Seit neun Jahren ist der österreichische Fotograf Sexarbeiter. In seinem Projekt READY porträtiert er queere Menschen, die wie er in diesem Beruf arbeiten. Dafür reiste er um die ganze Welt, von New York über Bangkok bis Wien.
Es scheint, als sei zwischen Hochglanz-Erotik und aufgeblasener Edginess eine gewisse Taubheit eingetreten. Wer heute noch mit bloßer Nacktheit schockieren will, läuft Gefahr, zum ästhetischen Klischee zu werden – vor allem, wenn Fragen nach Macht und Hierarchien fehlen. Gut, dass es junge Kunstschaffende gibt, die den Blick schärfen.
Vincent Wechselberger schaut von innen auf eine Szene, die von Politik und Gesellschaft allzu oft ignoriert wird. Sein Projekt READY ist eine Arbeit von queeren Sexarbeitenden für queere Sexarbeitende – und selbstverständlich für alle, die sich auf diesen Blick einlassen wollen. Wir treffen Vincent zum Gespräch über Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und die harten Realitäten der Branche.
Rahel Schneider: Vincent, Du hast erzählt, dass Dich die berühmte amerikanische Fotografin Nan Goldin stark in Deiner Arbeit inspiriert. Die Menschen, die sie fotografiert, beschreibt sie oft als ihre „chosen family“, da sie zu ihrer eigenen Familie ein eher schwieriges Verhältnis hat. Ist das bei Dir ähnlich?
Vincent Wechselberger: Nein, nein, ich habe zum Glück ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern und meinen Geschwistern. Wir sind fünf Geschwister und wir sind alle queer.
Wow! Welche Rolle hast Du da eingenommen?
Ich war wohl derjenige, der am lautesten und am meisten für unsere Queerness gekämpft hat. Dafür wurde ich in der Schule viel gehänselt. Damals, in den frühen 2010er Jahren in Österreich, war das ja noch nicht gang und gäbe. An unserer Schule mit tausend Schülern und Schülerinnen gab es ganze vier schwule Männer.
… die geouted waren, nehme ich an.
Ja, es gab sicherlich viele mehr, die sich aber nicht getraut haben, offen zu ihrer Sexualität zu stehen. Deshalb habe ich auch angefangen, queere Menschen zu fotografieren. Um zu zeigen, dass wir da sind, dass wir immer da waren. Natürlich auch, um zu provozieren.
Wie kam das an?
Mein erweiterter Familienkreis ist sehr konservativ und katholisch. Meine engen Familienmitglieder, auch meine Eltern, sind darunter die „Alternativos“. Trotzdem sagt meine Mutter noch heute Dinge wie: „Fotografier doch mal Blumen!“ (lacht). Das sind natürlich lapidar dahingesagte Kommentare, hinter denen aber mehr steckt. Mittlerweile haben meine Eltern aber verstanden, dass ich mein Leben im Griff habe und meine Projekte einen gesellschaftlichen Mehrwert haben.
Vincent wuchs in Nützling auf, einem kleinen österreichischen Dorf mit gerade einmal hundert Einwohnerinnen im Bezirk St. Pölten. „Da gab es nicht wirklich etwas zu tun“, erinnert er sich. Mit der Kamera, die ihm seine Tante geschenkt hatte, zog er durch die kleine Siedlung und fotografierte seine Schwestern. „Ich war nie gut in der Schule, konnte nie gut schreiben“, erzählt er. „Ich brauchte ein anderes Medium, um mich auszudrücken.“ Mit 18 Jahren verließ er Österreich, um dem Bundesheer zu entgehen, und zog nach Berlin. Bald darauf folgte ein Studium an der renommierten Ostkreuzschule für Fotografie.
In deiner Arbeit READY fotografierst Du nicht nur queere Menschen, sondern vor allem queere Sexarbeitende. Bevor wir über die Serie selbst sprechen, lass uns einen Schritt zurückgehen. Du arbeitest ja auch selbst in der Branche. Wie hat das angefangen?
Über Online-Plattformen wie Romeo, eine Dating-App für schwule Männer, die so etwas wie die frühe Version von Grindr war, bekam ich schon relativ früh Nachrichten mit Sex-Angeboten für „Taschengeld“. Ich habe das zunächst ganz pragmatisch betrachtet: als Möglichkeit, unkompliziert Geld zu verdienen. Mein erster Job war dann in Berlin, der Kunde war Amerikaner.
Wie war das für Dich?
Ich habe schnell gemerkt, dass es kulturelle Unterschiede gibt. Die Amerikaner sind etwas angenehmer als die Deutschen. Die Deutschen wollen immer verhandeln und den Preis runterdrücken. Bei Amerikanern ist der Service höher geschrieben. Anfangs war ich super nervös. Ich wusste ja nicht, was mich erwartet. Aber es hat wirklich Spaß gemacht, es war eine gute Erfahrung, deshalb bin ich auch dabei geblieben.
