Der atypische Architekt

Den Dingen hinterherspüren

Alexander Hagner ist eine Hälfte des Architekturbüros gaupenraub +/-, das er seit 1999 mit Ulrike Schartner betreibt. Er gilt international als Spezialist für Soziales Bauen, nicht zuletzt durch das Pilotprojekt VinziRast-mittendrin, in dem vormals obdachlose Menschen und Studierende unter einem Dach leben. Seit 2016 ist Hagner Stiftungsprofessor für Soziales Bauen an der FH Kärnten, plant außerdem Wohn- und Kulturbauten, Gewerberäume und Designobjekte. Ende August 2017 startete zudem der Bau von VinziDorf Wien.

Maria Schoiswohl: Vor Deinem Architekturstudium in Wien hast Du eine Tischlerlehre gemacht. Warum?

Alexander Hagner: Ich wusste bereits als Jugendlicher, dass ich Architekt werden will. Nach gut 14 Jahren Schule, habe ich mir aber gedacht: Jetzt nochmal sieben Jahre Studium? Da werde ich ja wahnsinnig! Wenn ich als Architekt später mal Pläne für Handwerker zeichne, hatte ich mir überlegt, will ich wissen, wie die das praktisch umsetzen. Aber die eigentliche Triebfeder für die Tischlerlehre war, dass ich, nachdem ich jahrelang die Schulbank drücken musste, unbedingt endlich etwas mit meinen Händen machen wollte.

"Dieses Geht-scho geht gar nicht!"

Bist Du heute noch immer jemand, der selbst mit anpackt?

Seit ich denken kann, wohnt mir eine Grundambivalenz inne: Wenn mir zu viel Theorie begegnet, brauche ich als Ausgleich das körperliche Tun. Wenn ich zu viel körperlich mache, muss ich nachdenken. Die Theorie habe ich, überspitzt gesagt, mit der Professur und dem Unterrichten. Fürs Tun habe ich die Arbeit und meine Werkstätten.

Gleich mehrere Werkstätten?

Ich habe eine in meinem Dachatelier, zwei in unserer Mühle im Waldviertel, eine im Büro. In den Werkstätten ist mir total wichtig, dass viel Zeugs da ist. Das schaue ich mir dann an und beginne mit dem, was vorhanden ist, zu arbeiten. Ich mag es nicht, zu planen. Also, eine Liste zu machen, einkaufen zu gehen, dann erst etwas umzusetzen. Wenn ich etwas für mich selber mache, ist mir viel wichtiger, dass ich den Dingen hinterherspüren kann; dass ich nicht plane, sondern schlicht mache.

Wie ist das bei der Architektur?

Eigentlich genauso. Man lässt heutzutage nur leider kaum mehr zu, dass man in die Architektur einfach hineinspüren kann. Es wird von dir erwartet, dass du einen Plan machst. Der wird eingereicht, und dann musst du das so bauen, wie du es geplant hast. Du musst als Architekt etwas zu hundert Prozent durchplanen, was erst in ein paar Jahren Realität wird.

Klingt ein wenig wie der Blick in die Glaskugel.

Man kann nicht alles vorwegnehmen – so viele intelligente Menschen haben sich schon in ihren Zukunftsprognosen geirrt. Wie soll das in der Architektur gehen? Obwohl sich die Bauherren natürlich genau das von dir als Architekt erwarten. Je professionalisierter und strukturierter sie sind, umso mehr wollen sie einen Plan. Wir hatten schon öfters Kunden, die für die Qualität des Improvisierens beim Architekten kein großes Verständnis hatten. Die fallen aus allen Wolken, wenn wir sagen: Da improvisieren wir jetzt! Aber wir bauen nun einmal viel im Bestand. Wenn ich beim Umbauen dann etwas Neues oder Unerwartetes entdecke, kann ich nicht so tun, als wäre ich blind und auf meine Pläne beharren.

"Wenn ich jemanden, der obdachlos ist, als Bauherr ernst nehme, kann ich ihm kein Massenquartier anbieten."

Ist dieser Ansatz des Improvisierens, Hineinspürens vor allem bei Euren sozialen Bauten wichtig, wie beim Wohnprojekt VinziRast-mittendrin, das Ihr mit Studentinnen, Obdachlosen und Anrainerinnen realisiert hattet?

