Fotografin des Monats: Olesya Parfenyuk

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

ZEITLOS, KÜHL, MELANCHOLISCH, so beschreibt die ukrainische Künstlerin und Fotografin OLESYA PARFENYUK ihre Kunst. Ein Gespräch über ihre Wahlheimat Österreich, die Fashion Szenen in London und Paris und die Suche nach Emotionen in der Fotografie.

Text: Olivia Theofanidis, Fotos: Olesya Parfenyuk 

Playground Outcast für VEIN Spain

„Ich male mit echten Menschen, Objekten, Orten und Licht.“

Olivia Theofanidis: Fotografin oder Künsterlin?

Olesya Parfenyuk: Ich identifiziere mich eher als visuelle Künstlerin, weil mir immer das Gesamtkonzept wichtig ist, von der Art Direction bis zum finalen Bild. Ich mache sehr oft das Casting selbst und suche nach passenden Locations. Mir geht es um eine gewisse Komposition, um ein Gefühl, die Gesamtstimmung. Meine Projekte drehen sich vor allem um Storytelling und um Mode, aber auch um die Menschen, die sie tragen, weil sie oder ihre Geschichte mich inspirieren. 

Wie würdest Du Deinen Stil mit nur drei Worten beschreiben?

Zeitlos, kühl und melancholisch. Mich interessieren psychologische Zustände und innere Spannungen.

Deine Arbeiten haben eine sehr konsistente Ästhetik – cineastisch, düster-romantisch. Woher beziehst Du Deine einzigartigen Looks?

Ich arbeite mit Modeschaffenden, Stylistinnen und Stylisten zusammen und spreche sehr konkret das Moodboard ab, welche Kleidungsstücke für dieses oder jenes Projekt in Frage kommen. Ich verliebe mich in Schnitte, Formen und vor allem in Texturen. Baumwolle wirkt auf Fotos völlig anders als Samt oder Seide, je nachdem, wie das Licht darauf fällt. Ab und zu organisiere ich für kleine Shootings einige Looks selbst, die ich hauptsächlich bei Vintage-Stores finde, wo ich selbst gern einkaufe, denn man weiß nie, was man findet. 

„Was mache ich hier eigentlich?“

Gibt es ein Shooting, das Dir in Erinnerung geblieben ist?

Kürzlich hatte ich ein Shooting in Paris mit der Modedesignerin AISTILCA und dem Model, Riley Woodell aus New York, die dafür bekannt ist, klassische Beauty-Stereotype zu hinterfragen. Das hat mir besonders viel Freude bereitet, auch weil beim Shooting gotische Elemente zum Einsatz kamen. Für ein anderes Shooting arbeitete ich mit dem portugiesischen, non-binary Designer Tiago Bessa zusammen. Bessa kreiert außergewöhnliche expressive Kleidungsstücke. Das Shooting seiner Kollektion „Hermaphrodite“ fand in Portugal bei Regen und Kälte am Meer statt. Das war hart. In solchen Momenten frage ich mich manchmal: Was mache ich hier eigentlich? Doch es ist gefährlich, den Sinn des kreativen Schaffens zu hinterfragen und es logisch zu zerlegen, sonst blockiert man sich selbst. 

Du lebst in Wien, wo Du an der Angewandten Fotografie und Zeitbasierte Medien fertig studiert hast. Du arbeitest oft in Paris, Lissabon und manchmal auch in London. Wo sind die Unterschiede zu Österreich?

Die Modeindustrie in London und Paris arbeitet auf einem ganz anderen Niveau als in Österreich. Sehr hohes Level. Welten! In London sind die Erwartungen an mich als Fotografin enorm hoch, das ist mir erst dort so richtig bewusst geworden. Wenn man ein freies Projekt umsetzen möchte, muss man alles selbst finanzieren. Die Models sind andere Standards gewohnt, vom Studio bis zur Visagistin. Paris hat eine lange Geschichte im Modebereich, und es gibt dort ein großes Verständnis sowie Wissen über die Industrie – auch bei Menschen, die nicht direkt damit verbunden sind. Lissabon ist in dieser Hinsicht etwas anders: Zwar wird viel in Nordportugal produziert, es gibt dort eine jährliche Fashion Week sowie viele diverse und starke Stimmungen in der Mode, jedoch ist der Markt insgesamt begrenzter als in Paris oder London.

„Teil eines Ganzen“

Arbeitest Du viel international?