Gab es Momente, in denen Du an Deine Grenzen gestoßen bist?
Früher habe ich oft gearbeitet, während ich high war. Das macht das vieles einfacher. Wenn Du vernebelt bist, lässt du dich eher auf Sachen ein, die du am nächsten Morgen bereust, weil Grenzen verschwimmen.
Wenn du sagst, Substanzen würden die Arbeit „einfacher“ machen, klingt das so, als würde Sexarbeit nicht aus vollkommener Selbstbestimmung heraus geschehen.
Das Schwierige liegt oft gar nicht so sehr darin, dass ich keine Lust auf die Arbeit selbst habe. Vielmehr fiel es mir lange schwer, nüchtern Sex zu haben. Irgendwo tief in mir war die Vorstellung verankert, dass es grundsätzlich falsch sei, als Mann mit anderen Männern Sex zu haben.
Viele seiner Kunden seien „closeted“, also nicht öffentlich geoutet, und im öffentlichen Leben konservative CDU-Wähler. Über Politik redet Vincent bei der Arbeit kaum. „Das ist so ein harter Abturner.“
Dass Sexarbeit gesellschaftlich kontrovers diskutiert wird, ist nichts Neues. Die Debatte pendelt zwischen dem Narrativ der Selbstermächtigung und der Ausbeutung.
Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Zwangsprostitution und selbstbestimmter Arbeit. Und natürlich ist meine persönliche Position eine sehr privilegierte. Ich konnte mich bewusst dazu entscheiden, Sexarbeiter zu sein, noch dazu bin ich männlich gelesen und weiß.
… und Du bist queer, also dennoch Teil einer marginalisierten Gruppe. Die deutsche Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) hat sich Ende vergangenen Jahres für ein Sexkaufverbot ausgesprochen, was in den Medien heiß diskutiert wurde. Ich fand es auffällig, dass in den Diskussionen der Aspekt der queeren Sexarbeit nahezu gänzlich ausgelassen wurde, oft wird sich lediglich auf heteronormative Sexarbeit konzentriert.
Zunächst einmal finde ich ein Sexkaufverbot grundsätzlich falsch. Die Idee, die Freier zu kriminalisieren, nicht aber die Menschen, die Sex anbieten, drängt in der Praxis Sexarbeitende weiter in den Untergrund. Die Arbeit findet ja weiterhin statt, nur im Verborgenen und an noch gefährlicheren Orten, da die Sexarbeitenden keine Konsequenzen für die Kundschaft riskieren möchten. Und ich habe den Eindruck, dass sich viele Politiker und Politikerinnen nicht ernsthaft mit Queerness auseinandersetzen. Sie übersehen, wie eng Queerness und Sexarbeit historisch und gegenwärtig miteinander verwoben sind.
„Ein Großteil meines Freundeskreises, die schwule Männer oder Transfrauen sind, hat schon mal Sexarbeit praktiziert“, meint Vincent. Auf Gay-Dating-Plattformen sei es völlig normal, für Sex Taschengeld zu bekommen. Der Zugang sei leichter. Historisch gesehen sei Sexarbeit für queere Menschen oft der einzige Ausweg gewesen, um Geld zu verdienen oder Intimität zu erleben, da Queerness so stark unterdrückt wurde, so Vincent.
Also war READY für Dich eine Reaktion auf die generelle Unsichtbarkeit queerer Sexarbeit?
Ja, das war ein zentraler Antrieb. Mir war es vor allem wichtig, eine Arbeit zu schaffen, die aus meiner eigenen Perspektive spricht. Es gibt so wenige Fotoprojekte oder Filme von Sexarbeitenden für Sexarbeitende. Die meisten Arbeiten betrachten uns nur von außen. Ich möchte die Arbeit keinesfalls glorifizieren, ich möchte, dass über queere Sexarbeit gesprochen wird. Dass sie eben auch selbstermächtigend sein kann. Aber auch, welche dunklen Seiten damit einhergehen. Der Diskurs muss geöffnet werden, Stigmata müssen durchbrochen werden. Meine Arbeit ist ein kleines Zeitfenster meiner Geschichte mit Personen, die ich kennenlernen durfte.
Deine Fotos wirken dokumentarisch, trotzdem fühlt man sich nicht wie ein Eindringling. Wie gelingt es Dir, Vertrauen aufzubauen?
Ich glaube, das liegt an meiner Offenheit und Empathie. Ich kann Menschen relativ schnell ein Gefühl von Sicherheit geben. Außerdem stimmen die meisten Personen, die ich fotografiere, nur zu, weil sie sehen, dass ich selbst Sexarbeiter bin. Dadurch fühlen sie sich verstanden und gesehen.
