Die Baugruppen-Architekten

Nachhaltige Architektur

Katharina Bayer und Markus Zilker sind Einzueins Architektur. Ihre Spezialität sind Baugruppenprojekte, also Projekte, die von Anfang an gemeinsam mit zukünftigen Mieterinnen und Eigentümerinnen finanziert und geplant werden. Ihre Projekte machen sie mit ziemlich viel Herzblut und gewinnen dafür viele Preise. Mit ihrer Arbeit verfolgen sie, wie sie sagen, eine Mission, mit ihren Emotionen können sie mittlerweile ganz gut umgehen und eigentlich fehlt ihnen die Konkurrenz. Ein Gespräch mit dem Wiener Architektenteam.

Maria Schoiswohl: Einszueins gibt es seit 2006. Ihr habt mit Einfamilienhäusern und Dachbodenausbauten begonnen. Warum sind es jetzt primär Baugruppenprojekte?

Katharina Bayer (KB): Der direkte Kontakt mit unseren ersten Auftraggeberinnen hat uns immer gut gefallen. Dann haben wir geförderten Wohnbau gemacht und beim ersten Wohnbau mit 80 Wohneinheiten nie eine Person zu Gesicht bekommen, die später dort gewohnt hat. Das hat uns gestört. Es macht einen großen Unterschied, ob man sein eigenes Lebensumfeld gestaltet, oder ob man es professionell für andere macht. Dann haben wir uns überlegt, wie man nachhaltige Architektur in Form von Geschosswohnungsbau im verdichteten Stadtraum mit Nutzerinnen zusammenbringen kann. Nach einer Klausur und dem ersten Baugruppenprojekt haben wir uns aktiv für eine Spezialisierung in diese Richtung entschlossen.

Was fasziniert Euch an Baugruppenprojekten? Das ist ja bekanntlich nicht gerade das einfachste Terrain für Architektinnen.

Markus Zilker (MZ): Wo anfangen (lacht)? Ich finde es unglaublich faszinierend, ein eigenes Stück bessere Welt so weitreichend gestalten zu können. Ich mag die Vielschichtigkeit um das Thema „Gemeinsames Wohnen“, die Wirkungskraft, die solche Projekte entfalten. Mich beeindruckt, was solche Projekte im eigenen Leben oder im Leben anderer beeinflussen können. Die Ko-Kreation, diese Momente der Emergenz, in denen eine kollektive Weisheit, die über das individuelle Wissen hinausgeht, entsteht, ist schon beeindruckend. In „normalen“ Projekten erlebe ich so etwas selten.

„Angst ist der größte Verhinderer in der Stadtplanung.“

Ist Eure Arbeit eine Art Mission?

KB: Wir sehen es schon als Mission, unser Know-how weiterzugeben und zu verbreiten, auch unter der Kollegenschaft und auf Politik- und Verwaltungsebene. Wir beraten viele, die solche Projekte angehen. Und gerade mit unserer nationalen und internationalen Vortragstätigkeit ist es wirklich missionarisch. Die Begeisterung für Baugruppenprojekte rauszutragen und die Ängste davor zu nehmen. Angst ist der größte Verhinderer in der Stadtplanung.

Wie sieht’s damit in Wien aus? Die Stadt wächst, braucht Wohnraum – Ihr macht viele Baugruppenprojekten. Hat Wien Angst davor?

KB: Man baut mit diesen Projekten natürlich auch ein Stück Zivilgesellschaft auf. Und in Wien, wo der Wohnbau sehr stark top-down verwaltet ist, ist man es nicht gewohnt, dass sich Bürgerinnen aktiv in die Gestaltung einbringen. Aber die Stadt entwickelt sich da weiter und festigt – etwa im europäischen Vergleich – eine gewisse Vorreiterrolle. Sie beginnt, Grundstücke für Baugruppen zu reservieren und diese stärker einzubeziehen – klar, natürlich auch weil die Stadt wächst.

„Die Arbeit mit Baugruppen hat bei mir eine Repolitisierung ausgelöst.“

Empfindet ihr Eure Arbeit als politisch?

