Lederhosen treffen auf Durags, Flamenco auf nordafrikanisches Handwerk, Eleganz auf Punk. Mit ihrem jungen österreichischen Fashionlabel MIRANDA MATONDO entwerfen Danaide Miranda und Marie Matondo Kollektionen, die kulturelle Identitäten neu zusammensetzen – selbstbewusst, sinnlich und frei von Klischees.
Österreichische Materialien vereinen sich mit nigerianischer Handwerkskunst. Für ihre Debütkollektion „edelweiss“ reisten Danaide und Marie nach Lagos, Nigeria, wo sie mehrere Wochen in einem eigenen Studio mit lokalen Schneiderinnen und Handwerkerinnen arbeiteten.
Olivia Theofanidis: Ich fange an, Ihr macht weiter. Euer Label ist jung ...
Dana: ... rebellisch und gleichzeitig elegant. Unsere Kollektionen haben einen Punk-Twist und stehen für Vielfalt und Offenheit.
Marie: ... atmet einen stark afro-atlantischen Spirit! Bekleidung jenseits binärer Geschlechterkategorien, das spielt auf jeden Fall eine große Rolle.
Ihr bedient Euch oft kultureller Zitate, wie etwa der ledernen Durags in der ersten Kollektion „edelweiss“ (2025). Das sind Kopfbedeckungen, die eng mit der afroamerikanischen Kultur verbunden sind. In eurer aktuellen Kollektion „mosaico“ (2026) setzt ihr Euch mit Identitäten auseinander und greift kulturelle Einflüsse auf. Ihr verwendet Leder und Seide mit Verzierungen aus Onyx, Türkis, Silber und Koralle und zitiert damit die Handwerkskunst Nordafrikas. Was hat es damit auf sich?
Marie: Wir kennen uns seit der Schulzeit, also seit über zehn Jahren, und seitdem arbeiten wir kreativ zusammen! Dana und ich haben schon damals unser Taschengeld zusammengespart und sind damit gemeinsam verreist. Das hat uns unglaublich viel gegeben. Diese gemeinsamen „Expeditionen“ haben unseren Blick auf die Welt und ihre vielen Kulturen nachhaltig geprägt und sind bis heute eine wichtige Inspirationsquelle für unsere Arbeit.
Dana: Es geht uns nicht darum, kulturelle Referenzen als reine Ästhetik zu übernehmen. Uns interessieren die Geschichten, das Wissen und das Handwerk, die dahinterstehen. Deshalb ist es für uns auch so wichtig, unsere Recherche mit Reisen zu verknüpfen und selbst vor Ort zu sein. Unsere Arbeiten sind keine Reproduktion traditioneller Objekte, sondern zeitgenössische Interpretationen.
Wolle und Leder wurden aus Österreich nach Nigeria gebracht und dort neu interpretiert. Die österreichische Flagge symbolisiert eine Identität, die vielfältig, offen und im Wandel ist.
Ihr seid beide Frauen mit multikulturellen Wurzeln. Was bedeutet das für Eure Arbeit?
Marie: Dana ist Spanierin, ich bin Österreicherin und Angolanerin. Dadurch habe ich mich in jungen Jahren viel mit mir selbst und meiner Identität beschäftigt – gerade als schwarze Frau in Österreich. Wir haben viel über unsere Herkunft geredet und sind auf diese Weise mit spirituellen und kulturellen Themen in Berührung gekommen. In diesen Gesprächen haben wir Halt gefunden.
Referiert Eure aktuelle Kollektion „mosaico“ auf den Flamenco?
Dana: Als Spanierin war ich schon immer von dieser Tanzform fasziniert. Mit meiner Begeisterung konnte ich Marie anstecken. Beim Flamenco gibt es den Begriff „Duende“. Er beschreibt eine höhere Kraft, die den Körper beim Tanzen einnimmt. Das kann man nicht in Worte fassen, damit ist ein übermenschliches Gefühl gemeint. Der Flamenco ist aus vielen kulturellen Einflüssen entstanden und geht auch auf Wurzeln in Nordafrika zurück.
Marie: Wir waren sogar einen ganzen Monat in Agadir in Marokko, um die Handwerkskunst und die Materialien vor Ort zu entdecken und zu recherchieren. Neben einer professionellen Produktion konnten wir auch mit einer Familie zusammenarbeiten, die schon seit Generationen traditionellen Schmuck handfertigt. So ist unsere aktuelle Kollektion „mosaico“ entstanden.
Dana: Für unsere erste Kollektion „edelweiss“ sind wir auch gemeinsam nach Lagos in Nigeria gereist. Die Kollektion setzt sich mit unserer Identität als Österreicherinnen mit multikulturellem Hintergrund auseinander und zeigt ein diverses Bild von Österreich. Wir wollten, dass unser Team in Nigeria die österreichische Kultur und Mode neu interpretiert und mit österreichischen Stoffen und auch Schnittmustern arbeitet. Einer unserer Schneider erhielt beispielsweise ein Schnittmuster für eine Leder- bzw. Trachtenhose. Er war völlig schockiert und meinte nur: „What’s that?“
Könnt Ihr Euch an das erste gemeinsame kreative Projekt erinnern?
Dana: Seit Beginn unserer Freundschaft sind wir gemeinsam kreativ. Alles hat mit den ersten Fotoprojekten begonnen. Das erste professionellere Shooting, das wir durchführen durften, hieß „Flower and a Cube“. Inspiriert wurde es vom Gedicht „A Panther’s Daughter“ unseres Freundes Sebastian.
Marie: Der Panther als Symbol für Güte, Schönheit und Kraft ist heute immer noch Teil unseres Logos!
