„Verstand verloren und Großartiges zerstört“

Can Technology care?

Sie wartet auf Aliens, legt Techno auf und stellt unsere Vorstellung vom Amazonas auf den Kopf. Für ihre Arbeit R€¥€R$€, die im September beim Ars Electronica Festival (8. bis 13. September) in Linz zu sehen ist, wurde die kolumbianische Künstlerin Laura Colmenares Guerra ausgezeichnet. Ein Gespräch über einen weisen Ort, koloniale Denkmuster und warum es das Wort Natur nur im Westen gibt.  

Text: Eva Holzinger 

„Amazonien ist ein technologischer Ort.“

Die Arbeit „Persistent Elsewhere“ (2026–ongoing) ist eine immersive VR-Arbeit von Laura Colmenares Guerra. Sie hinterfragt, wie unsere Sinne Dinge erfassen können, die sich unserer unmittelbaren Wahrnehmung entziehen. Reale geografische Daten übersetzt sie dabei in phantastisch-sinnliche VR-Landschaften.

Eva Holzinger: Laura, was siehst Du vor Deinem inneren Auge, wenn Du von Amazonien träumst?

Laura Colmenares Guerra: Diese Landschaft taucht tatsächlich immer wieder in meinen Träumen auf. Ich sehe üppige Wälder, in die ich langsam hineingezogen werde. Für mich ist Amazonien ein Ort tiefer Weisheit und ein technologischer Ort, hier treffen die unterschiedlichsten Welten aufeinander, wunderschön und überwältigend zugleich.  

Ein technologischer Ort?! Was meinst Du damit?

Wir verstehen Technologie im Westen als Apparate, die von uns Menschen gemacht und kontrolliert werden und außerhalb von uns funktionieren. Die kolumbianische Autorin und Forscherin Bárbara Santos verwendet „Technologie“ in ihrem Buch „Healing as Technonlogy“ aber nicht im Sinn von Maschinen, Geräten oder digitaler Technik, sondern als Wissensform, Praxis und Beziehungssystem; als Methode, mit der Menschen, Pflanzen, Tiere und Wasser miteinander in Beziehung treten. Dieses Wissen lässt sich nicht einfach aus westlicher Perspektive übersetzen oder aneignen.  

Ich zitiere Dich: „Wer dem Amazonas näherkommt, taucht in ein überwältigend komplexes Geflecht des Lebens ein. Je tiefer man eintaucht, desto deutlicher wird: Eigentlich weiß man nichts.“ Meinst Du das damit?

Ja, wir nähern uns Amazonien mit westlichen Methoden: mit unserer Sprache, unseren Karten, unseren politischen Modellen, unserem System, die Welt zu ordnen. Aber je tiefer man sich in das Amazonasbecken hineinbewegt, desto klarer wird, dass diese Werkzeuge dort nicht funktionieren. Eine indigene Person geht durch den Wald und sieht in jedem Baum, in jeder Pflanze etwas: Nahrung, Heilung, Farbe, Beziehung. Das sind Wissenssysteme, die mit unserer westlich-wissenschaftlichen Herangehensweise nichts zu tun haben.  

Erklär uns Amazonien!

Amazonien ist kein Staat, sondern ein vielschichtiger Raum: Er umfasst Nationalstaaten, indigene Territorien, lokale Gemeinschaften, Flusssysteme und Schutzgebiete. Er ist Wirkungsfeld von NGOs und Gegenstand internationaler Abkommen – leider aber auch Schauplatz der Ausbeutung durch internationale Konzerne, des Bergbaus, des illegalen Holzeinschlags und des Drogenhandels. 

 

Daneben existieren lokale Formen der Selbstverwaltung, die Territorium nicht als Besitz oder Verwaltungsfläche begreifen, sondern als Lebensraum. Flüsse, Wälder, Tiere, Pflanzen, Ahnen, Gemeinschaften, Wasserwege und künftige Generationen bilden darin ein untrennbares Ganzes. Zugleich gibt es politische Organisationen, die Amazonien als Gesamtregion vertreten. Diese Strukturen funktionieren bemerkenswert gut, müssen sich jedoch unablässig gegen Kolonialisierung, Rohstoffausbeutung und die Vorstellung behaupten, Amazonien sei lediglich eine Ressource für den Rest der Welt. 

