Die Kohn

grantige Weisheiten

Die Kohn ist Kult. Falco, Helmut Lang, Velvet Underground, Marilyn Manson und Quentin Tarantino – sie alle hatten das Glück, in ihrer Gunst zu stehen. Ob als Barchefin im legendären U4 oder als Geschäftsführerin der weltberühmten Loosbar, die Wiener Nachtpatrona und ihr Regiment haben Wiens Party- und Clubbingszene in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich geprägt. Wir haben mit ihr über einen möglichen zweiten Bildungsweg als Domina, ihre Hassliebe zu Falco, die wilden 70er und die noch viel wilderen 80er gesprochen

„Mein eigener Feind möchte ich nicht sein.“

Viktoria Kirner: Du bist 75. Bist Du weise?

Marianne Kohn: Ja, ich bin alt und weise.

Was macht eine weise Person aus?

Dass sie schon sehr viel erlebt hat und sie nichts aus der Ruhe bringen kann. 

Du bist seit über 40 Jahren in der Nachtgastronomie tätig, warst zu den legendärsten U4-Zeiten hinter der Budl, hast zig Clubbings organisiert und betreibst seit 25 Jahren erfolgreich die sogenannte Loosbar im 1. Bezirk. Nach all diesen Jahren in dem Gewerbe bringt einen wohl tatsächlich kaum mehr was aus der Ruhe. Bist Du die Gastro nicht manchmal leid?

Die B’soffenen ja, die Gastro nein. Ich liebe das Gewerbe.

Bist Du privat auch gerne Gastgeberin?

Überhaupt nicht, zu mir darf niemand. Zu mir aufs Land schon gar nicht. Feiertage wie Weihnachten oder so sind für mich fürchterlich, da kommen meine ganzen Verwandten. Zum Glück habe ich davon nicht so viele. 

Du bist kein Familienmensch?

Weißt du, es gibt so viele falsche Familien, und ich kenne so viele Geschichten und so viele Leute, die vom Familienleben enttäuscht sind. Da bin ich einfach froh, dass ich Single bin. 

In der vier Quadratmeter großen Loosbar schnappst Du vermutlich täglich vielerlei Geschichten auf. Muss man als gute Barbetreiberin einen Draht zu den Gästen haben? Musst Du manchmal Psychologin spielen?

Kann man, muss man aber nicht. Ich hör meistens gar nicht so genau hin. Das geht da rein und dort wieder raus. Bei Beziehungsproblemen höre ich überhaupt nicht zu, das ist so fad, dass einem schlecht wird.

„Quentin Tarantino hat sich in meine Barkeeperin verliebt.“

Wer geht in die Loosbar? Leute mit Beziehungsproblemen? Was ist dort die Klientel?

Unsere Gäste sind häufig Frauen, die auch alleine kommen, weil sie hier nicht angebaggert werden, da passen wir auf. Auch viele Paare, kleinere Gruppen. Aber das Bild vom vereinsamten Wiener Säufer, der über dem Tresen hängt, das gibt’s in der Loosbar nicht. Wir sind ja nicht irgendeine Bar.

Würdest Du so einen Säufer rausschmeißen?

Nein, aber jemanden mit Ruderleiberl, kurzer Hose und Flipflops. 

Jemanden, der gerade auf der Summerstage war, schickst Du also wieder heim?

Die drehen meistens eh an der Tür von selber wieder um. Ich mein, auf den Ledersitzen mit kurzer Hose – das ist ja widerlich, das pickt total und muss einfach nicht sein. Es ist mir wurscht, ob das eine kurze Prada- oder Gucci-Hose ist, es ist einfach widerlich und schirch.

Welche Nacht in der legendären Loosbar ist Dir besonders in Erinnerung geblieben?

Die Nacht, in der Quentin Tarantino in meine Bar gekommen ist. Den hab ich nur erkannt, weil zwei Tage davor was über ihn im Fernsehen lief. Wir haben uns sofort gut verstanden, er ist auch so ein großer Opern-Fan wie ich. Er ist dann eine Woche lang geblieben, weil er sich in meine Barkeeperin Melanie verliebt hat. Ihren Namen hat er später sogar in Kill Bill 2 verwendet: Melanie Harrhouse. 

Quentin Tarantino war also eine ganze Woche lang in der Loosbar. Was war sein Signature-Drink?

Das weiß ich nicht, denn er hat sich lieber jeden Tag in meinem Lagerraum im Keller bekifft – aber er sieht aus wie ein Whiskey-Sour-Typ. 

Was wurde aus Melanie, ist sie mit ihm in die USA durchgebrannt?

