Während viele große Bundesmuseen Besucherrekorde feiern, waren die Zahlen im mumok zuletzt mau. Die frisch gebackene Generaldirektorin Fatima Hellberg verrät uns, mit welchen Ideen sie wieder mehr Menschen ins Haus locken will. In der Kunstszene gilt die gebürtige Schwedin als fantastische Ausstellungsmacherin.
Die konservative Presse in Österreich echauffierte sich über die Wahl der Schwedin Fatima Hellberg. Heinz Sichrovsky, Ressortleiter Kultur bei News, fragt sich ernsthaft: „... wie es denn plötzlich derart schwer sein kann, qualifizierte Museumsdirektoren zu finden. Wo es doch genügend große, charismatische, auch umstrittene Persönlichkeiten gegeben hat!“ (sic!) Sichrovsky meint mit „groß" vor allem die männlichen Langzeit-Direktoren Klaus Albrecht Schröder (Albertina), Peter Noever (MAK) und Gerald Matt (Kunsthalle Wien). Eine veraltete Vorstellung von Kulturbetrieb und „Größe", die wohl zeigt, wie wichtig der derzeitige Generationenwechsel in den heimischen Museen ist.
Antje Salvi: Wir können dieses Interview auf Deutsch führen, Sie sprechen es fließend, obwohl es für Sie als Schwedin eine Fremdsprache ist. Wie geht es Ihnen in Wien mit den Dialekten?
Fatima Hellberg: Die besondere Schönheit der deutschen Sprache habe ich hier in Wien erst richtig lieben gelernt. In Österreich existiert eine liebevolle Wertschätzung für das Deutsche, der ich im Theater und in der Literatur begegne, und es kommt immer ein gewisser Humor zutage.
Seit Oktober 2025 sind Sie offiziell als Generaldirektorin des mumok in Wien im Amt. Was war Ihre erste Amtshandlung?
Anfänglich habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, das Team kennenzulernen. Unabhängig davon, ob jemand für Kuration, Finanzen, die Sicherheit oder IT im Haus zuständig ist: Es ist kein Zufall, dass man in einem Museum arbeitet. Die Kunst prägt unsere Tätigkeiten. Ich habe den Mitarbeitenden viele Fragen gestellt und viel zugehört. Ich wollte den Mikrokosmos mumok erst einmal verstehen.
Das „Museum des 20. Jahrhunderts“ (später „mumok“) war das allererste Haus, das ab 1962 zeitgenössische Kunst in Österreich zeigte. Die Zeit war damals noch von der NS-Zeit geprägt, in der moderne Kunst als „entartet“ galt. Besonders auf den Wiener Aktionismus reagierten die Österreicherinnen damals ablehnend. Es gab sogar Polizeieinsätze, die die Performances auflösten.
Ein Mikrokosmos, der sich mehr nach außen öffnen will. In Ihrem kürzlich vorgestellten Jahresprogramm kann man lesen, dass Sie die Wahrnehmung, die Rezeption und die Entstehung des Kunstwerks in Zukunft mehr thematisieren wollen. „Ein Museum muss kein Ort schneller Antworten sein. Es kann ein Raum sein, in dem man Komplexität erlebt und aushält.“ Glauben Sie, dass Sie damit die Besucherinnen, wirklich erreichen? Ist das nicht sehr selbstreflexiv?
Die Umwelt erfahren und ihr Aufmerksamkeit schenken – diese Ressourcen haben wir alle. Wir setzen uns täglich mit ihr auseinander, im mumok nur in einer anderen Form: Unser Schwerpunkt liegt in der Präzision, mit der wir unser Programm umsetzen – in der Aufmerksamkeit, im genauen Hinsehen und Zuhören.
Mit dem Wort „Komplexität“ verbindet man eher verschwurbelte Texte und viel Theorie?
Nein, das Gegenteil! Ich bin überhaupt nicht gegen erklärende Texte. Ich finde, sie eröffnen zusätzliche Ebenen. Ich plädiere aber dafür, nicht zuerst die Texte zu lesen, sondern zunächst der Wirkung der Kunst zu vertrauen.
Um das mumok zu verstehen, muss man auch seine Geschichte kennen. Gegründet wurde es als „Museum des 20. Jahrhunderts“ von Kurator und Kunsthistoriker Werner Hofmann. Bevor es ins Museumsquartier zog, war es im 20er Haus untergebracht, im legendären Pavillon von Karl Schwanzer. Heute ist dort das Belvedere 21.
Es war das allererste Museum in Österreich, das ab 1962 zeitgenössische Kunst zeigte – heute tun das sehr viele Museen in Wien. Das Museum entstand in einer Zeit, in der die Auseinandersetzung mit der Gegenwart immer mehr in den Mittelpunkt rückte. Daraus entwickelte es seine Dringlichkeit und seine Mission. Die Frage nach der Auseinandersetzung mit der Zeit liegt in der DNA des mumok.