Wir differenzieren da nicht. Ich bin wahnsinnig froh, dass wir in dem ganzen Spektrum der Architekturaufgaben sowohl Menschen bedienen, die unsere Arbeit eigentlich nicht bezahlen können, als auch Menschen, die sich das Fünffache davon leisten könnten. Seit Ende August 2017 ist das VinziDorf Wien, ein Projekt für obdachlose, alkoholkranke Menschen in Bau. Gleichzeitig arbeiten wir an einem Gestüt für eine fünfköpfige Familie auf zweieinhalbtausend Quadratmetern. Die Projekte profitieren voneinander, wobei ich gar nicht sagen kann, das eine mehr vom anderen oder umgekehrt.

Wie geht Ihr an Eure Projekte heran?

Wenn wir etwa für die Klosterfrau Healthcare GmbH, der Firma hinter Klosterfrau Melissengeist, das Verwaltungsgebäude neu planen, schauen wir uns deren Corporate Identity an, deren Bedürfnisse und gestalten danach die Architektur. Bei Projekten für obdachlose Menschen oder Flüchtlinge geht es leider oft nicht darum, was diese brauchen, sondern nur um: „Wie viel Geld haben wir für das Projekt und wo finden wir einen übergebliebenen Platz für die? Dann geht das schon.“ Dieses "Geht-scho“ geht aber gar nicht!

Was geht Deiner Meinung nach?

Unsere Überzeugung nach gut 15-jähriger Beobachtung ist: In Wien leben nicht deshalb so viele Menschen auf der Straße, weil es an Plätzen fehlt, sondern an Plätzen, die diese Menschen, mit denen wir uns beschäftigen, akzeptieren können. Es geht hier um Menschen ganz am Rand der Gesellschaft. Wir sehen uns die Plätze an, die sich diese Menschen zum wohnen aussuchen. Was sind deren Strukturen, was brauchen sie? Darauf setzt unsere Planung auf.

„Aufgrund meiner Arbeit schlafen ab heute 50 Menschen weniger auf der Straße. Wie cool!“

Was brauchen gerade diese Menschen?

Wenn ich jemanden, der obdachlos ist, als Bauherr ernst nehme, kann ich ihm kein Massenquartier anbieten. Ich sollte mich diesem Menschen als dem Eremiten, zu dem er geworden ist, annehmen. Ich kann so jemanden nur abholen, wenn ich ihm einen Ort anbiete, an dem er sich erst einmal zurückziehen kann. Das grundlegendste Bedürfnis ist nicht jenes nach Schutz vor Regen oder Kälte, sondern ein Platz an dem die Person sein darf.

Man kann sich das eigentlich gar nicht vorstellen, aber es gibt Menschen inmitten von uns, die nirgendwo sein dürfen. Sie können aus jeder Ecke, in die sie sich verkriechen, verjagt werden. Das einzige, was sie angeboten bekommen, sind Plätze, an denen sie kompatibel sein müssen. Aber das sind viele dieser Menschen aus welchen Gründen auch immer oft nicht mehr. Es muss also ein ganz niederschwelliges Angebot sein. Es geht um ein paar Quadratmeter Privatheit. Ein Notquartier oder die geförderten Projekte des Fonds Soziales Wien, das muss man ganz offen sagen, gehen an den Bedürfnissen vieler dieser Menschen vorbei.

Arbeitet Ihr ehrenamtlich?

Nein. Eigentlich nicht mehr. Wir haben nach VinziRast-mittendrin gemerkt, die ehrenamtliche Arbeit bringt uns an die eigene Existenzgrenze. Es ist fast ein Wunder, dass es uns noch gibt (lacht). Nach der großen öffentlichen Aufmerksamkeit nach der Eröffnung kamen monatelang keine Aufträge herein. Wir waren da wohl abgestempelt als Sozialprojektarchitekten. Das hat sich nun wieder geändert. Wir wachsen wieder ein wenig.

Wenn wir aber soziale Bauten machen, dann geben wir nach wie vor große Nachlässe beim Honorar, obwohl wir intensiver daran arbeiten, als an manch anderen Projekten. Es ist leider gesellschaftlich noch gar nicht angekommen, dass solche Bauaufgaben mehr Professionalität, Hinwendung und Engagement benötigen als andere. In einem schlecht geplanten Bürobau, zum Beispiel, ist die Büroarbeit wohl weniger effizient – das bringt aber niemanden um. Bei Sozialprojekten sieht man das Ergebnis schlechter Planung oft direkt, ihre Konzeptionierung ist viel komplexer und schwieriger.

Woher kommt Dein soziales Engagement?

