Der Pferdenarr

Ein Lipizzanerhengst wiehert, das Mobiltelefon von Oberstallmeister JOHANNES HAMMINGER läutet ohne Unterlass. Es ist kein gewöhnlicher Freitag, denn am Vortag wurde Sonja Klima, Ex-Bundeskanzler-Gattin, zur umstrittenen Chefin der Spanischen Hofreitschule bestellt. Den edlen Pferden, Sinnbild Wiener Kulturtradition, ist der Medienrummel egal. Die Spitzensportler unter den Vierbeinern traben in aller Ruhe von ihren Stallungen über den Hof zum täglichen Morgensport, um fit für die jahrhundertealten Reitkunststücke zu sein. Warum finden wir Pferde so schön? Was finden Pferde schön? Hat ein Pferd Schamgefühle und kann beleidigt sein? Hamminger gibt Auskunft. 

„Würden Sie einem Pferd Ihr Leben anvertrauen?“ – „Auf jeden Fall!“

Lisa Lugerbauer: Würden Sie je eine Pferdeleberkäsesemmel essen?

Johannes Hamminger: Nein, würde ich nicht essen, würde ich sicher nicht essen.

Wenn Sie mit einem Pferd reden könnten – in Menschensprache –, was würden Sie dem Pferd sagen?

Ich würde ihm sagen, dass ich es gerne ansehe und bewundere. Vor allem bewundere ich seine Leistungsbereitschaft – es erbringt tolle Leistungen! Ein wunderbares Geschöpf.

Wie kommunizieren Pferde?

Pferde haben verschiedene Sprachen ... Ohren anlegen, wiehern, Kopf senken oder heben, den Fuß heben oder auch den Schweif bewegen. Wenn ein Pferd abseits der Gruppe steht, steckt eine Bedeutung dahinter. Mit den Blicken der Pferde ist das nicht anders. Pferde sind sehr feinfühlig. 

„Es gibt Pferde, die haben durchaus so etwas wie Schamgefühl.“

Was macht ein Pferd für Sie schön? Die Augen, das Fell, die Hufe?

Ich finde das ganze Pferd schön. Es ist eines dieser Lebewesen, die diesen gewissen Ausdruck haben. Sicher hat das eine Pferd schönere Augen als das andere, aber man muss immer das gesamte Pferd betrachten. Für mich ist es besonders elegant und schön, wie sich ein Pferd bewegt. Im Grunde finde ich alle Pferde schön, egal ob sie nun weiß oder schwarz sind. Aber wenn Sie mich schon fragen: Unter unseren 70 Pferden haben wir momentan zwei braune – die stechen für mich schon sehr hervor. (Anm. d. Red.: Der Aberglaube besagt, solange ein brauner Hengst in der Stallburg wohnt, wird die Hofreitschule existieren.) 

Ich bin der Schönheit der Pferde schon als Kind verfallen. Meine Eltern hatten schon Pferde, und es war von Anfang an klar, dass ich beruflich irgendetwas mit diesen schönen Tieren machen möchte. Ich hätte mir aber nicht erträumen lassen, dass ich in eine solche Position aufsteige und diesen Weg einschlage.

Haben Pferde Schamgefühle?

Es gibt Pferde, die durchaus so etwas haben. Wenn ein Pferd jemanden, mit dem es sehr verbunden ist, abwirft, dann ist es sichtlich schockiert, wenn es dann zu einem runtersieht. Da sieht es dich an und sagt mit den Augen: „Ah, das wollte ich jetzt aber nicht!“

„Ich finde das ganze Pferd schön. Es ist eines dieser Lebewesen, die diesen gewissen Ausdruck haben.“

Was machen Pferde am liebsten?

Das ist schwer zu sagen. Sie sind sehr individuell, und jedes hat seine eigenen Vorlieben. Man kann das nicht verallgemeinern. Es gab bei uns einmal einen Hengst, der hatte jeden Sonntag eine Vorführung und wurde dann ausgewechselt – der war fix und fertig, weil er nicht zur Show durfte. Der ist im Kreis gegangen und hat gefragt: „Bin ich heute nicht dran?“ Das war beindruckend. Den Solisten unter unseren Pferden sieht man an, dass sie sich präsentieren wollen. Denen gefällt das, wenn tausende Leute applaudieren. Ich habe das auch einmal in Piber, im Lipizzanergestüt in der Weststeiermark, erlebt. Ein älterer Hengst war schon seit zehn Jahren in Pension und hat sich dann wieder einmal präsentieren dürfen. Dem hat es augenscheinlich so gefallen, endlich wieder im Mittelpunkt zu stehen. 

Wissen Sie denn auch, was Pferde schön finden?

Das wäre zu weit hergeholt. Ich kann einen Hengst schließlich nicht fragen, wenn wir vor einer Wiese stehen: „Findest du die Wiese schön?“ Was würde er antworten? Er wird einfach zu dieser Wiese hinlaufen und das Gras fressen. 

Würden Sie einem Pferd Ihr Leben anvertrauen?

Das sicher! Auf jeden Fall. 

