Über Gott, Tech-Milliardäre und die Kunst des Konflikts
Die Wiener Festwochen 2026 sind zu Ende gegangen. Der Schweizer Intendant Milo Rau sorgte mit der Ein- und späteren Ausladung des mächtigen Tech-Oligarchen Peter Thiel einmal mehr für internationale Schlagzeilen. Viel Lärm. Um nichts? Oder um etwas, das ihm wirklich wichtig ist? Zeit für ein privateres Gespräch: Warum er sich das alles antut, über seine leise Seite, die Kindheit und ob er in Wien bleiben will.
Ich treffe Milo Rau im Café Engländer in Wien. Wir sitzen drinnen, draußen brütet die Nachmittagshitze. Ich bestelle ein Soda Zitron, Rau ein großes Soda Zitron – und gleich noch eine Cola dazu.
Der Intendant der Wiener Festwochen stellt zwei Bücher hochkant auf den Tisch: eines von Papst Leo, das andere trägt den Titel „Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch“. Er lese es gerade, erzählt er, weil er im Oktober 2026 Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ an der Deutschen Oper Berlin inszenieren werde.
Warum er diese Lektüre mitgebracht hat, bleibt bis zum Schluss nicht ganz klar. Im Gespräch geht es jedenfalls um Theater und um Gott. Und irgendwie passt dann doch wieder alles zusammen.
Antje Salvi: Die Provokation und Polterei sind, ist nicht zuletzt im politischen Kontext, etwa durch Donald Trump, salonfähig geworden, die Melodie der Mächtigen, um Aufmerksamkeit im allgegenwärtigen digitalen Rauschen zu erheischen. Warum bedienst Du Dich dieser? Nicht müde davon? Sind die Stille und das Hinhören heute nicht die effektiveren Strategien des Protests?
Milo Rau: Ich bin ja nicht nur Intendant der Wiener Festwochen, ich toure mit meiner Kunst durch 40 Länder. Die meisten meiner Werke sind still, wie etwa die Europa-Trilogie und mein Jesusfilm, wahnsinnig stille, berüchtigt langsame Stücke, die teilweise zehn Stunden dauern. Sie sind total einfühlsam und poetisch. In Wien habe ich eine andere Funktion. In Wien bin ich der Leiter der Wiener Festwochen. Hier bin ich nicht nur Künstler, sondern da bin ich auch einfach Veranstalter und gezwungen, eine Sichtbarkeit herzustellen für Dinge, die ich als wichtig erachte, weil sie tatsächlich wichtig sind.
Was ist denn wichtig?
Provokation setzt etwas in Gang und lenkt vielleicht den Blick auf etwas. Sagen wir mal, es seien annähernd 10.000 Texte über meine Ein- und Ausladung des US-Milliardärs Peter Thiel bei den Wiener Festwochen 2026 geschrieben worden. Extrem viele Leute kannten den Mann vorher gar nicht, durch den Aufruhr haben sie erfahren, dass dieser Mensch unsere Welt regiert. Er besitzt die Macht, Kriege ein- und auszustellen!
Demnach war die Absage seines Auftritts keine Blamage für Dich, wie der Falter schreibt, sondern die Mission war für Dich erfüllt?
Szene aus Richard Wagners Oper „Parsifal“ bei den Wiener Festwochen 2026. Die deutsche Regisseurin Susanne Kennedy und der deutsche Künstler Markus Selg übertragen das monumentale „Bühnenweihfestspiel“ in die Gegenwart: mit archaischen und futuristischen Bildern, religiösen Symbolen und KI-generierten Welten.
Zum Skandal um Peter Thiel: Milo Rau hatten den umstrittenen Tech-Unternehmer Peter Thiel zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen, um sich kritisch mit seinen politischen und religiösen Ideen auseinanderzusetzen. Nach heftiger öffentlicher Kritik und mehreren Protestabsagen von Künstlerinnen zog der Intendant die Einladung zurück und begründete die Entscheidung damit, dass ein Festhalten an der Einladung Thiels das restliche Programm gefährdet hätte.
Das Wiener Publikum konnte Peter Thiel nun nicht kennenlernen, aber Du hast bestimmt oft mit ihm im Vorfeld geredet. Wie ist denn so ein „Bösewicht“?
Ja, oft über Zoom, und das über Monate hinweg. Er ist sehr sympathisch, sehr klug, sehr normal. Das ist ja der Witz, am Schluss ist es immer nur ein Mensch, in gewisser Hinsicht, aber dann auch wieder weniger charismatisch als Du und ich. Er ist wirklich einfach irgendein Typ. Das ist ja das Interessante!
