Die Anti-Casanovas des Austropop

Käsekrainer und große Gefühle

Die Songs des jungen österreichischen Trios Laurenz Nikolaus sind so ehrlich wie betrunkene Gespräche am Würstelstand und so romantisch wie Wien bei Nacht. Wir treffen Laurenz Öllinger, Isaac Gartmayer und Moritz Seidel in ihrem Studio. Die Fotos haben sie mit einer Einweg-Kamera für uns geschossen.

Text: Jules Bauereiß

„Einen Freund zum Pfeifen eingeladen“

Jules Bauereiß: Wieso sehnen sich gerade alle nach der Art von Musik, wie Ihr sie mit Eurer Band Laurenz Nikolaus macht?

Isaac Gartmayer: Nostalgie! Die Klangwelten unserer Musik sind vielen aus der Kindheit vertraut, von Mama, Papa oder Opa.


Laurenz Öllinger: Unsere Musik hat eine gewisse Leichtigkeit. Wir erzählen von kleinen Alltagsmomenten, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken. Das gibt den Menschen Raum, ihre Gedanken für einen Moment auf etwas anderes zu richten und sich nicht mit allem beschäftigen zu müssen, was gerade rundherum passiert.

Als Rapper und Producer habt Ihr Euch in der Wiener Musikszene bereits einen Namen gemacht. Was hat Euch daran gereizt, ein Live-Bandprojekt zu starten?

L: Während digital produzierte Musik heute oft nach Mustern entsteht, die sich schnell reproduzieren lassen – zunehmend auch mit Hilfe von KI –, setzen wir auf einen organischen, reduzierten Klang. Gerade live entstehen dabei auch Fehler. Sie machen hörbar, dass hinter unserer Musik Menschen stehen.

I: Mit Laurenz Nikolaus machen wir Musik, die einfach echt ist. Es wird in Zukunft wieder wichtiger, ob Musik wirklich „human made“ ist. 

„Wienern und grantln“

Also eine Art Rückbesinnung auf das handgemachte Musizieren?

Moritz Seidel: Genau, durch unsere Band ist mein Beruf wieder viel handwerklicher geworden, denn das Gitarre- oder Schlagzeugspielen ist einfach ein Handwerk.

Wie hat sich dadurch Euer Musikmachen verändert?

M: Es läuft viel klassischer ab. Wir setzen uns zu dritt mit einer Gitarre irgendwo hin, schreiben den Song und schauen erst später aufs Arrangement.

I: Es ist viel puristischer. Es geht nicht darum, pro Session einen Song zu machen, sondern die Essenz einer Idee zu verwirklichen.

L: Auf der Bühne ist es auch anders. Wir sind voneinander abhängig, und es kann immer etwas passieren. Unser Song „Annemarie“ etwa klingt live mittlerweile komplett anders als auf der Platte. Auch beim Musikmachen probieren wir ständig Neues aus. Für den Song „Du bist wie“ haben wir extra einen Freund zum Pfeifen eingeladen, weil er das so gut kann.

Was unterscheidet Euch von klassischen Austropop-Künstlern wie Georg Danzer, S.T.S. oder Wolfgang Ambros?

L: Denkt man an Austropop, hat man oft veraltete Traditionen und Rollenbilder vor dem inneren Auge. Die sind nicht mehr zeitgemäß und die Wortwahl ist in den Liedern auch oft gar nicht in Ordnung. Das alles wollen wir auf keinen Fall reproduzieren. Wir machen uns sehr genau Gedanken darüber, was unsere Lieder aussagen sollen. Wir singen zwar im Dialekt, bringen aber neue Inhalte rüber.

„Große Gefühle sind nichts Peinliches!“

Was könnt Ihr im Dialekt besser ausdrücken als auf Hochdeutsch?

I: Im Dialekt ist ein Wort oft präziser und direkter als im Hochdeutschen. Du kannst damit nicht so gut drumherum reden. Und sie drücken unseren Humor aus. Es macht uns Spaß, ein bisschen zu wienern oder zu grantln.

