Töchter des Schießpulvers

Zwischen Aktivismus und Fotografie

Die italienische Fotojournalistin und Aktivistin Chantal Pinzi richtet ihre Kamera dorthin, wo gesellschaftliche Ungleichheiten sichtbar werden.  In ihrer preisgekrönten Serie „Farīsāt: Gunpowder’s Daughters“ (zu sehen im WestLicht in Wien bis 22. November) porträtiert sie marokkanische Reiterinnen, die eine jahrhundertealte Männerdomäne aufmischen. Dafür wurde sie 2026 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet – einer der höchsten Ehrungen im internationalen Fotojournalismus. 

Text: Julia Bauereiß, Fotos: Chantal Pinzi

Marrakesh, Marokko: Hanane Talid und ihre Schwestern in traditioneller Tbourida- Tracht, in Anlehnung an die Krieger, die diese Aufführung nutzten, um Eindringlinge einzuschüchtern.

„Keine Opferrolle“

Julia Bauereiß: Der World Press Photo Contest gilt als eine der höchsten Auszeichnungen im Fotojournalismus und in der Dokumentarfotografie – vergleichbar mit dem Pulitzer-Preis. Was ist Dir durch den Kopf gegangen, als Du erfahren hast, dass Du ihn gewonnen hast?

Chantal Pinzi: Ich war gerade in Thailand und arbeitete an einer Reportage, bei der einfach nichts klappen wollte. Ich war ziemlich frustriert. Und genau in diesem Moment kam die Nachricht, dass ich gewonnen hätte. Das hat mich motiviert. In der Fotografie weiß man nie, was morgen kommt. Diese Branche ist wie eine Welle und gerade reite ich sie mit Erfolg, aber das könnte sich jederzeit ändern. Was ich allerdings nie vergessen werde, ist, wie alles angefangen hat: Ich war auf mich allein gestellt und habe mir über die Jahre meinen eigenen Weg erarbeitet. Heute kann ich Geschichten erzählen und veröffentlichen, die wirklich etwas bedeuten. Meine Fotografie ist Teil meines Aktivismus. Und damit auch ein Teil von mir.

In Deiner Serie „Farīsāt: Gunpowder’s Daughters“ zeigst Du marokkanische Reiterinnen beim Training, bei Wettkämpfen und hinter den Kulissen – in prachtvollen Gewändern, hoch zu Ross und mit Gewehren, die sie im Galopp abfeuern. Eine bildgewaltige Geschichte über Mut, weibliche Selbstbestimmung. Können die zehn Bilder Deiner Serie eine ganze Welt erzählen?

Zehn Bilder reichen definitiv nicht aus. Sie geben nur einen kleinen Einblick in diese Welt. Aber vielleicht reicht das für den Moment, damit die Menschen zumindest verstehen: Die Farīsāt, das heißt auf Arabisch Reiterinnen, gibt es!

Deine Fotos zeigen die Reiterinnen stark und widerstandsfähig: Was konntest Du vor Ort sehen, was wir auf zehn Fotos nicht sehen?

Die Reiterinnen stehen ständig unter Druck, perfekt sein zu müssen. Jeder Fehler könnte ihnen allein deshalb vorgehalten werden, weil sie Frauen sind. Trotzdem lassen sie sich nicht einschüchtern. Mich fasziniert, mit welcher Kraft und Selbstverständlichkeit die Farīsāt ihre wilden, energiegeladenen Pferde beherrschen – und das ohne Sattel! Ich liebe das. Genau so möchte ich Frauen zeigen: stark, selbstbestimmt und alles andere als Opfer.

„Zuerst Aktivistin oder Fotografin?“

Man verbindet mit Aktivismus und Dokumentarfotografie eher negative Geschichten, vom Leid der Welt und Ungerechtigkeit. Deine Fotoserie strahlt hingegen viel Optimismus aus!

Es liegt an uns, auch das Positive zu sehen und uns nicht von all den Katastrophen und der Traurigkeit überwältigen zu lassen. Das ist nicht die einzige Realität. Mich interessieren positive Geschichten: Menschen, die Widerstand leisten, resilient sind und weitermachen, weil sie an das glauben, was sie tun. Ich liebe solche Geschichten.

Deine fotografische Arbeit wird auch als visueller Aktivismus beschrieben. Warst Du zuerst Aktivistin oder Fotografin?