Für die zweite Kollektion „mosaico“ ließ sich das Label vom Flamenco und seinen kulturellen Wurzeln in Spanien und Nordafrika inspirieren und reiste nach Agadir, Marokko. Silber, Onyx, Türkis und Koralle prägen die Kollektion und greifen Schmuckelemente der Region auf. Die Kollektion wurde bei der Show der Modeklasse 2026 der Angewandten in Wien präsentiert. Für „mosaico“ erhielt Marie stellvertretend für das Label eines der mit 2.000 Euro dotierten Fred-Adlmüller-Stipendien.
Der Launch Eures Labels 2025 war nicht der Anfang. Ihr arbeitet schon seit einigen Jahren zusammen, obwohl Eure Ausbildungswege zunächst in unterschiedliche Richtungen gingen. Dana hat Grafik- und Informationsdesign an der New Design University in St. Pölten studiert, Marie studiert an der Universität für Angewandte Kunst bei Professor Craig Green. Welche waren Eure ersten gemeinsamen professionellen Projekte?
Marie: Eine unserer ersten größeren gemeinsamen Arbeiten war die Kostümgestaltung für das Theaterstück „None of My Business“ des Kollektivs Filet + Friends im Ballhaus Ost in Berlin. Das Stück setzt sich mit Klimagerechtigkeit und den sozialen sowie politischen Auswirkungen des Klimawandels auseinander. Insgesamt haben wir sieben Kostüme entworfen und anfertigen lassen. Für die Amadeus Austrian Music Awards 2026 durften wir außerdem Conchita Wurst einkleiden. Wir wurden dafür von der Stylistin Julia Philippitsch angefragt.
Wie erlebt Ihr als Nachwuchsdesignerinnen die Modeszene in Wien?
Dana: Wenn ich die hiesige Modeszene mit der in Paris, Mailand oder London vergleiche, ist sie schon eher klein. Dafür gibt es in Wien jedoch sehr viel Unterstützung – sowohl aus der Modeszene als auch aus unserem persönlichen Umfeld. Die Austrian Fashion Association leistet beispielsweise einen wichtigen Beitrag zur Modewelt und unterstützt viele junge Designerinnen und Designer. In dieser Stadt wird uns extrem viel Liebe und Support entgegengebracht. Wien hat sehr großes Potenzial, eine Metropole für junge, kreative Designerinnen und Designer zu werden. Ich bin sehr glücklich darüber, dass wir dazu beitragen können.
Das junge Label versteht Mode als Plattform für kulturellen Austausch. Ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit ist die Zusammenarbeit mit lokalen Communities. Ihre Entwürfe erzählen von Identität, Zugehörigkeit und kultureller Verbindung.
Was könnte man in Österreich anders machen, um eine junge Modeszene besser gedeihen zu lassen?
Marie: Wir wünschen uns vor allem mehr Mut, junge Designerinnen und Designer früh zu fördern und ihnen Vertrauen entgegenzubringen. Oft entstehen die spannendsten Ideen dort, wo Raum fürs Experimentieren existiert. Mit mehr Plattformen, mehr Austausch und einer stärkeren Wertschätzung für unabhängige Mode könnte sich die Szene noch viel stärker weiterentwickeln.
Worüber könnt Ihr streiten?
Dana & Marie: Nichts!
Dana: Die Leute denken, wir beide sind verrückt! Wir sind ein Kopf, wir müssen unsere Ideen nicht aussprechen, denn wir haben immer dieselben. Da wir uns auch schon so lange kennen, haben wir einen sehr ähnlichen Bezug zur Welt, einen ähnlichen Lebensstil und eine ähnliche Mentalität.
Beide Designerinnen wuchsen in großen Familien mit jeweils sieben Geschwistern auf. Was sie dabei am meisten gelernt haben: Offenheit, Selbstständigkeit und Ehrlichkeit.
Was ist Euer nächstes großes Ziel?
Dana: Paris! Wir waren 2025 sogar dreimal bei den Fashion Weeks dort, waren zu vielen Shows eingeladen und haben die Stadt sehr intensiv erlebt. Unser Traum ist Paris. Die Stadt verkörpert komplett unsere Ästhetik und gibt uns das Gefühl, uns kreativ noch stärker entfalten zu können.
Marie: Ein eigenes Team aufzubauen, ist gerade ein wichtiges Thema für uns. Zugegebenermaßen fällt es uns schwer, unser Baby in andere Hände zu geben und Verantwortung abzugeben. Aber das wird früher oder später notwendig sein, wenn wir höher hinaus wollen.
Was würdet Ihr Euch wünschen, dass jemand in zehn Jahren über Eurer Label sagt?
Dana & Marie: Wir wünschen uns, dass die Menschen sehen, wie viel Leidenschaft in allem steckt, was wir tun und wie wichtig unsere Freundschaft für das Label ist. Wir wünschen uns, dass unsere Community als das gesehen wird, was sie für uns wirklich ist: eine kleine Familie. Ohne sie wäre unsere bisherige Reise nicht dieselbe gewesen.
Danke für das Gespräch!
Danaide Miranda wurde am 2002 in Spanien geboren und schloss 2025 ihr Bachelorstudium in Grafik- und Informationsdesign an der New Design University in St. Pölten ab.
Marie Matondo, ebenfalls Jahrgang 2002, ist in Österreich geboren und studiert derzeit Modedesign an der Universität für angewandte Kunst Wien. Beide wuchsen mit jeweils sieben Geschwistern auf. 2025 gründeten sie ihr gemeinsames Label MIRANDA MATONDO.
Ihre neueste Kollektion „mosaico“ ist seit Anfang Juni 2026 über ihren Online-Shop https://www.mirandamatondo.com erhältlich.