Werner Hofmann war eine Legende! Ohne ihn gäbe es das mumok heute nicht!
Er war wirklich prägend. Im Unterschied zu vielen anderen Wiener Museen konzentrieren wir uns auf experimentelle, gesellschaftskritische und aktuelle Kunstformen. Hofmann hat das Museum nicht nur als Ausstellungsort, sondern auch immer als Diskussionsort gesehen. Er hat daran geglaubt, dass Kunst die Gegenwart spiegeln und relevante Fragen der Zeit aufspüren kann.
Das mumok besitzt eine eigene Sammlung mit rund 12.500 Werken der modernen und zeitgenössischen Kunst.
Kann sie das? Kaufen Sie noch neue Kunstwerke an?
Unsere Sammlung wächst ständig und ist lebendig. Sie ist unser Fundament, wir treten mit ihr in einen Dialog. Sie ist der Ausgangspunkt für ein ganzheitliches Denken des Museums, in dem alle Gewerke in Synergie stehen. Es gibt eine Spannung und Energie in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die wir immer wieder erneuern.
Während sich viele Wiener Museen, wie die Albertina oder das Belvedere, über Besucherinnen-Zuwächse freuen können, sind die Zahlen im mumok, auch wegen Schließungen auf Grund von Bauarbeiten in den vergangenen zwei Jahren, zurückgegangen. Wie gedenken Sie, das wieder aufzuholen? Der schwarze Block im Museumsquartier, den die Architekten Ortner & Ortner als massive, monolithische Erscheinung aus dunklem Basalt konzipierten, gilt als schwer bespielbar?
Mit Terminal Piece, einer Ausstellung, die Sammlungswerke, externe Leihgaben und neu in Auftrag gegebene Werke vereint, und einer Einzelausstellung der georgischen Künstlerin Tolia Astakhishvili feiern wir am 20. Juni unsere große Premiere – da öffnen wir das Haus mit unserem neuen Programm. Viele der Kunstwerke in unserer Sammlung hingen einst in Künstlerateliers und in Wohnräumen. Der Gedanke an ein Leben mit der Kunst inspiriert mich sehr. Für mich ist es nicht nur wichtig, sich an den Gründungsgedanken des Museums zu erinnern, sondern auch an die Grundidee und das Konzept von Ortner & Ortner für das Gebäude. Dem möchte ich mich wieder mehr annähern. Beispielsweise werden wir erstmals wieder die Fenster im Haus öffnen.
Sie meinen diese Schießscharten, die man von außen sieht? Das sind wirklich Fenster, durch die man nach draußen schauen kann?
Ja, das sind Fenster! Wir haben im Dachgeschoss übrigens auch ein riesiges, wunderschönes Panoramafenster über die Stadt. Wir werden uns also im wahrsten Sinne des Wortes nach außen öffnen.
Matthias Dusini, Feuilletonchef des Falter, schrieb 2002 über das gerade eröffnete mumok: „Das Museum moderner Kunst ist ein Skandal. Es ist so unübersichtlich angelegt, dass der Besucher sich hoffnungslos verirrt. Uns weiter, so sehr man sich auch bemühe: „Das Haus wird immer eine ziemlich verplante Hütte mit der Atmosphäre eines Mausoleums bleiben.“
Bisher wirkt das mumok eher wie eine Burg oder ein Bergwerk!
Ich finde die Assoziation mit einem Bergwerk schön: Ein Ort der Produktion und des Hebens von Schätzen, daran werden wir wieder anknüpfen. Tolia Astakhisvili wird bei uns ab Mitte Mai ein offenes Atelier installieren. Wir wollen den Entstehungsprozess einer Ausstellung zeigen und die Möglichkeit bieten, hinter die Kulissen zu schauen. Gemeinsam mit Tolia werden wir ein tägliches Programm mit Aktivitäten anbieten, die sich mit unterschiedlichen Formen der sinnlichen und körperlichen Wahrnehmung beschäftigen und die die Besucherinnen und Besucher teilweise in die Vorbereitung der Ausstellung einbinden.
Wie kann man sich das konkret vorstellen? Wird das Depot geöffnet, gibt es neue Räume?
Wir arbeiten mit Anna Viebrock zusammen, einer deutschen Bühnen- und Kostümbildnerin sowie Regisseurin. Ihre Installationen verwandeln institutionelle Räume wie unsere in geradezu poetische Inszenierungen. Sie untersucht bereits das ganze Gebäude und will auch mit Räumen interagieren, die man bisher nicht gesehen hat. In diesem Sinne wird es eine Art begehbares Gesamtkunstwerk. Ein Museum hat ja diesen Eisberg-Effekt, wo man immer nur die Spitze sieht. Ich finde persönlich sehr faszinierend, was darunter ist.