Nach Hannah Arendt die „Banalität des Bösen“, sozusagen! Hat die denn keine Grenzen für Dich? Würdest Du zum Beispiel auch die extrem rechte Alice Weidel von der AFD auf die Festwochen Bühne bitten? Du hast ja in Deiner Inszenierung „Prozess gegen Deutschland“ im Hamburger Thalia Theater auch den früheren AFD-Vorsitzenden Frauke Petry sprechen lassen?
Für mich ist das gar keine politische Frage, wen ich noch einladen würde, sondern mich interessiert der Kontext zur Kunst. Christoph Schlingensief lud 2001 ausgestiegene Rechtsradikale unter dem Titel „Nazis rein“ im Rahmen seines „Hamlet“ in Zürich auf die Bühne. Das war ein Skandal!
Christoph Schlingensief war ein sehr umstrittener deutscher Theatermacher, zu dem das MAK in Kooperation mit den Wiener Festwochen aktuell die Ausstellung „Es ist nicht mehr mein Problem!“ zeigt (bis 13.9.).
Nach dem Projekt „Nazis rein“ kam dann noch heraus, dass viele Rechtsradikale gar nicht ausgestiegen waren.Du siehst da diese Nazijungs in ihrer Physis, wie sie sich da auf der Bühne bewegen, ihre krasse Rechtsrockmusik spielen, mit ihren Baseballschlägern rumfuchteln, mit dem Publikum diskutieren. Es ist dieses physische, spektakelhafte Erscheinen dieser Körper, das viel unmittelbarer ist, als nur über Nazis zu reden. So funktioniert Theater. Das kann man gut oder schlecht finden, aber ich finde, so kann man das alles erst beurteilen. Ich wollte, dass Thiel physisch anwesend ist, in einem Raum. In der Hinsicht bin ich Zirkusdirektor, in der Hinsicht bin ich Veranstalter von Präsenz und von Körpern. Das ist mein Gebiet!
Der deutsche Künstler Christoph Schlingensief (1960-2010) lud 2001 ausgestiegene Rechtsradikale unter dem Titel „Nazis rein“ im Rahmen seines „Hamlet“ in Zürich auf die Bühne. Das war ein Skandal!
Milo Rau polarisiert ähnlich: Die New York Times nannte ihn den „skandalösesten“, Die Zeit den „einflussreichsten“ und The Guardian den „ambitioniertesten“ Theatermacher seiner Zeit. Der Falter schießt hingegen immer wieder gegen Rau und nennt ihn einen „Kuschel-Revoluzzer“.
Das MAK in Wien zeigt noch bis 13. September 2026 die Ausstellung „Christoph Schlingensief. Es ist nicht mehr mein Problem!“, die einen kleinen Einblick in das Werk des Künstlers bietet. Die Ausstellung wurde von den Wiener Festwochen koproduziert.
Die Wiener Festwochen 2026 haben die „Republic of Gods“ ausgerufen. Was hast Du über Göttinnen und Götter gelernt?
Wenn ihr Gott getötet habt, dann müsst ihr euch einfach bewusst sein, dass jemand kommen wird und an seine Stelle treten wird. Also etwas wird kommen. Und jetzt ist etwas gekommen. Jetzt sind die Faschisten gekommen. Jetzt sind diese neuen, rechtspopulistischen Herrscher und Techgurus gekommen. Jetzt ist KI gekommen.
Das sind unsere neuen Götter? Ich glaube nicht an die Vergöttlichung einzelner Menschen oder technischer Heilsversprechen. Eher glaube ich an eine Form des Göttlichen, die alles durchdringt. Wir Menschen, auch Herr Thiel, sind nur ein kleiner Teil des Ganzen, am Ende einfach eben „irgendein Typ“. Niemand ist ein Erlöser.
Interessanterweise scheint es mir, dass sich viele Religionen, wenn sie sich auflösen oder säkularisieren, Vorstellungen wie Deinen annähern, die an den Buddhismus erinnern. Mein Bruder ist Atomphysiker. Auch die Wissenschaft geht ja nicht unbedingt von einem souveränen, individuellen Geist aus. Da gibt es Materie, Beziehungen, Prozesse. Wir sind vielleicht nur kleine Teile eines größeren Ganzen, eines Weltgeists, wenn man so will. Und gleichzeitig besitzen wir paradoxerweise die technischen Möglichkeiten, einfach alles zu zerstören.
