Der Stadtmacher

Eine Stadt für alle

Karim El Seroui kann vieles: Er ist studierter Architekt, Maler, Bildhauer und gewissermaßen Stadtmacher, denn als Gründer und künstlerischer Leiter des gemeinnützigen Kunstvereins Creative Cluster setzt er sich für eine gemeinschaftliche, spartenübergreifende Nutzung von leerstehendem Raum in Wien ein. Nach der Wiederbelebung einer alten Traktorfabrik in Floridsdorf expandierte das Projekt kürzlich und zog in eine leerstehende Schule im Herzen von Wien Margareten, wo auch die Redaktion des C/O Vienna Magazine eingezogen ist. Ein Gespräch mit einem Optimisten über Immobilienhaie, utopische Lebensräume und das eigene Ego.

„Gerade in der Kunst zählt das eigene Ego oft mehr als Fairness.“

Klingt so, als hätte jemand mit Deinem Lebenslauf ganz schön viele Fähigkeiten. Wenn Du morgen mit einer komplett neuen Fähigkeit aufwachen könntest, welche wäre das?

Ich rede täglich mit vielen Leuten, vermittle zwischen ihnen, koordiniere und organisiere tausende Dinge. Viele Kreative können sich ganz schön egoistisch gebärden und haben eher eine Nehmer- als Gebernatur. Gerade in der Kunst zählt das eigene Ego oft mehr als Fairness. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre das die Fähigkeit, manchmal undiplomatischer und vielleicht ungenauer, nicht ganz so pedantisch zu sein. Man hält sich damit unnötige Arbeit fern. Wenn ich aber zurückblicke, habe ich schon alles richtig gemacht. Ich liebe, was ich heute tue.

Wie kommt man von der Architektur zur Malerei?

Ich wollte immer Kunst machen. Aber ich glaube, ich habe mich dem unbewussten Druck meiner Familie gebeugt. Mein Vater ist Ägypter und studierter Maschinenbauer, mein Bruder hat auch etwas „Anständiges“ studiert. „Studier was G’scheits, dann bist was G’scheits“ – der Satz sitzt in einem drin. Aber manchmal weiß man eben erst nach solchen Umwegen, was man wirklich machen will.

Du bist auf der Suche nach einem neuen Atelier in eine alte Traktorfabrik – und somit ins Projekt „Creative Cluster“ – gestolpert. Wie genau kam es dazu?

Die Mietpreise in Wien sind ja bekanntlich happig. Auf der Suche nach einem neuen Atelier bin ich 2016 in Kontakt mit dem Büro für Leerstandsaktivierung – Kreative Räume Wien (Anm.: Serviceagentur der Stadt Wien für Leerstandsaktivierung und Zwischennutzung) getreten, welches wiederum mir und 20 anderen Kreativen einen Besichtigungstermin in der alten Traktorfabrik in Floridsdorf organisiert hat. Vor Ort war mir dann schnell klar, dass der Mietpreis viel zu hoch ist und es vermutlich im Chaos enden wird, wenn man einen Haufen Kreative ohne jegliches verbindendes Element, ohne Mediator und ohne Organisation auf einer Fläche von 3.000 m² zusammensteckt.

Letztlich warst Du dann der Mediator und Organisator ...

Ja, irgendwie hatte plötzlich ich diese Rolle inne. Nach vier Monaten Verhandlung mit dem Eigentümer konnte ich diesen überzeugen, das Konzept des „Creative Cluster“ in der Traktorfabrik umzusetzen, wo spartenübergreifend mit der Kreativwirtschaft Kooperationen und Synergien entstehen können. Den Mietpreis konnte ich auf einen All-in-Preis runterhandeln.

Wie hast Du es hinbekommen, dass der Mietpreis reduziert wurde? Bist Du ein zäher Verhandlungspartner?

Im Grunde war der Mietpreis noch immer viel zu hoch! Man muss bedenken, dass ein Gebäude wie die Traktorfabrik durch den Leerstand immense Ausgaben für die Instandhaltung verursacht und zu dem Zeitpunkt gänzlich unbekannt war. Wir Künstlerinnen haben diesen leeren Ort belebt, was wiederum den Standort und die Immobilie deutlich aufgewertet hat. Ich schätze, dass rund 15 Prozent aller Gebäude in Wien aus Spekulationsgründen leer stehen. Dabei könnten von Zwischennutzungskonzepten eigentlich alle profitieren. Es müsste einfach ein Umdenken seitens Eigentümerinnen, Investorinnen, aber auch seitens der Politik stattfinden. Verhandlungsgeschick alleine reicht auf Dauer nicht.

„Tatsächlich ist es das erste Mal, dass die Stadt ein ehemaliges Schulgebäude für eine Zwischennutzung freigibt.“

Seit Kurzem hat der „Creative Cluster“ einen neuen Standort, nämlich in einer ehemaligen Mittelschule mitten in Margareten, wo auch wir mit unserer Redaktion eingezogen sind. Habt Ihr diese Möglichkeit einem Umdenken in der Politik zu verdanken?

Tatsächlich ist es das erste Mal, dass die Stadt ein ehemaliges Schulgebäude für ein derartiges Projekt freigibt. Die „Kreativen Räume Wien“ versuchen schon seit Jahren mit der Stadt die Thematik der Zwischennutzung voranzutreiben, gemeinsam mit der MA56 ist das jetzt zum ersten Mal in einem öffentlichen Gebäude erreicht worden. Für uns bedeutet das, dass wir hier als Kunstverein einen Kultur-, aber auch Bildungsauftrag haben: Es werden nicht nur Kunst- und Kulturagenden abgedeckt, sondern wir versuchen hier, einen Bildungsmehrwert für die gesamte Umgebung zu schaffen. 