Nein, sie lebt eh in Wien. Ich glaube, sie hat seine Nummer verloren.

„Ich sollte eigentlich eine Domina sein.“

Welchen Aspekt an Deinem Beruf hasst Du noch – außer kurzer Hosen?

B’soffene ganz generell. Bei manchen Leuten denkt man sich schon: „Bist du narrisch, wie schaut der wohl morgen aus?“ Noch grauslicher als besoffene Männer sind aber besoffene Frauen. Die werden dann oft anlassig. Sie vergessen alles, sind ohne Tabu. Ganz grauslich.

War schon mal jemand Dir gegenüber anlassig?

Nein, das traut sich niemand. Das wäre früher aber auch schon nicht gegangen. Ich glaube manchmal, eigentlich sollte ich eine Domina sein. Das wäre das Richtige für mich. Zweiter Bildungsweg: Domina. Da ist auch das Alter vollkommen wurscht. Aber ich weiß nicht, wo man so eine Lehre macht …

Im Internet?

Stimmt. Und so viele Lokale stehen jetzt nach Corona leer, da ließe sich viel machen gerade … 

Du hast also auch noch niemals ein unmoralisches Angebot von jemandem bekommen?

Also wenn jemals wer wem ein unmoralisches Angebot gemacht hat, dann war ich das.

Wem denn?

Dem Dieter Moor zum Beispiel. Der heißt jetzt Max Moor. Er ist jetzt Schauspieler und macht irgendwas bei der ARD. Ein Schweizer, war ein ziemlich guter Typ damals. Ich habe ihn im U4 aufgerissen, wir waren recht lange zusammen.

„Wenn ich so unfreundlich war, warum hab ich dann trotzdem immer das meiste Trinkgeld bekommen?“

In U4-Zeiten hattest Du auch den Ruf, die grantigste Barfrau Wiens zu sein. Zu Recht?

Ich wurde vom „WIENER“ zur unhöflichsten Barfrau Wiens gekürt, ja. Aber da frag ich Dich: Wenn ich so unfreundlich war, warum hab ich dann trotzdem immer das meiste Trinkgeld bekommen?

Vielleicht weil die Leute Angst vor Dir hatten?

Hm. Niki Lauda hat immer gesagt, er ist froh, dass er von mir überhaupt was zu trinken kriegt. Sich bemerkbar zu machen hat man sich bei mir an der Bar scheinbar nicht getraut. Aber ich war ja nie unhöflich, ich habe nur zu Leuten, die an der Bar gestresst haben, gesagt: „Was is’ mit Euch, Ihr seids hier in einem Freizeitbetrieb, entweder Ihr wartets oder Ihr gehts z’haus.“

Musstest Du streng sein, damit man Dich respektiert?

Nein, ich war einfach so. Ich wollt meine Ruh haben. Ich hab das Anbaggern nicht wollen und die Afterhour danach auch nicht. Ich bin nie, wie alle anderen, danach noch irgendwo abgestürzt. Aber ich war generell nicht der Typ dafür, alles Verdiente gleich wieder für Drogen und Sex aus dem Fenster zu schmeißen. 

Weise. Hast Du sonst noch einen Ratschlag für uns?

Man sollte besser mit der Umwelt umgehen und einfach keine Tiere essen. Corona kommt ja nicht von irgendwoher. Aber die Leute werden trotzdem nicht g’scheiter und werden auch weiterhin ihre Schweine um einen Euro fressen. 

„Meine Mutter war als junge Person ein böser Mensch und als alte auch.“

Gibt’s eine Weisheit, die Dir Deine Mutter mitgegeben hat?

Nein, die war ein komplettes Arschloch. Sie war als junge Person ein böser Mensch und als alte auch. 

Harte Worte ...

Sie war eine Jüdin, die den Krieg miterlebt und überlebt hat. Man hat ihr alles genommen. Alle ihre Kinder wurden umgebracht, außer mir. Sie war eine total verhärtete Frau. Nach diesem Schicksal hat sie niemandem mehr vertraut. 

Hat sie Dir vom Krieg erzählt?

Ja, aber ich konnte da kaum mehr hinhören. Schreckliche Geschichten waren das. Aber dass sie das erlebt hat, dafür konnte ja niemand von uns was.

Sie hat Dich ihr Leid spüren lassen?