L: Der Dialekt eröffnet uns ganz neue Welten. Du kannst mit ihm andere Reime bilden. In jedem Dialektwort stecken außerdem so viele Emotionen, mit ihnen können wir unsere Geschichten schöner beschreiben. „Annemarie“ und „Du bist wie“ sind klassische Liebeslieder, die die Leute auch wegen des Dialekts super finden.

Große Gefühle werden in unserer Generation oft hinter Ironie, Humor oder Coolness versteckt. Ist Dialekt für Euch auch ein Schutzschild, um etwa über Liebe leichter sprechen zu können?

I: Der Dialekt kann als Schutz verstanden werden, aber wir verwenden ihn nicht dafür!

L: Für uns ist der Dialekt kein Schutzschild, aber ich verstehe den Gedanken. Man wechselt oft in den Dialekt, wenn was unangenehm ist, um Aussagen zu kaschieren.

„Yeahhhh! Let's go! Rock ’n’ Roll!“

Apropos Liebe: Wie läuft das Datingleben in Wien?

I: Anstrengend!

 

L: Dating findet nur mehr über Apps statt und man wird austauschbar. Alle swipen weiter, obwohl sie eigentlich schon jemanden gefunden haben. Sie bleiben auf der Suche, doch niemand weiß wonach. Romantik und ehrliche Liebesgeständnisse sind cringe geworden. Das ist traurig und genau der Grund, warum wir gerne Liebeslieder schreiben: Echte und große Gefühle sind etwas Schönes und nichts Peinliches!

Datet Ihr auch online?

L: Nö, ich nicht! Von Dating-Apps sind doch eh alle schon genervt, oder? 

M: Kein Kommentar. Ich hoffe, dass echtes Ansprechen ein Comeback haben wird.

I: Ich habe noch nie Online-Dating gemacht.

Wann war es bei Euch dreien ein Match?

M: Wir kennen uns schon lange, waren alle in der Wiener Musikszene mit verschiedenen Projekten unterwegs. Die Band ist zufällig entstanden, als wir im Winter 2024 aus Spaß den Song „Annemarie“ produzierten. Die Musikdatei musste am Ende ja irgendwie benannt werden. Wir einigten uns auf „Laurenz Nikolaus“, auch durchaus schon mit dem Gedanken, dass es witzig es wäre, gemeinsam eine Band zu gründen.

L: Am Popfest im Sommer 2025 sind wir dann zum ersten Mal als „Laurenz Nikolaus“ aufgetreten.

„Komplett überrollt!“

Wie war das? Erzählt!

M: Dieser Auftritt hat uns komplett überrollt. Für mich war das Wildeste, vom Balkon aus die meterlange Schlange an Fans zu sehen. 

L: So viele, dass 20 Minuten vor Konzertbeginn sogar ein Einlassstopp ausgesprochen wurde. Irgendwann habe ich mich dann nicht mehr angschissen, ich dachte nur: „Jetzt müssen wir da raus und komplett zerlegen!“ Auf der Bühne waren wir dann entspannt, konnten unseren Schmäh und Spaß miteinander laufen lassen. 

I: Ganz vorne standen unsere Friends und Family. Da dachte ich nur: „Yeahhhh! Let’s go! Rock ’n’ Roll!“

„Jetzt voll verheiratet“

Wie schafft Ihr es, befreundet zu bleiben, wenn Hype und Erfolg dazukommen?

M: Das Motto ist: Gute Freunde, strenge Regeln und ganz viel Kommunikation. Dieses Projekt ist wie unser Kind, und dadurch sind wir drei jetzt voll verheiratet. Und wir müssen uns natürlich um unser Kind und uns gegenseitig kümmern. 

Und was entfacht eine Ehekrise?