Normalerweise beginnt eine klassische Ausstellung, wenn die Kunstwerke ankommen ...
... aber für mich ist es auch sehr interessant, die Prozesse bis dahin zu zeigen, das passiert für gewöhnlich selten in einem Museum. Wie entsteht ein Kunstwerk, was macht eine Kuratorin oder ein Kurator, wie wird Kunst aufbewahrt?
Der junge dänische Kunsthistoriker Lukas Flygare (*1993), bislang Sammlungsleiter und Kurator am Museum Moderner Kunst Frankfurt, wurde zum Chefkurator und stellvertretenden wissenschaftlichen Generaldirektor des mumok bestellt. Kulturredakteurin Almuth Spiegler übte daran in der Presse (14.11.2025) Kritik – einerseits wegen seiner aus ihrer Sicht geringen Erfahrung, andererseits, weil langgediente Kuratorinnen nicht zum Zug gekommen seien.
Der ganze Kunstbetrieb gibt sich gewöhnlich distanziert, ja geradezu elitär. Ich denke, für viele, besonders jüngere oder bildungsferne Personen, ist ein Museum ein Buch mit sieben Siegeln?
Für mich ist es ganz wichtig, dass es eine bestimmte Form von Erlaubnis gibt. Ein Museum kann mehr sein als ein Ort, an dem man nur passiv schaut oder zuhört. Man muss nicht alles toll finden. Es gibt nicht die eine richtige Antwort, es gibt viele. Ich plädiere für eine Großzügigkeit und eine offene Auseinandersetzung.
Klingt schön, aber was heißt das konkret? Diese partizipativen Ansätze sind eine Reaktion auf autoritäre Deutungshoheiten, die man durchbrechen will, aber ehrlich gesagt, nerven sie mich persönlich zuweilen. Ich mag eine klare Deutung, Unklarheiten gibt es ohnehin genügend. Ich möchte passiv sein dürfen und sehr gerne auch unterhalten werden.
Die Inszenierungen von Anna Viebrock sind ein gutes Beispiel, um zu zeigen, was ich meine. Sie spielt viel mit Innen und Außen, mit Sichtbarem und Unsichtbarem. Du bewegst dich anders in ihren Räumen als in einem klassischen Museum, nimmst andere Besucherinnen und Besucher wahr, wie sie ein Kunstwerk betrachten, dich selbst und wie du auf sie reagierst: Das übliche Ritual eines Museumsbesuchs mit einem frontalen Blick wird durchbrochen. Sie erzeugt eine Art sinnliche, körperliche Wahrnehmung, bei der man merkt, dass man immer auch ein Teil des Ganzen ist.
Ein Kollege von Ihnen hat geschrieben, Ihr kuratorisches Merkmal sei, Ihre Ausstellungen räumlich sehr präzise zu inszenieren. Einer, der das perfekt beherrschte, war der legendäre Schweizer Kurator Harald Szeemann. Ein Vorbild von Ihnen?
Ja, er ist absolut ein Vorbild. Er besaß diese Leidenschaft und Liebe zum Detail. In seiner Arbeit behandelte er oft existentielle Fragen, auch Fragen zur Wahrnehmung. Aber ich denke, dass es wichtig ist, nicht nur auf die eigene Perspektive zu achten, sondern auch den Blick anderer einzubeziehen. In unserer Eröffnungsausstellung gibt es immer wieder Momente, in denen sich der Fokus verschiebt.
„Wo fängt überhaupt eine Ausstellung an?“
Ab 20. Juni 2026 schlägt das mumok ein „neues Kapitel“ auf: mit der groß angelegten Ausstellung „Terminal Piece“, die sich über sechs Ebenen des Hauses erstreckt. Jede Ebene wird als Akt inszeniert – ein begehbares Gesamtkunstwerk. Ausgangspunkt ist die gleichnamige Installation der US-amerikanischen Feministin und Künstlerin Kate Millett aus dem Jahr 1972. Die Installation ist der erste Ankauf Hellbergs, auch das Archiv von Millett wird in die mumok-Sammlung integriert. Parallel dazu eröffnet die erste museale Einzelausstellung der georgischen Künstlerin Tolia Astakhishvili.
Sie meinen, die menschliche Wahrnehmung ist nur eine von vielen Formen, die Welt zu betrachten?