Unter dem Motto „Republic of Gods“ widmeten sich die Wiener Festwochen 2026 Fragen nach Glauben, Mythen und den prägenden Erzählungen unserer Zeit. Das Festival versteht sich seit 2024, also seit dem Wechsel zum Intendanten Milo Rau, als „Freie Republik Wien“ und entwickelt mit wechselnden „Republics“ jedes Jahr einen neuen thematischen Schwerpunkt.
Der Falter nennt Dich einen „Weltretter-Teddybären“. Was entgegnest Du?
Ich glaube daran, dass es wichtig ist, über die Möglichkeit des Menschen zum Guten wie zum Schlechten zu diskutieren, sie immer wieder neu zu verhandeln und dafür zu sorgen, dass sich die Strukturen verändern.
Vom „Kongo Tribunal“ über den Bürgerkrieg im Kongo (2015) bis zu Deinem aktuellen Stück „Der Prozess Pelicot“ greifst Du reale Ereignisse und gesellschaftliche Konflikte auf. Woher kommt Deine Leidenschaft für das „echte“ Leben im Theater – und die dunklen Seiten der Welt?
Ich bin 1977 in Bern in der Schweiz geboren und erinnere mich, dass die späten 80er Jahre durch die Wende eine sehr politische Zeit waren. Und der zweite Mann meiner Mutter war in der Revolutionären Marxistischen Liga (RML). Die war als illegale Terrororganisation verschrien. Die Schweiz war gegen ihre Mitglieder damals sehr repressiv. Es gab immer wieder Hausdurchsuchungen. Diese politische Zeit mit vielen Demos, zu denen mich meine Familie mitnahm, hat mich sehr geprägt, auch in einer Art von Romantik. Ich habe das alles als Kind nicht ganz verstanden, aber ich fand es schon beeindruckend.
Du musstest als Kind ständig den Wohnort wechseln, und das in der konservativen Schweiz!?
Ich schätze, über elf Mal. Ich zahlte einen hohen Preis dafür. Die Schweiz hat die höchste Einwandererquote der Welt. Aber du würdest es nicht merken, weil das Land so eine repressive Integrationspolitik hat. Es können, überspitzt formuliert, eine Million Jugoslawen kommen, und zehn Sekunden später sind sie im Volkskörper verschwunden, weil sie gezwungen werden, sofort Schweizerdeutsch zu lernen.
Milo Raus erster Name ist Milo Larese. Er hat ihn geändert, weil er zu sehr nach seinem in der Schweiz bekannten Großvater Dino Larese klang.
Du hattest schon als Kind einen starken Drang, Dich zu behaupten und sichtbar zu sein?
Ich musste mich jedes Mal in einem neuen Kontext verorten. Jedes Mal, wenn du in der Schweiz in eine neue Stadt kommst, musst du einen neuen Dialekt erlernen, damit du akzeptiert wirst. Du bist ganz unten und dann musst du ganz schnell gucken, dass du irgendwie hochkommst. Diese Kindheit hat mein soziales Talent geprägt, das du ja im Theater ganz stark brauchst. Ich habe im Amazonas und in Mossul inszeniert, da brauchst du schon eine gewisse Überzeugungskraft – in Wien übrigens auch. Die Wiener Festwochen sind ein Traditionsfestival, heuer 75 Jahre alt geworden und als ich 2023 kam, habe ich gesagt, jetzt wird alles ganz anders gemacht. Das funktioniert ja nur, wenn die Leute überzeugt sind, dass das toll wird, dass das jetzt so sein muss.
Wer war als Kind Dein Vorbild?
Mein Opa, Dino Larese, der Vater meiner Mutter, der in Venetien geboren wurde. Mein eigentlicher Name ist Miguel Larese. Ich habe den geändert, weil er zu sehr nach meinem in der Schweiz bekannten Großvater Dino Larese klang. Er war der totale Showman, Charmeur und ein professioneller Künstler-Groupie. Eigentlich war er ja gelernter Volksschullehrer. Er hat neben Theaterstücken, Jugendbüchern und Lyrik – das stark fiktionale – „Schweizer Sagen“-Buch verfasst, das in der Schule zur Pflichtlektüre gehörte. Er korrespondierte mit dem Schriftsteller Thomas Mann, in dessen Tagebüchern er stolz vorkommt, und mit dem Komponisten Carl Orff. Es gibt ein schönes Foto, auf dem meine Mutter mit dem Philosophen Martin Heidegger Fußball spielt.