L: Ich lasse oft den Tabak offen, wenn ich ihn vom Isaac ausborge. Und im Studio räume ich oft meinen Müll nicht weg. 

M: Da gibt es Schimpfe! 

Der Erfolg scheint Euch zuzufliegen. Gab es auch schon Gegenwind?

M: Am Anfang meinten alle, dass es für diese Musik keinen Markt gäbe oder sie nur in Wien funktionieren könnte. Unser erster Song kam aber super an, es ist schön, so viel Zuspruch zu bekommen.
 

„Ziehen wir nicht mit, schießen wir uns ein Eigentor.“

Mit Eurem Song „Du bist wie“ seid Ihr auf TikTok viral gegangen. Hattet Ihr Angst, als TikTok-Band abgestempelt zu werden?

L: Unsere Musik hat mehr Substanz als ein kurzer Internet-Hype. Das merken die Leute, wenn sie unsere Musikvideos bis zum Ende ansehen oder unsere EP durchhören. Wir würden nie Songs gezielt für Social Media produzieren.

I: Wenn man auf unsere Konzerte kommt, ist dieser TikTok-Stempel sofort weg.  

Geht es heutzutage für Musikerinnen noch ohne Social Media?

M: Für alle Musikschaffenden ist es gruselig, dass Großkonzerne wie Instagram und TikTok so viel Macht über unsere Reichweite, Streams und das Marketing haben. Das macht uns Angst. Wir wissen natürlich, dass das alles keine gute Sache ist, aber ziehen wir nicht mit, schießen wir uns ein Eigentor. 

I: Es gibt kaum Alternativen, um ohne Kohle einen ähnlichen Effekt zu erzielen.

L: Unser Ziel wäre es, in Zukunft unabhängig von jeglichen Algorithmen zu arbeiten. Durch unseren Newsletter schaffen wir jetzt schon einen direkten Austausch mit unseren Fans. 

„Einfach treiben lassen, hier und da landen.“

Eure Songs handeln oft von realen Orten in Wien, vom Volksgarten bis zum Brunnenmarkt. Warum?

L: Wenn wir Geschichten erzählen, dann spielen die meist an den Orten, an denen sie tatsächlich passiert sind. Deshalb tauchen diese Plätze auch in unseren Songs auf, zum Beispiel die Zollergasse als „Tinder-Strich“, über die wir uns lustig machen.


I: In unseren Songs Wien zu thematisieren, ist aber nicht unser Alleinstellungsmerkmal, sondern nur das erste Kapitel unserer Bandgeschichte, das eben von der Liebe und dieser schönen Stadt handelt. 

Ist Wien wirklich so schön wie sein Ruf?

L: Wien wird romantisiert, aber ich finde, das entspricht auch der Wahrheit. Wien hat viele besondere und schöne Orte, die eine gewisse Stimmung erzeugen.

Wie schaut die perfekte Wiener Nacht aus?

M: Sie beginnt am frühen Abend und dauert lange. Am Nachmittag im Park treffen, dann ins Lieblingswirtshaus, weiter in eine Bar – einfach treiben lassen, hier und da landen, unterwegs andere Leute aufgabeln oder wieder treffen … Das ist das Schöne an Wien ... 

I: … Dann legt noch wer in der Praterstraße auf, da schaut man vorbei …

M: … und am Ende sind wir 30.000 Schritte gegangen …

… und seid dann so hungrig, dass Ihr an einem Würstelstand landet. Was bestellt Ihr am liebsten?

L: Käsekrainer, aufgeschnitten mit süßem Senf, Kren, einer Scheibe Brot und entweder milde Pfefferoni oder mit Gurkerl.

M: Das Gleiche! Nur die Pfefferoni brauche ich nicht.

I: Ebenso! Manchmal probiere ich etwas Neues, zum Beispiel Hot Dog mit Avocado. Ur-geil! Aber ich komme dann doch immer wieder zurück zum good old Käsekrainer.

L: Das geht gar nicht! Ich distanziere mich von Isaac.