Ich halte eine von mir wahrgenommene Ungerechtigkeit schwer aus. Das war schon immer so. Mein Vater war über 30 Jahre lang unabhängiger Bürgermeister in einer süddeutschen Kleinstadt, meine Mutter war Hebamme – meine soziales Umfeld in den Kinder- und Jugendjahren spielt sicher eine Rolle. Und als ich nach Wien gekommen bin und die Situation der Obdachlosigkeit erlebt habe, hatte ich das Gefühl, da läuft etwas total schief.

Fühlst Du Dich manchmal machtlos?

Wenn ich angesichts unserer gesellschaftlichen Entwicklung nur Beobachter wäre, würde ich wahrscheinlich verzweifeln. Durch meinen Beruf bin ich aber kein Opfer, sondern habe selbst Einfluss und Macht. Das hat jeder – in seinem Umfeld. Ich bin auch der Meinung, dass jeder Mensch die Verpflichtung hat, das, was er hat – Geld, Wissen, Fähigkeiten – einzubringen, auszutauschen. Nur so funktioniert Gemeinschaft und damit Gesellschaft.

Überall? Inwiefern spielt da das Umfeld eine Rolle?

In Gemeinden geht das sicher leichter. Da sind die Strukturen kleiner. Da hilft man sich eher gegenseitig, weil man sich halt kennt. In einer urbanen Gesellschaft muss man das proaktiv angehen. Aber die meisten Menschen sagen halt: „Die Gesellschaft ist mir etwas schuldig.“

Die Idee, dass Eigentum, in welcher Form auch immer, verpflichtet, ist vielen abhanden gekommen. Meine größten beruflichen Erfolgserlebnisse resultieren aber genau daraus, etwas zu teilen. Als wir etwa 2004 das Notquartier der VinziRast in Meidling eröffnet haben, fuhr ich am Abend der Eröffnung mit dem Rad nach Hause und es überkam mich ein irres Gefühl: „Aufgrund meiner Arbeit schlafen ab heute 50 Menschen weniger auf der Straße. Wie cool!“ Das war für mich ein Gefühl der absoluten Selbstbefähigung.

Ich freue mich auch, wenn wir einen Architekturpreis gewinnen, aber das ist ein anderes Niveau. Die VinziRast habe ich mit jeder Faser meines Körpers gespürt.

Wie emotional ist Deine Arbeit?

Sehr. Es ist ein Drama, dass wir in unserer Businesswelt das Emotionale immer versuchen auszuklammern. Aber es gilt ja als höchst unprofessionell, wenn jemand leidenschaftlich und emotional für etwas brennt und mit allem bei der Sache ist. Dann ist er sofort suspekt. Ich halte mich mittlerweile aus strategischen Gründen bei Meetings mit Emotionen zurück, weil das auf manche Menschen suspekt wirkt.

Zweifelst Du manchmal an Deinem Tun?

Ich verzweifle manchmal an meiner Arbeit. Und ich zweifle manchmal an Einzelaspekten, je länger ich mich mit ihnen beschäftige und die Umsetzung nicht passiert. Aber ich halte meine Arbeit für extrem sinnstiftend. Manchmal zweifle ich auch an der Art, wie wir das Büro wirtschaftlich betreiben. Es kann doch nicht sein, dass wir uns so reinhauen und so wenig übrigbleibt, und wir immer wieder in prekäre Situationen kommen. Aber auch bei Freunden, die hochmotiviert ihr kreatives Ding auf grandiosem Niveau machen, bei denen man sagen müsste, sie sind Meister ihres Fachs – die krebsen alle dahin.

Warum, denkst Du, ist das so?

Ich glaube, es hängt mit dem Thema „Geld als Ziel“ zusammen. Ich bin architekturschaffender Künstler und muss und will damit mein Geld verdienen. Ich glaube aber, dass unsere Gesellschaft daran krankt, dass Geld als Ziel gesehen wird, und nicht als Mittel, um Ziele zu erreichen. Gerade im Immobilienbusiness. Bei Developern geht es nicht darum, Menschen ein schönes Zuhause zu bauen, sondern mit dem Gebäude möglichst viel Geld zu machen. Wir verwehren uns bei gaupenraub gegen die Idee, dass Architektur ausschließlich dazu da ist, Geld zu verdienen.

Ihr arbeitet also doch ehrenamtlich?

Wir freuen uns schon, wenn Projekte Rendite abwerfen, aber es ist halt Mittel zum Zweck.

Was fehlt unserer Gesellschaft?

Empathie und Empathiefähigkeit. Verantwortungsbewusstsein und Eigenverantwortung.