and Answers) bei einem der ersten Festivals, als er ohne Scheu erzählt hatte, dass er beim ersten Versuch, an der Angewandten in Wien aufgenommen zu werden, durchgefallen sei, weil er nicht gut genug zeichnen konnte. Also hat er einen Zeichenkurs besucht, es ein Jahr später nochmal probiert und der Rest ist Geschichte. Genau das ist es, was für mich einen echten Forward-Speaker ausmacht: Menschen, die wissen, was sie wollen, die einen Traum haben und dafür kämpfen.

Wie war Eure Erfahrung mit der jungen österreichischen Fotografin Maša Stanić, die mit ihren Freundinnen beim Festival im Jahr 2021 nackt aufgetreten ist?

Maša ist eine Natural born legend – und ich bin wahnsinnig stolz auf sie. Es war ihr erster Talk vor Publikum, und sie war echt nervös. Also hat sie sich auf das alte Sprichwort besonnen: „Wenn Du nervös bist, stell Dir das Publikum nackt vor.“ Nur dass sie es einfach umgedreht hat und ihre Freundinnen und Freunde nackt auf die Bühne mitgebracht hat. Sie war zwar trotzdem nervös, sprach so schnell, dass sie nach acht Minuten mit ihrem eigentlich 30-minütigen Talk durch war, aber das hat niemand gemerkt, weil sowieso alle auf die Nackten geschaut haben. Der Talk war mutig, direkt, radikal, ehrlich – genau wie Maša. 

Euer Festival fand bereits in Amsterdam, Berlin, Hamburg, München und Zürich statt. Du recherchierst weltweit, um interessante Speakerinnen zu finden. Welches Standing hat Wien in der Kreativwelt da draußen?

An sich ein gutes – aber es reicht nicht an die Strahlkraft früherer Zeiten heran. Zur Zeit der Wiener Werkstätte war Wien ein kulturelles Epizentrum. Heute sind wir international eher eine Randnotiz. Aber manchmal eben eine sehr gute.

Woran liegt das? 

Weil wir uns systematisch klein halten. Kreativität wird in Österreich oft als dekoratives Beiwerk gesehen, nicht als wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Motor. Es fehlt nicht an Talenten, sondern an Vision, Risiko und Reibung. Wir kultivieren Mittelmaß mit Auszeichnung. Wer aus diesem System „rauswill“, muss meistens auch rausgehen. 

Was bräuchte es?

Weniger Bürokratie, eine andere Mentalität, mehr Möglichkeitsräume und mehr „Zeig, was Du kannst.“ Wenn das System uns nicht mitzieht, bauen wir halt unser eigenes! Genau dafür gibt’s Forward. Und vielleicht ist es auch das: Wir ruhen uns ein bisschen aus. Auf der goldenen Vergangenheit, auf dem guten Ruf. Wir hatten die Wiener Werkstätte, Sagmeister, Wurm. Touristen kommen für Klimt, Schiele und Otto Wagner.

„Schläfst Du gut?“

In einem Eurer Workshops stellt Ihr Euren Speakerinnen immer die Frage, wie man es schafft, in der Nacht gut zu schlafen. Schläfst Du gut?

Schlecht. Ich bin Unternehmer. Ich jongliere Budgets, Line-ups, Löhne – und versuche gleichzeitig, Kreative zu überreden, etwas zu tun, was eigentlich nicht ihr Job ist: vor anderen Menschen reden. Und dann hab ich noch einen eineinhalbjährigen Sohn. Der schläft auch nicht. Also passt das ganz gut (lacht). 

Du hast ein Unternehmen, ein Festival und ein Kind in die Welt gesetzt. Was steht noch auf Deiner Bucket-List?

Ganz ehrlich: Eigentlich lässt sich das nicht wirklich vereinen. Seit der Geburt unseres Sohnes hat sich an meinem Alltag gar nicht so viel geändert, er ist nur noch intensiver. Die Agentur und das Festival fordern viel, aber wir werden professioneller, routinierter. Wir machen die Dinge nicht zum ersten Mal. Das hilft. 

Und trotzdem geht es irgendwie ...

... vor allem weil meine Frau wahnsinnig viel abfängt und mit einem unglaublichen Gespür für Balance den Laden zu Hause zusammenhält. Ohne sie würde das alles nicht funktionieren. Punkt.

Ein gutes Schlusswort. Danke für das Gespräch!

Othmar Handl studierte an der University of Staffordshire Advertising und Brand Management. Er gründete die Musikreihe Step Forward, für die er Clubnächte mit Künstlerinnen aus der Hip-Hop- und Streetart-Szene organisierte. 2013 gründete er seine Agentur Forward Creatives und organisiert seit 2015 das international veranstaltete Forward Festival.   

Das Forward Festival ist der Treffpunkt für kreative Köpfe und Branchenprofis. Disziplinen- und branchenübergreifend bringt das Festival Designerinnen, Marketerinnen, Künstlerinnen, Technologinnen, Unternehmerinnen und mutige Visionärinnen aus aller Welt zusammen. Zu den bisherigen Speakerinnen des Festivals zählen unter anderem Refik Anadol, Martha Cooper, Malika Favre, Stefan Sagmeister, Mirko Borsche, Erik Kessels, Anna Ginsburg, Eike König, Annie Atkins, Paula Scher, SNASK, und viele mehr.
 
Wann:   
Berlin 28.–29. September 2025  
Wien 02.–03. Oktober 2025  

Wo:   
HKW BERLIN, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin  
GARTENBAUKINO, Parkring 12, 1010 Wien  

 

(DP) 

„Hier kann man atmen.“

Text: Rahel Schneider, Fotos: Max Kropitz, Patrick Johannsen

Mona Jas Porträt KinderKunstLabor St. Pölten Schenker Salvi Weber

Das KinderKunstLabor in St. Pölten ist das erste Haus seiner Art, ein Ausstellungsort für internationale zeitgenössische Kunst für ein junges Publikum. Wir unterhielten uns mit der künstlerischen Leiterin MONA JAS darüber, warum Kinder KEINE HANDYS dort wollen und man ihnen Kunst nicht erklären muss. 

Schleimpilze & Wurmgehirn

Text: Magdalena Willert

Die französisch-britische Visionärin und Tech-Autorin Claire L. Evans ließ schon 2017 Künstliche Intelligenz für ihre Band YACHT komponieren – lange bevor das cool (oder gruselig) war. Statt im Quellcode wühlt sie heute lieber in der Gartenerde. 

„Ich fange Zeit ein“

Text: Rahel Schneider, Fotos: Zeitfang

Nur wenige wissen, wer hinter dem Künstlernamen ZEITFANG steckt, doch hinter den Kulissen vernetzt der Fotograf die deutschsprachige zeitgenössische Musikszene wie kaum ein anderer. Vor seiner Linse stehen Stars wie die Band Tokio Hotel, die Sängerin Paula Hartmann oder der Komiker Otto Waalkes. Viele seiner Aufnahmen entstehen ganz nebenbei – bei einem gemeinsamen Kaffee oder im Trubel eines Musikfestivals.