„Ich bin der Schönheit der Pferde schon als Kind verfallen.“

Was war Ihr ergreifendstes Erlebnis mit einem Pferd?

Das sind so viele. Aber an eine Begebenheit kann ich mich gut erinnern. Das war noch als Eleve, ich stand komplett am Anfang meiner Karriere in der Spanischen Hofreitschule. Wir hatten Stalldienst, mussten Rundgänge machen und den Mist rausnehmen – das gehört zur Ausbildung dazu. An einem Tag wollte ich eine kurze Pause einlegen. Damit ich bei den Pferden bleiben konnte, sie waren ja in meiner Verantwortung, setzte ich mich zu meinem Lieblingspferd in die Box. Ich bin ganz ruhig dagesessen. Das Pferd war irritiert. Ich bemerkte, dass es sich Sorgen um mich macht. Der Hengst hat mich zuerst vorsichtig antouchiert. Ich habe mich immer noch nicht bewegt. Da hat er richtig Angst bekommen, dass irgendetwas ist. Er hat angefangen, mich mit dem Fuß anzutippen, meinen Kopf mit seinem Kopf zu massieren. Das war sehr berührend und beeindruckend. Nach wenigen Minuten habe ich ihn von seinen Sorgen befreit und mich wieder bewegt.

Was kann man als Mensch falsch machen, was verzeiht ein Pferd nie?

Wenn man es ungerecht behandelt und schlägt. Das macht man einfach nicht.

Können denn Pferde auch verzeihen?

Ja, sie können schon auch verzeihen, aber sie sind, wenn man sie beleidigt hat, einfach vorsichtiger. Wenn sie einmal schlechte Erfahrungen gemacht haben – egal womit –, braucht es eine gewisse Zeit, bis sie ihr Vertrauen wiederaufbauen. 

„Diese Perfektion, das ist wirklich ein Wunder.“

Was sagen Sie, wenn Sie ein Pferd antreiben? Schnalzen Sie oder rufen Sie „hü hott“?

Nein, „hü hott“ sagt man nur beim Kutschenfahren. Bei vorwärts sagt man „vorwärts“ oder „Komm, gehen wir!“ – ganz natürliche Menschensprache. Aber wir müssen die Pferde nicht so antreiben. Dazu hat der Reiter die Gerte und die Schenkelhilfen. Wir versuchen die Pferde in unserem Stall mit ruhigen Worten zu überzeugen, damit sie keine Angst bekommen. Dann bringt man sie auch dorthin, wo man sie haben will.

Sind Sie ein Pferdenarr? Was „narrt“ Sie?

Natürlich, ich bin durch und durch ein Pferdenarr, das ist bei mir sozusagen angeboren. Meine ganze Familie bestand aus, wenn Sie das so sagen, „Pferdenarren“. Das geht einem in Fleisch und Blut über, dass man dieses Lebewesen als tolles Tier und Weggefährten akzeptiert und respektiert. Pferde haben schon immer viel für die Menschen geleistet und leisten noch immer sehr viel. Wenn man erst einmal sieht, was ein Pferd bei einer Vorführung alles zustande bringt ... Piaffe, Passage, Einerwechsel – klassische Übungen der Reitkunst –, diese Perfektion, das ist wirklich ein Wunder! 

Die Lipizzaner und die Spanische Hofreitschule sind ja DAS Wahrzeichen Wiens, ärgert Sie das Marketing manchmal?

Im Gegenteil, ich finde das super! Wir sind froh darüber, dass die Spanische Hofreitschule erhalten geblieben ist. Wir haben vor einigen Jahren unser 450-jähriges (!) Jubiläum gefeiert. Es ist wirklich toll, dass man so ein traditionsreiches Institut erhalten konnte. Es hätte auch anders kommen können. 

Wie kann man sich Ihren Arbeitsalltag in der Hofreitschule vorstellen?

Der ist exakt getaktet. Unser Tag beginnt um sechs Uhr mit der Fütterung – Heu, Hafer, manchmal auch Müsli, Äpfel oder Karotten. Ab sieben Uhr beginnt das Reiten. Jeder Bereiter hat sechs bis sieben Pferde. Jede halbe Stunde wechselt er sein Pferd. Ich lege großen Wert darauf, dass die Pfleger und die Pferde gut zusammenpassen. Die beiden müssen ein richtiges Team sein. Ungereimtheiten und Stress übertragen sich auf jedes Tier. Je harmonischer das alles abläuft, desto besser. Im Sommer kommt das Ausreiten im Burggarten dazu. Wir haben aber auch eine Schrittmaschine für zwanzig Hengste. Während wir gerade miteinander sprechen, haben wir gerade 18 Pferde in der Schrittmaschine, das ist eine zusätzliche Bewegungsmöglichkeit für die Tiere. 

Um ihr Gewicht zu halten?