MZ: Ich war während des Studiums stark politisch interessiert, das ist dann einem gewissen Desinteresse und einer Frustration gewichen. Die Arbeit mit Baugruppen und als Baugruppe hat bei mir eine Repolitisierung ausgelöst. Ich glaube daran, dass man in diesem Maßstab wirklich konkret etwas bewirken kann.

KB: Bei mir ist das genauso. Im Studium hat mich Städtebau immer interessiert – das ist politische Arbeit –, aber das war mir langfristig zu abstrakt. Mir macht das schnelle Umsetzen mehr Freude. Der Wohnbau ist da die Schnittstelle zwischen Nutzerinnen und Stadt. So kann man in beide Richtungen wirken.

Mit Euren Projekten verschwimmen berufliche und persönliche Lebensbereiche. Markus, Du wohnst sogar im Baugruppenprojekt Wohnprojekt Wien. Katharina, Du ziehst auch in ein Baugruppenprojekt am Hauptbahnhof. Wenn sich Beruf und Privat so vermischt, wie geht Ihr da mit Emotionen um?

MZ: Authentisch. So, wie sie da sind.

Wird’s manchmal laut?

MZ: Ja, manchmal (lacht). Schreien ist jetzt nicht Programm, aber es gab schon einen Moment, wo ich geschrien habe. Mir ist es wichtig, in Situationen, in denen es eng wird, mir wirklich treu zu bleiben.

KB: Ich schreie nicht, da haben wir unterschiedliche Zugänge (lacht). Wichtig ist sicher, die eigene Emotion zu verdeutlichen und nicht zu sagen: Das ist mir alles egal. Ich erlebe in den Gruppen immer, dass die heftige Emotionen im ersten Moment überhaupt nicht wahrnehmen und dann aber meistens sofort wieder auf einen sehr konstruktiven Weg kommen. Wir arbeiten ja sehr partnerschaftlich zusammen. Müssen wir ja. Wir planen den individuellen Lebensbereich. Es geht da von Beginn an um sehr persönliche Dinge.

Wie geht Ihr mit Konflikten um?

KB: Bei größeren Gruppen gibt es Baugruppenbetreuer, mit denen wir zusammenarbeiten. Die begleiten die Gruppe auf der Ebene der Organisation und Kommunikation – und auch bei Konflikten. Für konstruktive Diskussion ist die Kommunikationskultur ganz wichtig.

„Bei einem größeren Bauprojekt gibt es 500.000 Entscheidungen zu treffen.“

Und wie funktioniert die Zusammenarbeit bei so großen Projekten mit so vielen Menschen?

KB: Wir arbeiten sehr strukturiert. Wir haben Baugruppenprojekte mit 14 bis 40 Wohneinheiten, also mit 30 bis 70 Erwachsenen, und schlagen in der Regel eine soziokratische Organisationsform der Gruppe vor. Die sieht Arbeitsgruppen vor, die für ihren Bereich entscheiden können, etwa die Arbeitsgruppe „Architektur“.

MZ: Wir arbeiten dann natürlich am intensivsten mit der Arbeitsgruppe „Architektur“ als Vertreterin des Ganzen zusammen. Mit der ganzen Gruppe treffen wir uns für Entscheidungen punktuell, etwa zu Gemeinschaftsbereichen, und mit den Individuen hinsichtlich ihrer Wohneinheiten ebenso.

Gibt es Momente, in denen Ihr als Architektinnen ganz alleine entscheiden möchtet?

MZ: Es gibt ganz viele Dinge, die wir alleine entscheiden. Irgendjemand hat einmal gesagt: Bei einem komplexen Bauprojekt gibt es 500.000 Entscheidungen zu treffen. Die Frage in einer Baugruppe ist: Werden 250, 500 oder 750 mitentschieden? Aber nicht mehr. Wir treffen  die allermeisten technischen, planerischen Entscheidungen im Detail selbst. Hier liegt ja auch unsere Expertise.

Was ist da bei Eurer Planung wichtiger: die Gemeinschaft oder das Individuum?

MZ: Wir stecken sicher viel mehr Energie und Herzblut in die detaillierte Gestaltung der Gemeinschaftsräume als in Wohnungsgrundrisse. Die müssen funktionieren, aber das machen die Leute auch sehr stark selbst. Da geben wir nur eine Richtung vor.