Sie hat alle unterdrückt und war sehr fordernd. Sie hat immer Liebe gefordert, aber die, die sie gekriegt hat, war ihr nie genug. Umgekehrt hat sie einen immer mit Liebe erpresst: „Wenn Du nicht brav bist, gehen wir nicht ins Kino.“ Wenn man nicht parierte, gab es Liebesentzug. Das war ein Mich-abhängig-Machen von ihrer Liebe. Ich habe erst im Alter realisiert, was das mit mir gemacht hat. Vermutlich bin ich auch deshalb so früh von zuhause weggegangen. 

Du bist mit 17 für acht Jahre nach Italien ausgewandert.

Ja, weil’s so fad in Wien war. 

„Der Fellini war ein feiner Mensch, der Pasolini ein Scheißkerl.“

Ohne ein Wort Italienisch zu sprechen, hast Du Dich in Rom für einen Job als Cutterin beworben und letztendlich mit Federico Fellini und Pier Paolo Pasolini gearbeitet. Wie kam es dazu?

Zufall. Ich habe kein Wort Italienisch gesprochen, ja. Ich habe überall einfach mal pro forma ein „o“ angehängt: Danko, Bitto … die haben geglaubt, ich bin deppat. Den Aushang im Cinecittà über eine freie Stelle konnte ich gerade noch lesen, habe mich daraufhin gemeldet und den Job bekommen. 

Hast Du mit Fellini und Pasolini direkt zusammengearbeitet?

Ja, doch recht häufig. Damals hatte man als Cutterin mit den Musikleuten und Regisseuren viel zu tun. Der Fellini war ein feiner Mensch, der Pasolini ein Scheißkerl. In „Die 120 Tage von Sodom“ hat er wirklich Katzen umbringen lassen. Der war auch dauernd mit Strichern unterwegs, am Schluss wurde er wohl auch von einem Stricher umgebracht.

Wie kann man sich das Rom der 60er vorstellen?

Damals war Rom wirklich „La dolce vita“. Das war eine ganz komische Zeit, Italien war der Mittelpunkt der Welt. Alles hat sich dort getummelt, vor allem viele junge Schauspielerinnen. Ich kann mich noch an zig deutsche Frauen erinnern, lauter Blonde mit langen Beinen, die alles gemacht hätten, um zum Film zu kommen. Fürchterlich war das. Aber das war eben die Zeit. 

Ein paar Jahre später bist Du auf der Durchreise dann doch wieder in Wien picken geblieben. Wie das?

Picken geblieben und schwanger geworden, ja. Das war so gar nicht geplant. Ich hätte in Italien eigentlich heiraten sollen, einen wahnsinnig feschen kanadisch-neapolitanischen Schauspieler. Ich bin für ein paar Tage nach Wien gereist, um meine Papiere für die Hochzeit zu holen. Der Kanadier hat zwei Jahre auf mich in Italien gewartet, ich bin nie zurückgekommen. Der Arme.

„Ich wollte nie Kinder, die gehen mir eigentlich schwerst auf die Nerven. Aber was soll ich sagen? Es waren die Siebziger.“

Was ist in Wien passiert?

Ich habe im Club Vanilla meinen damaligen Mann kennengelernt. Er ist heute Strafverteidiger – hat die Eislady und den Fritzl verteidigt. Früher war er Hippie und Tänzer in der Oper, schon ein lustiger Kerl. Ich bin schwanger geworden, eigentlich wollte ich nie Kinder, die gehen mit schwerst auf die Nerven. Aber was soll ich sagen? Es waren die Siebziger. Sieben Jahre waren wir dann zusammen, die längste Beziehung meines Lebens. 

Zurück in Wien hast Du Anfang der 80er im legendären U4 als nicht minder legendäre Barchefin gearbeitet. Ich habe gehört, Falco hat Dich deshalb schätzen gelernt, weil Du ihm bei Eurer ersten Begegnung ordentlich die Leviten gelesen hast.

Ja, weil er nie zahlen wollte. Wir haben so eine Hassliebe zueinander gehabt. Der war so jemand, dem hat man gewissermaßen seine Grenzen aufzeigen müssen, damit er einen respektiert. Auf mich hat er gehört. 

Wie war er als Person?

Er wurde von Frauen wahnsinnig enttäuscht. Überhaupt von seiner Freundin damals, als rauskam, dass das Kind nicht von ihm war. Das war gewissermaßen der Todesstoß für ihn. So etwas passiert ja öfter, aber er war sehr sensibel, ein äußerst feinfühliger Mensch. Er hat bei mir ums Eck in der Schottenfeldgasse gelebt, oft habe ich bei ihm schlafen müssen, wenn seine Freundin nicht da war. Das war der Typ Mensch, der nicht allein sein konnte.