Ich war wahrscheinlich zuerst Aktivistin. Mit 16 Jahren habe ich begonnen, zu fotografieren. Zuerst habe ich einfach mein Leben dokumentiert, später Schülerproteste. Beim Alleinereisen habe ich gemerkt, wie wohl ich mich nur mit meiner Kamera in der Welt da draußen fühle. Im Fotografiestudium habe ich verstanden, welche Wirkungsmacht Bilder auf die Gesellschaft haben können. Heute nutze ich Fotografie als Medium für meinen Aktivismus. Und es funktioniert!

Wie beginnt so eine Geschichte, die später beim World Press Photo Contest gewinnt?

Das hat sich aus meiner Recherche zu weiblicher Resilienz im Sport entwickelt. Ich habe Wrestlerinnen und Skaterinnen in Indien dokumentiert und in meiner Arbeit „Shred the Patriarchy“ marokkanische Skaterinnen. Ich wollte zurück nach Marokko und stieß dabei auf die Geschichte der Farīsāt. Mein Fokus lag auf der Gen Z und darauf, wie die neue Generation die Tbourida-Tradition und damit auch Marokko verändert.

„Adrenalin und Bewegung“

Warum dokumentierst Du immer wieder Frauen in männerdominierten Sportarten?

Ich bin selbst Sportlerin: Skaterin und Kickboxerin. Ich weiß deshalb, wie schwierig es ist, sich in männerdominierten Räumen zu bewegen. Deshalb finde ich es wichtig, zu zeigen, wie Sport Frauen stärken und zukünftige Führungspersönlichkeiten in unseren Gemeinschaften hervorbringen kann.

Du fotografierst sehr viel Bewegung. War es herausfordernd, mit Tieren zu arbeiten?

Ich habe schon viele Proteste fotografiert, daher weiß ich mit dem Mix aus Adrenalin und Bewegung umzugehen. Tiere sind viel unberechenbarer. Noch dazu war ich auf den staubigen Übungsplätzen der marokkanischen Reiterinnen die einzige Person, die nicht auf einem Pferd saß. Das war ziemlich gefährlich. Auch wenn sich die Show immer wiederholt, muss jeder Moment einzigartig behandelt werden – denn es ist nie genau derselbe. Manchmal hat man nur eine Sekunde, um eine einzige Kameraeinstellung zu verändern und den Auslöser zu drücken.

„Neugierig bleiben“

Wie viel muss man von einer Idee vor Ort gehen lassen?

Natürlich kann man sich vorbereiten, die Rituale und entscheidenden Abläufe der Vorführung kennenlernen. Aber vor Ort kommt es vor allem darauf an, neugierig zu bleiben, genau hinzuschauen und blitzschnell zu reagieren.

Hast Du Dich einmal gefragt, was Deine Bilder für die Farīsāt selbst bedeuten könnten?

Als ich mit Fotoabzügen der Farīsāt durch die Gassen von Marrakesch lief, sprach mich ein Mann auf sie an. Als er meine Bilder sah, dachte er zunächst, die Szenen seien Fiktion. Erst, als ich ihm erklärte, dass diese Frauen tatsächlich die Tbourida-Tradition ausüben, also reiten und schießen, glaubte er mir. Da wurde mir bewusst, dass selbst in Marokko viele Menschen nichts von diesen Reiterinnen wissen. Umso wichtiger ist es, ihnen eine Sichtbarkeit zu geben. Die Frauen haben mir erzählt, dass meine Fotografien ihnen mehr Respekt verschaffen.

„Ich schwitzte mir den Arsch ab.“

Gab es einen besonderen Moment zwischen Dir und den Farīsāt, der Dir in Erinnerung geblieben ist?

Die Farīsāt haben mich überredet, mich genau wie sie zu kleiden. Ich habe mich sehr geehrt gefühlt, aber es hatte 40 Grad im Schatten, und ich schwitzte mir den Arsch ab.

Wenn Du an Deine Zeit in Marokko zurückdenkst: Was hat Dein Herz erfüllt?

Ghita Jhiate, eine der Reiterinnen, hatte einen schweren Unfall. Die Gewehre waren doppelt geladen und explodierten, wodurch sie beinahe ihren Arm verlor. Trotzdem kam sie zu den Aufführungen, um ihre Truppe zu unterstützen. Sie wusste nicht, ob sie jemals wieder auftreten oder ihre Hand bewegen würde. Ihre Entschlossenheit hat mich tief beeindruckt.

„Scheiße, die werden schießen.“

Wie gewinnst Du das Vertrauen Deiner Protagonistinnen?

Durch klare Kommunikation, indem ich Grenzen respektiere und immer nach dem Einverständnis frage. Vertrauen braucht Zeit. Deshalb verbringe ich immer mindestens einen Monat mit meinen Protagonistinnen und baue eine Verbindung auf. Erst danach beginnen wir, wirklich zu arbeiten.