Was ist Dir von damals besonders in Erinnerung geblieben?
Ich habe immer wieder länger bei meinem Großvater gewohnt. Aber er hat mir beigebracht, dass Künstler oder Intellektuelle genauso bedeutsam sind wie Ärzte oder Anwälte, vielleicht manchmal sogar wichtiger und bedeutsamer. Dass ich Künstler werde, wurde in meiner Familie nie in Frage gestellt. Meine erste soziologische Arbeit für mein Studium, da war ich 20 Jahre alt, handelte vom Tod meines Großvaters. Ich habe ihn drei Monate lang bis zu seinem Ende begleitet. Er war wirklich sehr wichtig für mich.
Ein Weltstar in Wien: Patti Smith trat zur Eröffnung der Wiener Festwochen am Heldenplatz auf, und ihr Konzert in der Arena Wien war ebenfalls Teil des Programms.
Du bist jetzt fünf Jahre Wiener Festwochen-Intendant. Mit 15 Millionen Budget ist das Festival finanziell sehr gut ausgestattet. Wird Dein Mandat verlängert?
Angesichts der guten Auslastungszahlen wäre es eigentlich keine Frage, ob ich weitere fünf Jahre bleibe, zehn wie beim Intendanten Luc Bondy sind sowieso das Maximum. Ein Witzbold hat mal geschrieben, nur beim Wiener Kasperltheater im Prater gibt es jüngere Leute als bei uns. Das ist doch ein Kompliment! Die Wiener Festwochen waren zwanzig Jahre in der Unsichtbarkeit verschwunden, das Publikum veraltet, nun sind wir wieder jung, international sichtbar und künstlerisch wahnsinnig erfolgreich. Wir sind auf allen Festivals eingeladen, wir produzieren ja wirklich Weltkunst und laden die berühmtesten Leute nach Wien ein. Dass es von konservativer Seite politische Vorbehalte gegen mich gibt, steht aber auch außer Frage.
Hast Du nach all den Shitstorms um Peter Thiels Einladung überhaupt noch Bock in Wien zu bleiben?
Shitstorms pflastern meinen Weg. Ja klar, ich hätte Bock zu bleiben, einfach auch aus Loyalität zu einem Prozess, der noch nicht beendet ist. Ich fände es falsch, wenn man, wie ich, disruptiv alles komplett neu macht und sich dann einfach verabschiedet. Das fände ich auch dem Team und der Stadt gegenüber illoyal und nicht sehr nachhaltig. Deshalb habe ich natürlich – als „alter Stalinist“ – den nächsten Fünf-Jahres-Plan in der Tasche (lacht).
Warum trägst Du eigentlich immer diese Overalls? Ist das eine Art Abgrenzung zur bürgerlichen Eleganz, oder eine Inszenierung als Kunstarbeiter?
Eher ein Zufall! Ich habe mich bei einer Theaterproduktion mal angekleckert und brauchte ein Ersatzgewand und da hing ein Overall rum, der sich als ziemlich bequem herausstellte. Er ist eine Art Arbeitsuniform für mich geworden. Es ist eher so, dass mir das Outfit hilft, auch mal meine Ruhe zu haben. Wenn ich ihn nicht trage, erkennt mich keiner.
Danke für das Gespräch.
Die Wiener Festwochen wurden 1951 gegründet und zählen mit ihrer mehr als 75-jährigen Geschichte zu den großen Kulturfestivals Europas. Jedes Jahr dauern sie rund fünf bis sechs Wochen und verwandeln Wien mit Theater, Musik, Tanz und Performances aus aller Welt in eine internationale Bühne.
Milo Rau (*1977 in Bern) zählt zu den international bekanntesten Theaterregisseuren der Gegenwart. Der Schweizer studierte Soziologie, Germanistik und Romanistik in Paris, Zürich und Berlin, unter anderem bei Pierre Bourdieu und Tzvetan Todorov. 2007 gründete er das International Institute of Political Murder (IIPM), leitete von 2018 bis 2023 das belgische Stadttheater NTGent und ist seit 2024 Intendant der Wiener Festwochen. Mit Stücken wie Hate Radio, Das Kongo Tribunal, Five Easy Pieces und Orest in Mosul wurde er weltweit bekannt. Neben mehr als 100 Theaterstücken, Filmen und Aktionen veröffentlichte er zahlreiche Bücher und Essays, darunter Was das Theater kann und Die Rückeroberung der Zukunft.