„Mir war Musik immer wurscht.“

Velvet Underground, Divine, Pink Floyd, die Liste der Weltstars, die damals im U4 gespielt haben, ist lang. Was war Deine glorreichste Nacht im U4?

Die Nächte dort waren alle glorreich. Marilyn Manson zum Beispiel war super. Wie immer habe ich ihn nicht erkannt. Mich interessiert außer Klassik und der Oper nichts. Mir war Musik immer wurscht. Pink Floyd haben mich einmal zu ihrem Konzert in die Stadthalle mitgenommen. Sie haben mich mit Chauffeur vom U4 abgeholt und hinter die Bühne gesetzt. Nach der Show haben sie mich gefragt, wie’s mir gefallen hat. Ich hab gesagt: „Naja, ja eh gut“, aber eigentlich war’s mir schon ein bissl wurscht.

Vielleicht schätzten sie genau das an Dir?

Ja, dass ich kein Groupie war, war wahrscheinlich das Spannende für die Leute.

Bist Du heute noch so grantig wie damals?

Ich bin nie grantig. Wobei … wenn zum Beispiel Blödheiten im Lokal passieren, werde ich manchmal schon grantig. Erst letztens wieder: Wenn Dienste nicht eingehalten werden, kann ich schon wild werden. Mein eigener Feind möcht ich nicht sein!

Hast Du einen Feind?

Der Helmut Lang war 47 Jahre mein bester Freund. Dann hat er mal was gemacht, und das wars. Es war eine Kleinigkeit, doch ich werde nie wieder nach Amerika zu ihm fahren.

Was hat er gemacht?

Es war eigentlich nicht nur diese Kleinigkeit, sie hat das Fass nur zum Überlaufen gebracht. In diesen 47 Jahren hat sich viel aufgestaut. Für mich war er nie Helmut Lang, sondern der Peter Scepka aus Kaisermühlen. Ich habe früher alles mit ihm gemacht, bin immer mit nach Paris zu seinen deppaten Shows gefahren. Irgendwann hat er dann mit Mode aufgehört, ist Künstler geworden, und naja, ich halte Alkoholiker einfach nicht mehr aus, sagen wir mal so. Außerdem sind schwule Männer sowieso oft problematisch, wenn sie alt werden. 

„Für mich war er nie Helmut Lang, sondern der Peter Scepka aus Kaisermühlen.“

War der Alkohol der Grund für Euren Bruch?

Kennst Du das, wenn Du einen Menschen einfach nicht mehr liebst? Das hat sich so entwickelt. Wir waren nicht nur beste Freunde, sondern Lebenspartner. Wir kannten uns, seit wir 17 waren, jedes Jahr bin ich zu ihm in die USA geflogen. Wenn aber immer nur einer für eine Freundschaft arbeitet, dann reicht es irgendwann. Ich will mich nicht mehr um ihn kümmern und kann mir auch nicht einreden, dass ich einen Menschen noch gern habe, wenn es nicht mehr stimmt. Ich bin Skorpion, wenn’s aus ist, ist’s aus. 

Wie hat er das hingenommen?

Er hat es wahrscheinlich nicht mal bemerkt. Vor einigen Jahren hatte ich ja Krebs. Diese Krankheit zu überleben hat schon was mit mir gemacht. Man denkt danach anders, sortiert aus und will solche Leidenswege nicht mehr haben. 

„Der Krebs hat auf mich geschissen.“

Du hast den Krebs damals besiegt. Wie geht es Dir heute körperlich?

Gut, aber ich muss noch immer regelmäßig Kontrollen machen lassen. Für die Krankenkasse bin ich noch immer Hochrisikopatientin.

Macht Dir das Angst?

Mein Onkologe meint, ich bin so wahnsinnig, dass der Krebs eher vor mir Angst gehabt hat: „Der Krebs hat auf dich geschissen, ich sag’s dir!“

Vielen Dank für das Gespräch!

Marianne Kohn wurde 1945 in Wien geboren. 1961 bis 1969 arbeitete sie als Cutterin unter anderem für Pier Paolo Pasolini und Federico Fellini. In den späten Siebzigern nahm sie ihre ersten Barjobs an, unter anderem im Club Schoko. 1983 bis 1987 war sie tonangebende Barchefin im legendären Club U4. Sie organisierte zahlreiche Clubbings und Events, unter anderem für das Technische Museum Wien und leitete das Café Europa. Seit 1995 ist Marianne Kohn Geschäftsführerin der 1908 von Adolf Loos gestalteten American Bar in der Wiener Innenstadt, die heute als Loosbar bekannt ist.

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