„Eigentlich weiß man nichts.“

Diese Arbeit trägt den Titel „Ecdysis“ (2023) – das Wort beschreibt den Prozess der Häutung bei Reptilien und Insekten. Dabei mäandert eine langsam geführte Kamera durch eine 3D-Reproduktion der Topografie des Amazonasbeckens. Begleitet wird diese Reise mit Tonaufnahmen aus dem Amazonas.

 

Das Amazonasbecken erstreckt sich über neun Länder: Brasilien, Kolumbien, Peru, Ecuador, Bolivien, Venezuela, Guyana, Suriname und Französisch-Guayana. Die indigene Dachorganisation COICA vertritt nach eigenen Angaben 511 indigene Völker. 

In Deinen künstlerischen Arbeiten geht es darum, dass Sprache Wirklichkeit nicht nur beschreibt, sondern erst erzeugt. Wann oder wie wurde Dir das besonders bewusst?

Ein Beispiel ist der Begriff „Natur“. In vielen westlichen Sprachen bezeichnet Natur etwas, das außerhalb von uns liegt. In vielen indigenen Kulturen existiert dieses Wort gar nicht – oder es wurde erst durch den Kontakt mit westlichen Kulturen übernommen. Ein anderes Beispiel ist der Begriff „Landschaft“. Der Begriff entstand im 15. oder 16. Jahrhundert in den Niederlanden im Zusammenhang mit Malerei. Landschaft bedeutet: etwas, auf das man blickt. Dadurch entsteht Distanz. Auch Karten funktionieren so. Die Mercator-Projektion, also eine Weltkarte, bei der die Erde auf eine flache Fläche übertragen wird, vergrößert nördliche Länder unverhältnismäßig und verkleinert südliche Länder. Brasilien wird zum Beispiel immer kleiner dargestellt, als es im Verhältnis zu Nordamerika ist. In all diesen Darstellungen steckt Kolonialgeschichte – und diese führt dazu, was wir als groß oder klein, wichtig oder unwichtig wahrnehmen.

Dein Projekt R€¥€R$€, für das Du bei der heurigen Ars Electronica in Linz für den Award of Distinction ausgezeichnet wurdest, ist der dritte Teil Deiner sogenannten „Ríos“-Serie. Was war der erste Impuls für diese Arbeit?

Der Ausgangspunkt für die Ríos-Trilogie waren die Brände im Amazonasgebiet im Jahr 2018. Ich begann, den Hashtags zu den Bränden in den sozialen Medien zu folgen. Ich hatte Amazonien schon als jüngere Frau besucht, aber diesmal wollte ich verstehen, wie westliche Gesellschaften digital auf dieses Territorium blicken. Ich habe also angefangen, Daten aus Hashtags zu sammeln und Beziehungen zwischen Begriffen zu untersuchen. Mich interessierte, wem Daten, Wissen, Sichtbarkeit und Narrative gehören. Als Elon Musk Twitter kaufte und der freie Datenzugang eingeschränkt wurde, wurde auch das Teil meiner Recherche. 

„Intuitiv“

In R€¥€R$€ kreierst Du eine Virtual Reality mit immersiven 3D-Landschaften und interaktiven Karten. Was bedeutet der Titel? Er sieht aus wie ein Code.

Der Titel arbeitet mit Währungssymbolen. Er fragt: Was kann eigentlich „reversed“, also umgekehrt oder zurückgedreht, werden? Den Schaden, den wir dort bereits angerichtet haben, können wir nicht einfach rückgängig machen. Aber wir können die Logik umkehren, mit der wir uns diesem Territorium nähern – abseits von Euros und Dollars.