„Wir sind kein Coworking-Space!“

Wie kann man sich das vorstellen?

Auf etwa 2.000 m² sind hier derzeit etwa 69 Künstlerinnen und Kreative tätig. Darunter DJs, Grafikerinnen, Goldschmiedinnen, Kostümbildnerinnen und eben auch Ihr, das C/O Vienna Magazine. Das Ziel ist nicht nur, dass die Akteurinnen voneinander lernen, sondern auch die Umgebung von uns profitiert. In unserem Keller gibt es etwa ein Tonstudio vom Musiklabel Heiße Luft, zusätzlich Turntablista, Wiens erste offizielle DJ-Schule für Frauen. Der Verein ActiVIEties lädt regelmäßig zu nachbarschaftlichen Vernetzungstreffen, und das Kollektiv Sounds Queer? bietet diverse Synthesizer-Workshops in ihrer Soundwerkstatt an. Außerdem finden demnächst, unter anderem in unserem hauseigenen Turnsaal, Veranstaltungen und Workshops im Rahmen dee Business Riot Series statt.

Unter diesem Gesichtspunkt sollte man vermutlich also lieber nicht „Coworking Space“ zu diesem neuen Standort sagen?

Nein! Wir sind ja auch kein Coworking-Space, sondern eine kuratierte, also von ausgewählten Kreativen besiedelte Kunstbrutstätte. 

„Bei der Größenordnung muss man schon aufpassen, keine Psychos mit an Bord zu holen.“

Nach welchen Gesichtspunkten wählst Du die Kreativen, die hier einziehen dürfen, aus?

Der erste Aspekt ist natürlich der sozial-menschliche. Man muss sehr genau schauen, welche Leute man hier zusammenwürfelt. Bei der Größenordnung muss man schon aufpassen, keine Psychos mit an Bord zu holen. Der zweite Aspekt ist, dass es spartenübergreifend sein muss, damit der Benefit für alle Akteurinnen möglichst groß ist und man voneinander lernen kann.

Deine Arbeit verfolgt auch sozialpolitische Agenden: 2015 hast Du das erste Kunst- und Inklusionsfestival mit Künstlerinnen, die teilweise körperliche oder geistige Behinderungen haben, organisiert. Mit Deinen Initiativen vernetzt Du Leute, belebst ungenutzte Standorte und entwickelst innovative Konzepte zur gemeinschaftlichen Gestaltung von Lebensräumen. Damit leistest Du einen wichtigen Beitrag für Kunst, Kultur und Gesellschaft in der Stadt. Findest Du, dass diese Arbeit eigentlich die Stadt Wien oder gar der Staat übernehmen sollte?

Ich finde auf jeden Fall, dass die Stadt hier ähnliche Aufgaben wahrnehmen sollte. Wenn sie das mangels Expertise nicht kann, dann sollte sie die finanziellen Mittel aufbringen, um Leute wie mich das machen zu lassen.

„Wer will schon an den Rand von Floridsdorf ziehen, wenn es da draußen außer Wohnungen nichts gibt?“

Bist Du Dir selbst deines Beitrags bewusst? Siehst Du Dich selbst als „Stadtmacher“?

Ich würde das jetzt natürlich nicht auf mich alleine beziehen. Aber wir Kreativen schaffen mit solchen Projekten neue Lebensräume und einen kulturellen Mehrwert. Wer will schon an den Rand von Floridsdorf ziehen, wenn es da draußen außer Wohnungen nichts gibt? Dort, wo wir als Kreative und Künstlerinnen Lebensräume schaffen, siedeln sich nach und nach auch andere an. Wir haben die Traktorfabrik belebt, was zur Folge hatte, dass dann auch andere Akteurinnen aus Theater, Architektur, Film und Gastronomie einziehen wollten. Was aber letztlich nicht passiert ist, da der Eigentümer ein klassischer Immobilienhai ist, der letztlich nur an Profit interessiert ist. 

Braucht es hier mehr staatliches Reglement? Und wie viel Reglement verträgt die Kreativszene überhaupt?

Folgt das Konzept der Zwischennutzung fairen Regeln, dann können letztlich alle davon profitieren: günstige Mieten für Kreative, Standortaufwertung für die Eigentümerinnen. Klar, sobald zu viel institutionalisiert wird und es zu viele Regeln gibt, verliert der kreative Prozess an Freiheit und letztlich auch an Qualität. Ich glaube aber schon, dass die Politik gefragt ist, in Zukunft ein gewisses Regelwerk zu schaffen, nämlich zum Schutz der Kreativszene. Es darf nicht sein, dass Immobilienhaie Kreative nur so lange dulden, bis sie ihnen die gewünschte Wertsteigerung für ihre Immobilie und ihren Standort eingebracht haben und sie diese danach, teilweise mit äußerst fragwürdigen Methoden, hinausekeln. 

Lass uns träumen: Was ist Deine Zukunfts-Utopie von Wien? Welche Stadt würdest Du Dir wünschen?

Eine Stadt mit angrenzender Küste. Ich vermisse das Meer.

Was würdest Du mit richtig, richtig viel Geld machen?

Ich würde ein Areal, dreimal so groß wie die Traktorfabrik, aufkaufen, ein Drittel der Fläche gratis für soziale Projekte und ein weiteres Drittel für kreative Projekte zur Verfügung stellen. Das letzte Drittel wäre dann vielleicht für Unterhaltung wie Partys und Clubs reserviert.

Danke für das Gespräch!

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