Fotografieren bedeutet aber auch zu wissen, wann Du die Kamera weglegen musst …

Dafür muss man ein Gefühl entwickeln. Wenn du mit Ungerechtigkeit konfrontiert bist, musst du vielleicht auch dann abdrücken, wenn die Menschen es nicht wollen. Aber wenn du eng mit einer Gemeinschaft arbeitest und es einen intimen Moment gibt, in dem sich jemand unwohl fühlen könnte, fotografierst du nicht. Selbst wenn es das schönste Bild wäre, respektierst du das. Das ist etwas anderes als Demonstrationen zu dokumentieren, bei denen ich meine Rechte kenne und sie auch nutze.

„Vertrauen braucht Zeit.“

Welche Risiken würdest Du auf Dich nehmen, um Deine Story zu erzählen?

Keine. Man sollte sich niemals für eine Geschichte in Gefahr bringen. Das ist dumm. Ich arbeite sicher und versuche, in kritischen Gebieten möglichst sichere Bedingungen zu schaffen.

Warst Du schon in einer Situation, die Du selbst nicht ganz glauben kannst?

Mit 20 Jahren habe ich zum ersten Mal in Afrika, in Kamerun, gearbeitet. In einem abgelegenen Dorf war ich zu einer Trauerfeier eingeladen – wegen meiner Kamera, dachten sie, ich sei von der Presse. Plötzlich rannten etwa 30 Soldaten mit riesigen Waffen auf die Menschen zu. Ich dachte: „Scheiße, die werden schießen.“ Aber es war nur Teil der Zeremonie. Am Ende tanzten alle. 
 

Durch KI kann nahezu jedes Bild manipuliert werden. Was bedeutet das für das Vertrauen in Dokumentarfotografie und für Deine Arbeit?

Auch ohne KI sind Journalismus und Fotojournalismus Berufe, die unsere Demokratie ermöglichen. Mit KI ist es gerade ziemlich frustrierend. Meine Arbeit wird ständig für KI gehalten, wahrscheinlich weil es immer noch Menschen gibt, die nicht glauben können, dass Frauen Außergewöhnliches tun. Macht eine Frau auf einem Foto etwas Extremes, denken die Leute sofort, es sei KI. Normalerweise antworte ich nicht auf Kommentare. Aber wenn jemand sagt, es sei KI, antworte ich immer: „Nein! Ist es nicht!“

„Fotografie ist Teil meines Aktivismus, Teil von mir.“

Sind Auszeichnungen wie die des World Press Photo Contest in Zeiten von KI wichtiger denn je?

Der World Press Photo Contest ist eine gute Möglichkeit, qualitativen Fotojournalismus zu würdigen. Er könnte anderen Medien ein Beispiel dafür geben, wie man mit Fotojournalismus umgeht und ihn bewertet – einschließlich forensischer Analysen und Faktenchecks. Es gibt so wenige Medien, die die Ressourcen oder die Zeit haben, alles zu überprüfen. Deshalb liegt es auch in unserer Verantwortung, präzise zu arbeiten. Aber eigentlich sollten Regierungen eine Kennzeichnungspflicht für den Einsatz von KI einführen, besonders in den Medien.

Was bedeutet diese Auszeichnung für Dich und Deine Fotostory über die Farīsāt?

Es macht mich stolz, dass ich durch diesen Fotopreis mein Versprechen an die Farīsāt halten konnte: Ihren Kampf und ihre Geschichte sichtbar zu machen. Als Fotojournalistin trägst du immer die Verantwortung dafür, dass die Geschichten deiner Protagonistinnen gesehen und gehört werden, weil sie dir ihre Zeit schenken und dir vertrauen. Ich hoffe, dass ich ihnen durch diese Anerkennung etwas zurückgeben konnte.

Vielen Dank für das Gespräch!

Chantal Pinzi (*1996) ist eine italienische Fotojournalistin und Aktivistin. Sie lebt und arbeitet in Berlin. 2020 absolvierte sie dort ihren Bachelor in Fotografie an der University of Applied Sciences Europe. Ihre dokumentarische Arbeit beschäftigt sich mit Resilienz, sozialen Ungleichheiten und den Lebensrealitäten von Frauen. Ihre Arbeiten wurden unter anderem bei den Sony World Photography Awards 2025 und dem Xposure Festival 2024 ausgezeichnet. 2026 gewann sie mit „Farīsāt: Gunpowder’s Daughters“ den World Press Photo Contest in der Kategorie Africa – Stories.

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