Ich versuche, möglichst viele Projekte zu bekommen, die außerhalb Wiens stattfinden. In Österreich existiert modetechnisch ja nicht wirklich viel, und ich habe das Gefühl, dass die stilistischen Vorlieben hier weniger vielfältig sind. Wenn ich in Wien bin, arbeite ich eher mit Schauspieler:innen, Musiker:innen oder Performance Artists zusammen. Diese Projekte entwickeln sich momentan auch mehr in Richtung Video. Manchmal habe ich das Gefühl, dass in Wien vieles stark über bestehende Netzwerke und Zuschreibungen funktioniert und es dadurch nicht immer leicht ist, seinen eigenen Platz zu finden. Oft entsteht größere Aufmerksamkeit erst dann, wenn jemand außerhalb der Stadt bereits Sichtbarkeit oder Erfolg erfahren hat. Dabei gäbe es hier so viele spannende Menschen und Positionen, die man vielleicht schon früher stärker fördern und unterstützen könnte. 

So, wie wir es bei C/O Vienna machen. Verändert ein Ort Deine Bildsprache?

Auf jeden Fall, denn je nachdem, wo ich bin, beeinflusst dies meine Arbeitsweise und meine Inspiration. Super interessant ist auch die Frage, wie sich die Bildsprache entwickelt hätte, wenn man anderswo aufgewachsen wäre. Inwiefern hängt sie mit persönlichen, inneren Prozessen zusammen? Wenn wir Dinge psychisch verarbeiten, ist die Kunst ein sehr ehrliches Mittel, um Emotionen sichtbar zu machen. 

Gibt es einen Ort, an dem Du das Gefühl hast, dass er Dich sehr inspiriert?

Mich inspiriert die Natur. Man sieht, wie eine Blume oder Frucht wächst und ihre Zeit braucht. Die Natur ist Teil eines Ganzen, wie wir Menschen. Ich denke besonders gern an einen kleinen Ort in Portugal, umgeben von Ozean und Klippen. Meine Arbeiten werden dort sehr introspektiv und konzeptuell. Aber auch das quirlige Paris und seine charismatischen Kunstschaffenden sind Inspiration für mich. Zwei völlig unterschiedliche Welten, in denen ich mich aber gleichermaßen wohlfühle. Wenn ich mich für einen Ort entscheiden müsste, wäre es momentan Paris, weil ich dort Lebendigkeit spüre und am Ball bleibe. 

„Perfektionismus loslassen“

Gibt es bestimmte Rituale, die Dein Shooting begleiten?

Vor Shootings versuche ich, mir selbst zu sagen, dass ich mein Bestes geben werde, aber ich nicht alles kontrollieren kann. Mein Ziel ist es, ein gutes Bild abzuliefern. Aber es liegt nicht allein in meiner Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sich jede und jeder wohlfühlt. Früher war ich oft auf das Bild, die Regie und auf die Menschen am Set fokussiert. Gerade lerne ich, meinen Perfektionismus loszulassen und wieder mehr zu experimentieren. 

Wie genau sieht dieses „Experimentieren“ aus?

Ich möchte mir mehr Freiheiten erlauben, Dinge ausprobieren, ohne ein konkretes Ziel zu haben – auch mit mir selbst vor der Kamera. Ich will nicht ständig den Drang verspüren, alles sofort teilen und sichtbar machen zu müssen.

Du bist in Kyiv in der Ukraine aufgewachsen. Wie bist Du nach Österreich gekommen?

Als ich zehn Jahre alt war, sind wir nach Freistadt in Oberösterreich gezogen. In letzter Zeit denke ich viel darüber nach, wie sich Immigration und Assimilation als Kind anfühlen. Damals habe ich versucht, meine neue Heimat zu verstehen. Durch Flohmärkte und alte Objekte wollte ich der Mentalität und der Kultur näherkommen. Ich suchte nach Überbleibseln einer anderen Zeit. So begann ich, alte Fotografien zu sammeln – sowohl kleine Carte-de-Visite als auch größere Kabinettskarten, Fotografien auf Kartonkarten. Mich faszinierte, wie viel Atmosphäre und Geschichte in diesen Bildern steckt. Dieses Interesse für Geschichte hat schon früh begonnen – meine Mutter liebte Historiendramen und sie nahm mich oft zu Theater- und Musikstücken mit.

„Überbleibseln einer anderen Zeit“

Erinnerst Du Dich an Momente beim Fotografieren, die schiefgingen?

Im ersten Studienjahr an der Angewandten wollte ich ein Model mit einem ausgestopften Vogel fotografieren. Das Tier sollte sie eigentlich halten, doch dann meinte sie, dass sie das nicht tun würde. Ich habe ihr erklärt, dass dieser Vogel ein antikes Präparat ist und schon vor einer Ewigkeit gestorben ist. Sie hat sich aber so sehr geweigert, dass ich das Bild schließlich ohne den Vogel machen musste. Das hat mich natürlich traurig gemacht, weil meine Vision dadurch nicht umgesetzt werden konnte. Das zeigt einfach, dass man solche Dinge schon bei der Vorbereitung deutlich ansprechen muss. 

War für Dich immer schon klar, dass Du Fotografin werden möchtest?