Auch in dieser Arbeit forderst Du Besucherinnen auf, den eigenen Körper aktiv einzusetzen. Was interessiert dich daran?

Ich beginne immer mit einer Frage an mich selbst: Welches Gefühl möchte ich erzeugen? Dafür habe ich keine wissenschaftliche Methode, es ist intuitiv. Mich interessieren Körper, Wissen, Gefühle und Intellekt zugleich. Bei R€¥€R$€ wollte ich eine Distanz spürbar machen.

„Bewohnt, benannt, erinnert, verteidigt“

Wie bist Du hier vorgegangen?

Ich betrachte Amazonien über Flussbecken, Wassersysteme und Primärflüsse. Dadurch wird ein Territorium nicht durch Nationalstaaten getrennt, sondern durch Wasser verbunden. Im Virtual Reality-Kapitel erschaffe ich dann eine dissonante und dystopische 3D-Welt. Es gibt dort keine Menschen, keine Tiere, keine direkte lebendige Präsenz. Namen indigener Völker erscheinen im Landschaftsraum. Auch wenn Besucherinnen diese Namen nicht aussprechen oder verstehen können, werden sie mit ihrer Präsenz konfrontiert. Die Namen zeigen: Dieses Gebiet ist nicht leer. Es ist bewohnt, benannt, erinnert, verteidigt.

Welche Gefühle sollen entstehen?

Was ich nicht kreieren will, sind Schuldgefühle – nach dem Motto: Auch ich zerstöre das Amazonasbecken, also sollte ich kein Auto fahren, nicht fliegen und nichts mehr konsumieren. Genau diese Individualisierung von Verantwortung wird uns oft eingeredet, während milliardenschwere Unternehmen enorme Ressourcen verbrauchen – etwa die Fleisch- und Holzindustrie – oder Kriege ganze Ökosysteme verwüsten. Ich möchte, dass Besucherinnen zunächst Distanz verspüren und sich fragen können: Wie komme ich näher? Wie kann ich anders hinschauen, anders verstehen, anders in Beziehung treten?

Du arbeitest mit hochdigitalen Mitteln über Erde, Wasser, Körper und Ökosysteme. Ist das nicht auch ein Widerspruch?

Nicht unbedingt. Die Frage ist nicht, ob wir Technologie verwenden, sondern wie. Wie produzieren wir sie? Wie recyceln wir sie? Wer arbeitet unter welchen Bedingungen, damit wir ein Smartphone oder einen Computer benutzen können? Alles ist Teil einer Kette. Technologie wird gefährlich, wenn sie unsichtbar, aufgezwungen und unreflektiert ist. 

Die Ars-Electronica-Jury fragt: „Can Technology Care?“ Kann Technologie Fürsorge leisten?

Ja, wenn wir sie richtig einsetzen. In Amazonien werden zum Beispiel Drohnen verwendet, um Territorien zu überwachen und illegale Abholzung sichtbar zu machen – oft in Zusammenarbeit mit NGOs und indigenen Organisationen.

„Wasser wird das Gold des 21. Jahrhunderts sein.“

In „Topography of a Second“ (2025) wird ein Fluss zum Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit Zeit und Raum. 

 

Viele Menschen in Amazonien beziehen ihr Trinkwasser direkt aus den Flüssen. In Ecuador, Venezuela, Peru und anderen Regionen werden diese Lebensadern durch die Förderung von Erdöl und den Abbau von Rohstoffen verschmutzt und zerstört. Ölverseuchungen bleiben oft über Jahrzehnte bestehen. Auch Bergbau und Wasserkraftwerke greifen massiv in die Landschaft ein. Was auf einer Landkarte wie ein kleiner Eingriff aussieht, kann weitreichende Folgen haben – für Flüsse, Wälder, Tiere und die Menschen, die von ihnen leben. 

Was hat die Arbeit an R€¥€R$€ mit Dir persönlich gemacht?