Ja, und sie ist begrenzt und kann nicht alleiniger Maßstab sein. Ich plädiere für Neugier und Empathie für diverse Perspektiven. Aber was ich mit Harald Szeemann teile, ist die Ansicht, dass eine Ausstellung im besten Fall etwas Magisches sein kann. In Ausstellungen können parallele Welten erschaffen werden, die einem ein anderes Zeitgefühl geben und einem Neues eröffnen. Wenn man sie betritt, verändert sich etwas. Ich beschäftige mich mit vielen Fragen: Wo fängt überhaupt eine Ausstellung an? Und was sehe ich als Erstes, wenn ich in den Raum reinkomme?
Ich habe auch noch eine Frage: Können Kunst oder ein Museum uns in dystopischen Zeiten wie diesen trösten?
Ich finde, man sollte nicht unterschätzen, wie wichtig heutzutage Aufmerksamkeit ist. Dieser Aspekt, dass man sich im Museum etwas anschaut und sich selbst dazu Gedanken macht, ist ein ursächlich demokratischer Prozess. Da hat jemand mit sehr viel Intention und Intensität Kunst produziert, weil sie oder er wollte, dass jemand anderes sie ansieht. Meine Hoffnung ist, dass ein Museum ein Ort ist, der Halt in fragilen Zeiten gibt, weil es ein Ort der gegenseitigen Auseinandersetzung ist.
Ihr Museum beherbergt über 12.500 Werke. Wie wissen Sie, was sich alles im Depot befindet?
Ich hatte ja ein bisschen Vorbereitungszeit und habe das Archiv erst einmal digital durchstöbert. Ich habe mir so 300 Kunstwerke pro Tag vorgenommen, was natürlich nicht das analoge Erleben des Werks ersetzen kann. Das mache ich natürlich auch. Bei uns arbeitet, unter anderem, ein Team von fünf Restauratorinnen und Restauratoren, dessen Aufgabe die Fürsorge für diese Werke ist. Die sorgfältige Verwahrung hat den Vorteil, dass alles immer super verpackt und klimatisiert ist, man aber seltener etwas spontan entdecken kann.
„Ausgestopfte Ziege mit einem Autoreifen“
Haben Sie trotzdem Entdeckungen gemacht?
Ja! Wir haben beispielsweise Bruce Naumans „Audio-Video Underground Chamber“ in der Sammlung, einen nicht zugänglichen Raum, aus dem es Video- und Tonaufnahmen gibt.
Das ist wirklich cool. Fast schon symbolisch für Ihr Programm! Erzählen Sie uns noch etwas über sich! Sie sind ja in einer Künstlerfamilie in Schweden aufgewachsen. Hatten Sie eine Bullerbü-Kindheit?
Ich bin in Stockholm und Malmö aufgewachsen, in der Kreativität Teil meines Alltags war. Meine Mutter pendelt als Konzeptkünstlerin zwischen Berlin und Schweden, wo mein Vater als Maler auf dem Land lebt. Ich erinnere mich noch an das Moderna Museet in Stockholm, da gab es eine anarchische Kinderwerkstatt, die mich sehr geprägt hat. Das ikonische Werk „Monogram“ von Robert Rauschenberg, eine ausgestopfte Ziege, mit einem Autoreifen kombiniert, hatte mich tief beeindruckt. Da war ich vielleicht fünf Jahre alt. Später bin ich dem Werk als Kuratorin wieder begegnet. Ich finde solche Zeitschleifen schön, wenn man sieht, dass man ein Kunstwerk immer neu lesen kann, wie ein Buch, das man Jahrzehnte später zur Hand nimmt und es einem vorkommt, als wäre es das erste Mal.
Sie führen ein Alias. Als Ada Frände produzieren Sie auch mit Künstlerinnen selbst Kunstwerke?
Ich kenne so viele Künstlerinnen und Künstler, die großartige Kuratorinnen und Kuratoren sind, und ich kenne kaum Kuratorinnen oder Kuratoren, die sich trauen, Kunst zu machen. Ich dachte, das kann man ändern, also habe ich es gemacht – aus Neugier und zur Übung.
Werden wir Sie als Direktorin auch manchmal als Ada Frände erleben?
Momentan fließt diese Energie und Neugier ins mumok, in unsere zukünftigen Pläne und die große Eröffnung am 20. Juni!
Fatima Hellberg (*1986, Schweden) studierte Visuelle Kulturen und Kunstgeschichte an der Universität Oxford sowie Curating Contemporary Art am Royal College of Art in London. Sie war künstlerische Leiterin des Künstlerhauses Stuttgart (2015–2019) und leitete den Bonner Kunstverein (2019–2025). Seit 1. Oktober 2025 ist sie Generaldirektorin des mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien.
Hellberg kuratierte eine Reihe von Ausstellungen in Institutionen wie u. a.: Tate Modern, London; Institute of Contemporary Art, London; CCA Wattis Institute for Contemporary Arts, San Francisco; Malmö Konsthall und Museion, Bozen.