Ich war damals bei einem Portfoliogespräch bei Gabriele Rothemann, sie war Professorin für Fotografie und Bildende Kunst an der Angewandten. Sie meinte, ich solle doch Konservierung und Restaurierung studieren, weil ich ein deutliches Interesse für Antiquitäten zeige. Für mich kam das aber nicht infrage. Ich wollte eigene Welten kreieren. Ich bin ein eher ungeduldiger Mensch und sehe Fotografie als ein Werkzeug, um Dinge im Moment der Aufregung einfangen zu können und schnell zu einem Endergebnis zu kommen. Meine Herangehensweise an Komposition kommt aus meiner Malereipraxis. Ich sage immer: Ich male mit echten Menschen, Objekten, Orten und Licht. 

„Ich bereue nichts!“

Du hast Dich also mit gutem Gewissen für die Fotografieklasse entschieden ...

Ganz ehrlich? Ich finde ja Neurowissenschaften und Verhaltenspsychologie auch unfassbar spannend. Aber ich bereue nichts! Das Fotografiestudium war für mich damals der richtige Weg. 

Apropos Verhaltenspsychologie: Deine Arbeiten sind sehr psychologisch geprägt ...

Absolut, ich möchte die inneren Prozesse der Menschen offenlegen, einen Teil der Person erfassen. Bei Eins-zu-Eins-Shootings, bei denen ich mir den Raum und die Zeit für eine einzige Person nehme, lerne ich jene wirklich kennen. Da ich sehr sensibel bin, sind Gefühle und Emotionen ein zentrales Thema bei meiner Arbeit. Ich finde, viele Menschen haben Scheu davor, sie zu zeigen. Es ist etwas Fragiles, etwas sehr Persönliches, nicht jeder möchte sich so verletzlich zeigen. Vielleicht ist es auch gewagt, zu versuchen, das in Form von Fotos einzufangen.

„Der Zeit und der Vergangenheit auf die Spur gehen.“

Hast Du das Gefühl, in Deiner Branche anders behandelt zu werden als ein Mann?

Als Frau spürt man oft einen stärkeren Druck, sich beweisen zu müssen. Männer trauen sich mehr, manchmal auch, ohne darüber groß nachzudenken. Frauen hingegen denken viel zu viel nach. Gerade der Filmbereich ist sehr männerdominiert. Deshalb habe ich oft das Gefühl, ich muss die Legacy von Frauen fortführen, die dort bereits wichtige Akzente gesetzt haben. Dabei möchte ich mich nicht von Unsicherheiten und meinem Perfektionismus bremsen lassen.

Was macht Dich neben Deinem Beruf glücklich?

Der Zeit und der Vergangenheit auf die Spur zu gehen! Sei es auf Reisen, wenn ich Orte besuche, die eine besondere Geschichte in sich tragen und eine einzigartige, aufgeladene Atmosphäre besitzen. Oder auch durch konkrete Objekte, wie alte Fotografien. Eine sehr wertvolle Sammlung von mir besteht aus Ambrotypien, das sind Fotografien auf Glas. Ich besitze auch eine Daguerreotypie, damals die aufwendigste und teuerste Art, ein Foto herzustellen. Witziger Fakt: Ich habe am 19. August Geburtstag und am 19. August 1839 wurde in Paris dieses Verfahren erstmals offiziell vorgestellt. 

„mehr träumen“

Wie passend! Worauf willst Du in naher Zukunft Deinen Fokus legen?

Ich spiele mit dem Gedanken, endlich ein Buch mit meinen Arbeiten herauszubringen und sie so miteinander zu einem Werk zu verbinden. Außerdem würde ich gerne mehr Projekte mit Forschenden umsetzen. 

Was wünschst Du Dir gerade sehr?

Mir selbst zu erlauben, mehr zu träumen!

Danke für das Gespräch!

Olesya Parfenyuk (19. August 1997) wuchs die ersten zehn Jahre ihres Lebens in Kyiv auf, bevor sie mit ihrer Familie nach Freistadt in Oberösterreich zog. Später studierte sie in Wien Dolmetsch in den Sprachen Russisch, Deutsch und Englisch. Daraufhin folgte die Universität für angewandte Kunst im Bereich Fotografie und zeitbasierte Medien, die sie Anfang 2025 mit ihrer Diplomarbeit „Beyond the Gaze“ abschloss. Sie arbeitet selbstständig als visuelle Künstlerin und lebt in Wien @olesyaparfenyuk.

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Piero Percoco

Altersflecken, Fettfalten, Stützstrümpfe: Die Fotos von Piero Percoco (* 1987) sind das Gegenteil der aalglatten Modestrecken großer Labels. Sie widmen sich dem Alltäglichen, dem „Unperfekten“ – und das nicht in einer großen Metropole, sondern in der italienischen Provinz. Mit seiner Kunst trifft er den Zahn der Zeit: Apple, Vogue Italia und The New Yorker buchen ihn. Wir haben ihn via Skype in Italien erreicht und ein Gespräch über Fetisch und Herkunft geführt.

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