Zum Entspannen! Dort können sie sich etwas erlauben. Bocken, einfach das machen, was sie wollen. Wir haben hier im 1. Wiener Bezirk keine Koppel – wir müssen den Pferden aber trotzdem eine Möglichkeit geben, sich frei bewegen zu können. Die Maschine kann man sich vorstellen wie einen Schilift. Das Reiten dauert täglich bis exakt 12:40 Uhr, dann kommt noch einmal eine Einheit in der Schrittmaschine und die Mittagsfütterung. Um 14:30 Uhr beginnt dann der Zweierdienst bis 22 Uhr. Danach der Dreierdienst – die Pferde sind also 24 Stunden rundum betreut. So hat man die Sicherheit, dass man sofort im Anfangsstadium noch vor Ort ist, falls ein Pferd ein Problem hat.

Die Pferde werden auch ins Solarium gebracht. Aber nicht zum Bräunen, oder?

Das Solarium haben wir wegen des Muskelstoffwechsels. Wir haben auch eine Magnetfeldtherapie, Öltherapie, Granderwasser. Es ist sehr wichtig, dass sie genug Wasser aufnehmen, und vor allem gutes Wasser, schließlich haben sie einen sehr schwierigen Verdauungsapparat. 

Die Pferde werden ja sehr verwöhnt!

Die Betreuung unserer Pferde entspricht der von Spitzensportlern, auch im Hinblick auf ihre medizinische Behandlung. Achtsam wurden sie in der Geschichte aber schon immer behandelt, denn sie waren für viele Berufsgruppen – wie etwa die Landwirte – überlebenswichtig. 

„Ein Pferd erkennt einen Menschen am Gang.“

Sie waren früher auch Bereiter, hätten Sie damals die Pferde mit geschlossenen Augen erkannt und auseinanderhalten können?

Mit geschlossenen Augen ein Pferd zum Beispiel am Klang der Hufe zu erkennen, wäre schwierig für mich. Unmöglich wäre es allerdings auch nicht, wage ich zu behaupten. Aber ich müsste mich schon speziell darauf vorbereiten. Ich würde sicher einen Monat trainieren, damit ich bei „Wetten, dass..?“ auftreten könnte, und das gelänge mir zugegeben auch nur mit wenigen Pferden (lacht). Aber andersherum erkennt ein Pferd einen Menschen durchaus am Gang, es kann sehr gut hören, es weiß, wer da gerade kommt.

Warum wird in der Hofreitschule nur mit Hengsten gearbeitet, aus „feministischer Stutenperspektive“ ziemlich politisch inkorrekt?

Das ist die Tradition. Die Anwesenheit von Stuten bringt die Konzentration der Hengste leider ziemlich durcheinander. Sie würden in Anwesenheit der Damen Fehler machen, sich nicht mehr auf die Bereiter und ihre Auftritte konzentrieren. 

Seit wann gibt es Bereiterinnen an der Spanischen Hofreitschule?

2016 wurde  Hannah in die Mannschaft aufgenommen, als erste Bereiterin. Da gibt es keine Probleme. Bisher ist sie die einzige, eine weitere kommt bald – wir haben derzeit eine Bereiter-Anwärterin. 

Können Pferde eifersüchtig sein?

Auf jeden Fall. Sie buhlen gerne um Aufmerksamkeit, dann fangen sie an zu klopfen und scharren. Das ist wie bei menschlichen Geschwistern, bei denen man auch den richtigen Weg finden muss, sie gleich zu behandeln. Auch bei den Pferden gibt es das „Nesthäkchen“, wie man so schön sagt. 

Was halten Sie von den Polizeipferden – ist das heute noch angemessen?

Es gibt keine offizielle Meinung der Spanischen Hofreitschule dazu, und unsere persönliche Meinung bleibt persönlich. 

Sie gehen demnächst in Pension, wann dürfen denn die Pferde ihren Ruhestand genießen?

Das ist ganz verschieden, je nach Fitness. Aber sie sind meist zwischen 23 und 25 Jahre im Einsatz. Das ist das normale Pensionsalter. Dann gehen sie entweder nach Heldenberg in Niederösterreich, das auch als Sommerdomizil für die Hengste dient, oder nach Piber zurück. Es gibt einen Hengst bei uns, der ist 40 Jahre alt – 1979er Baujahr. Den habe ich schon gekannt, als er noch ein Junghengst war. Ich will in meiner Pension kein eigenes Pferd mehr besitzen, aber die Hofreitschule wird für mich hoffentlich immer offenstehen.

Ich bedanke mich für das Gespräch!

Die Spanische Hofreitschule in Wien wurde 1565 gegründet und 2015 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO ernannt. Die Lipizzanerhengste stammen aus dem österreichischen Bundesgestüt Piber in der Weststeiermark, wo sie zuweilen ihre Pension verbringen. Dort werden jährlich an die 40 Fohlen geboren. Nach vier Jahren kommen höchstens acht Tiere nach Wien zur Ausbildung. Die meisten Lipizzaner sind Schimmel, sie sind als Fohlen dunkel und werden zwischen sechs und zehn Jahren weiß. Es kommen aber auch vereinzelt andere Fellfarben vor. Der Name „Lipizzaner“ stammt vom Stammgestüt „Lipica“ in Slowenien nahe Triest.


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