Man könnte Deine Arbeit auch als voyeuristisch interpretieren?
Mir ist bewusst, dass ich meine Karriere gerade auf marginalisierten Personengruppen aufbaue. Deshalb war es mir auch wichtig, alle Menschen, die in der Arbeit vorkommen, zu bezahlen, damit es ein Geben und Nehmen ist.
Um die Menschen zu finden, die er für READY fotografiert hat, war Vincent selbst in allen Städten vor Ort und ist in die Szene eingetaucht. „Egal, wo auf der Welt ich unterwegs bin“, sagt er, „irgendwann stehe ich neben einer Sexarbeiterin oder einem Sexarbeiter, wir tratschen kurz und plötzlich merken wir: Wir machen das Gleiche. Das ist immer sehr lustig.“
Im Vorwort Deines Fotobuchs zum Projekt READY mit gleichem Titel heißt es: „Shower, hair, makeup, music, prayer – as sex workers, how do we prepare for the charged moment of sexual encounter?“ Du fotografierst die Personen, während sie sich für die Arbeit fertigmachen. Warum gerade diesen Moment?
Ich wollte etwas zeigen, mit dem sich alle identifizieren können. Einen Moment, der das Thema für Menschen, die wenig darüber wissen, zugänglicher macht. Mir geht es darum, die Arbeit zu vermenschlichen.
Auf der letzten Seite des Buches gibt es auch ein Selbstporträt von Dir. Was war der Gedanke dahinter?
Mein letztes Projekt vor READY war HOLES. Auf einem Musikfestival habe ich 70 Polöcher fotografiert. Beim Editing für das daraus entstehende Zine wurde mir klar: Ohne ein Foto von meinem eigenen Poloch würde die Serie zu voyeuristisch wirken. Also habe ich meins auch mit aufgenommen. HOLES beginnt damit, dass ich über meine frühere Unsicherheit erzähle, dass mein Poloch sehr behaart war, und über meine wöchentlichen Besuche im Schönheitsstudio, bei denen mir eine nette deutsche Dame die Haare entfernt hat.
Ach so!
Aus den gleichen Gründen war bei READY schnell klar, dass ich auch hier selbst Teil der Arbeit sein muss.
Vincent lebt mit zwei seiner Schwestern gemeinsam in einer Wohnung in Berlin.
Wie waren die Reaktionen auf das Projekt?
Viele Menschen sind dankbar, dass das Thema überhaupt in dieser Form behandelt wird. Dass Sexarbeit nicht nur hypersexualisiert oder sensationalisiert dargestellt wird, wie es in der Popkultur oft der Fall ist. Ich bekomme häufig Rückmeldungen wie „Pure“ oder „Raw“.
Worauf bist Du stolz?
Ich habe das Gefühl, dass aus meiner Arbeit langsam mehr entsteht als nur einzelne Projekte. Dass sich Menschen darum versammeln, die ähnliche Erfahrungen teilen. Das fühlt sich schön an, weil es nicht mehr nur um mich geht. Und gleichzeitig verstehe ich mich selbst besser durch die Kunst. Warum ich bestimmte Themen wähle, warum ich immer wieder auf bestimmte Motive zurückkomme. Ich glaube, ich fange erst jetzt an, meine eigene Sprache wirklich zu begreifen.
Ich habe gelesen, als Nächstes planst Du ein Projekt mit Deinen Schwestern?
Ich fotografiere meine Schwestern eigentlich schon immer. Aber manchmal übersieht man ja gerade das, was direkt vor einem liegt. Erst kürzlich wurde mir klar, dass ich ihnen ein eigenes Projekt widmen möchte. Es soll eine Geschichte über das Hier und Jetzt werden, über das Zusammenleben und das gemeinsame Sein. Über das Immer-wieder-Zurückkommen. Und über das Versprechen, das wir uns geben: Dass wir das Leben miteinander leben und immer füreinander da sein werden.
Vincent Wechselberger (*1998, Österreich) ist Fotograf und wuchs in der Nähe von St. Pölten auf. Heute lebt und arbeitet er in Berlin, wo er an der Ostkreuzschule für Fotografie studierte.
Sein erstes Printprojekt, HOLES (2023), ist ein Zine mit 70 Charakteren, die ihre tabuisierten Körperteile feiern. Sein erstes Buch, READY, porträtiert queere Sexarbeitende weltweit und ist ergänzt durch Interviews. Wechselbergers Fotografien wurden in verschiedenen Gruppenausstellungen in ganz Europa gezeigt. Im Herbst folgt seine erste Einzelausstellung in London.