Sie hat mir bewusst gemacht, wie sehr mich meine Herkunft geprägt hat. Mein Vater ist Anwalt und auf Umwelt- und Wasserrecht spezialisiert. Er sagte immer: „Wasser wird das Gold des 21. Jahrhunderts sein.“ Meine Mutter ist Fotografin und Dokumentaristin. Seit Jahrzehnten arbeitet sie in Regionen, in denen Menschen für ihre Lebensgrundlagen kämpfen. Sie hat Umweltzerstörung dokumentiert, eng mit indigenen Gemeinschaften und lokalen Initiativen zusammengearbeitet und selbst ein Naturschutzgebiet gegründet. 

Wie war Deine Kindheit in Kolumbien?

Ich bin in den 1980ern aufgewachsen, in der Zeit von Pablo Escobar, Drogenhandel, paramilitärischer Gewalt. In den 2000er-Jahren, als ich bereits eine junge Erwachsene war, verschärfte sich während der Präsidentschaft von Álvaro Uribe vieles. Unter dem Vorwand, Sicherheit zu schaffen und die Guerilla zu bekämpfen, entstand nur noch mehr Gewalt. Ich war schwanger und wollte etwas anderes für mein Kind. Also bin ich nach Brüssel gegangen, wo ich heute noch lebe. 

Du warst Teil der frühen Techno-Szene von Bogotá und hast dort Deine ersten Videoarbeiten produziert. Erzähl uns aus der Zeit!

Ich bin immer noch Teil der Techno-Szene! Mein Sohn ist heute 22 Jahre alt und manchmal legen wir sogar gemeinsam auf. Techno war immer da. Für mich ist es Katharsis, Gemeinschaft, Freiheit in einer Gesellschaft, die sehr unterdrückend sein kann. Techno ist nicht einfach nur Partymusik. Es ist eine Form von Widerstand, ein Symbol für Zukunft, für andere Möglichkeiten.  

Wie sieht Deine Dystopie aus – und wie Deine Utopie?

Vielleicht ist meine Dystopie auch meine Utopie. Ich warte auf die Aliens. Ich bin ein großer Fan der Schriftstellerin Octavia Butler. In einem ihrer Bücher beschreibt sie eine Welt nach dem ökologischen Kollaps, in der Menschen von einer anderen Spezies kolonisiert werden. Für mich ist das eine schöne Dystopie: Aliens, die erkennen, dass wir den Verstand verloren und Großartiges zerstört haben.  

 

Eine andere Möglichkeit wäre, den Verfall der Bildung aufzuhalten. Wir müssen verstehen, dass wir größer sind, als Social Media und Politik uns glauben machen. Wir müssen aufwachen und Wege finden, das Regime der Konzerne zu demontieren. Das würde ich gerne noch erleben. Und ehrlich gesagt: Ich bin ziemlich sicher, dass es passieren wird. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Vom 8. bis 13. September ist ihre Arbeit R€¥€R$€ beim Ars Electronica Festival in Linz zu sehen, einem der wichtigsten internationalen Festivals für Kunst, Technologie und Gesellschaft.

Laura Colmenares Guerra ist eine kolumbianische Künstlerin, die mittlerweile in Brüssel lebt. In ihren Installationen, Skulpturen und digitalen Arbeiten verbindet sie 3D-Technologien wie Animation, Virtual Reality und keramischen 3D-Druck mit einer forschungsbasierten Auseinandersetzung mit Umwelt, Ökosystemen und Landschaftspolitik. Dabei hinterfragt sie Vorstellungen von Natur, Territorium und Sprache und entwickelt künstlerische immersive, partizipative Erfahrungsräume. Seit 2018 beschäftigt sie sich insbesondere mit den geopolitischen und neoliberalen Formen des Ressourcenabbaus im Amazonasbecken. Ihre Arbeiten wurden international präsentiert, unter anderem im Centre Wallonie-Bruxelles in Paris, im Museum of Contemporary Art Montréal, bei MUTEK Montréal, im BOZAR in Brüssel und bei iMAL.