Vom Würstelstand auf die „Malediven“,  so heißt Euer neuester Song. Er ist Teil des am 16. Oktober erscheinenden Albums „Aus dem Koffer“. Was erwartet uns?

I: Es geht auf dem Album um das Erwachsenwerden, ums Wegwollen, Wieder-Zurückkommen und Verstehen, dass es Zuhause eh am schönsten ist.

„Nein, nein, nein“

Wie war der Prozess des Albumschreibens für Euch im Vergleich zur EP?

M: Ganz neu! Bei der Annemarie EP mussten wir erst einmal ankommen: „Aha, wir sind jetzt eine Band, wie machen wir das?“ Beim Album wussten wir das schon und hatten die Idee, noch jemanden ins Boot zu holen. Wir produzierten sie mit Zebo Adam. (Sebastian „Zebo“ Adam wurde bekannt als Produzent für die Band „Bilderbuch“ und als Gitarrist von „Wanda“, Anm. d. Red.)


L: Mit Zebo haben wir jemanden dabei, der den Überblick behält, damit wir frei unser Ding machen können.


I: Für das Album haben wir mit mehr Instrumenten gearbeitet als vorher. Unsere Musik soll sich immer weiterentwickeln, wir wollen uns nicht festfahren. Das ist unsere Formel!

Haben Label und Management Druck gemacht?

M: Nein, nein, nein! Wir machen diese Musik, weil wir sie wirklich machen wollen und genauso, wie wir sie machen wollen. Nicht aus Verpflichtungen gegenüber einem Label. 

Das Elixier des Lebens sind Wurst und Brot, aber auf was kommt es im Leben wirklich an?

L: Nicht cool, oberflächlich oder nonchalant spielen, sondern Emotionen ehrlich fühlen und sein wie man ist – einfach echt. 


M: Immer das machen, worauf man Lust hat und nirgends reinzwängen lassen!


I: Das Positive in der Welt kommt nicht von den großen und weltbewegenden Taten. Dazu wären wir gar nicht fähig. Es sind die kleinen Dinge, die die Dunkelheit fern halten.

Danke für das Gespräch!

Die in Wien ansässige Band LAURENZ NIKOLAUS besteht seit 2025. Mit ihrem Debüt-Song „Du bist wie“ erreichten sie Platz 38 der österreichischen Single-Charts, es folgte die EP „Annemarie“. Am 16. Oktober 2026 erscheint ihr Debütalbum „Aus dem Koffer“. Im April 2027 gehen sie damit erstmals auf Tour.

Laurenz Öllinger, auch bekannt als Rapper „Kion“ bei der Wiener Hip-Hop-Gruppe „Pankeebois“, wuchs in Purkersdorf, Niederösterreich auf und verbrachte große Teile seiner Jugend in Wien. Mit 17 begann er, selbst im Genre Hip-Hop und auf Hochdeutsch Musik zu machen. Nun ist er als Frontmann der Austropop-Band LAURENZ NIKOLAUS bekannt.

Isaac Gartmayer, auch bekannt als „prod.suki“, ist Produzent und Multiinstrumentalist. Geboren in Wien und aufgewachsen in Pressbaum, Niederösterreich, fand er über das Schlagzeugspielen zur Musik. Später begann er, elektronische Musik zu produzieren, vorwiegend im Deutschpop- und Rap-Kontext. Er arbeitete unter anderem mit Eli Preiss, Verifiziert, Donna Savage und Makko.

Moritz Seidel, auch bekannt als „Mo.Nomad“, wuchs überweigend in Wien auf. Mit 15 begann er, Gitarre zu spielen, und entdeckte dabei seine Leidenschaft für das Produzieren und Songwriting. Vor dem Bandprojekt LAURENZ NIKOLAUS arbeitete er vor allem als Produzent und Autor, unter anderem für Verifiziert, Jugo Ürdens und die Pankeebois. 

 

 

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