KB: Bei Baugruppenplanungen sieht nicht jeder das einzelne Haus, die einzelne Wohnung, sondern das Gesamte. Deshalb geht es auch für uns dabei um das gemeinschaftliche Zusammenleben, um Beziehungen, die man um die Wohnung herum aufbaut. Um Infrastrukturen, um Dinge, die man teilen kann. Etwa beim Carsharing.

„Gemeinschaftliches Wohnen ist weiblich.“

Wollen wir heutzutage lieber in Gemeinschaften wohnen?

MZ: Ich glaube nicht, dass gemeinschaftliches Wohnen ein Mehrheitsprogramm ist, aber es ist wachsend. Die Nachfrage ist unglaublich groß. Es gibt eine Studie aus 2009, in der fünf Prozent aller Wienerinnen an gemeinschaftlichen Wohnformen interessiert waren. Mittlerweile gibt es eine neue Studie mit deutlich höheren Zahlen. Aber selbst wenn wir mit den fünf Prozent rechnen: In Wien wechseln 100.000 Menschen jährlich ihren Hauptwohnsitz. Fünf Prozent davon wären 5.000 Menschen, die gemeinschaftlich Wohnen wollen und in einem Kalenderjahr den Wohnsitz wechseln. Das Angebot pro Jahr reicht für 200 bis 300 Menschen.

Glaubt Ihr, die Zeit des Single-Wohnens ist vorbei?

MZ: Das kann man so nicht sagen. Unsere Gesellschaft ist so ausdifferenziert, dass es alles gibt. Aber in den Baugruppen sind Menschen, die etwas Gemeinschaftliches suchen. Darunter sind auch Singles und Alleinerziehende, die vom anonymen Singlewohnen in der Stadt absolut die Nase voll haben.

KB: Was man auf jeden Fall sagen kann, ist, dass gemeinschaftliches Wohnen viel weiblicher ist. Alleinstehende Männer finden selten zu den Projekten.

MZ: Das wird sich auch noch ändern (lacht).

Wie geht Ihr mit Konkurrenz um?

Markus Zilker (MZ): Wir würden uns manchmal mehr Konkurrenz wünschen. Büros, die mit einer ähnlichen Ernsthaftigkeit an diesem Thema arbeiten. Das Feld würde das vertragen.

KB: Wir haben uns bewusst entschieden, uns auf etwas zu spezialisieren. Nur dadurch ist uns diese Tiefe in unserer Arbeit möglich. Da gibt es zu wenige, die sich trauen, eine Herzensangelegenheit zu wählen. Das würde ich mir mehr wünschen. Denn eine Konkurrenz ist es oft, wenn es nicht in die Tiefe geht, wenn das Label „Baugruppe“ an ein Projekt drangehängt und das alles nur halbherzig betrieben wird.

Habt Ihr Vorbilder?

KB: In größerem Maßstab sicherlich Projekte in der Schweiz.

MZ: Und der amerikanische Architekt Charles Durrett, der das Co-Housing geprägt hat. Architektonisch ist er überhaupt kein Vorbild, aber vom Prozessdenken und Sozialen wahrscheinlich der beste Mann weltweit. Er hat auch schon vor der UN über Co-Housing gesprochen.

Vor der UN? Das wäre dann auch Euer Ziel?

MZ: Ganz genau (lacht).

Eins zu Eins Architektur

Katharina Bayer hat an der TU Wien und an der TU Delft Architektur studiert und ist Baumeisterin und Expertin für Prozessgestaltung und Kommunikation. Sie ist im Vorstand der IG Architektur. Markus Zilkler, ebenfalls Baumeister, hat sein Architekturstudium an der TU Wien und an der ETSA Sevilla absolviert und ist Experte in den Bereichen Mediation und Gemeinschaftsbildung. Er hat das international bekannte „Wohnprojekt Wien“ im 2. Bezirk mitbegründet. Dort wohnt er auch. Das Projekt erhielt 2015 den Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit. Seit 2006 sind Bayer und Zilker einszueins Architektur.

www.einszueins.at