Die Verknüpferin

Gewebter Widerspruch

Jeder Platz ist besetzt, alle paar Minuten schnauft die Kaffeemaschine nilpferdartig – der Klangteppich im Café Bräunerhof in Wien vernebelt selbst scharfe Gedanken. Ob das der richtige Ort ist, um über Schaltkreise und E-Textilien zu reden? Mit Irene Posch gelingt es. Die österreichische Forscherin und Künstlerin unterrichtet an der Kunstuni Linz im Fach „Gestaltung: Technik.Textil“. Sie stickt Computer, strickt Radios und denkt darüber nach, wie Handwerk, Kunst und Design aktuelle technologische Entwicklungen beeinflussen. Ein Gespräch über gewebte Bezintanks für die Formel 1 und Pullover, die zu Radiostationen umfunktioniert werden.

„Ich will die Dinge auch herstellen, nicht nur theoretisch denken.“

Wie würdest Du Deinen Kindern Deine Arbeit erklären?

Ich unterrichte an der Kunstuniversität Linz auch zukünftige Werklehrerinnen – das ist meinen Kindern recht einfach zu erklären. Dass ich Computer sticke, dürfte schwerer zu vermitteln sein: Ich nehme Fäden, die metallisch sind, und stelle daraus elektronische Technologien her. Aber ich würde es die Kinder einfach ausprobieren lassen – etwas anzugreifen und selbst zu machen ist einfach noch immer am spannendsten!

Siehst Du Dich als Künstlerin oder Forscherin?

Ich bin beides, stehe jedoch zwischen den Stühlen. Mir ist der Forschungsaspekt wichtig, aber ebenso der künstlerische Zugang in der Realisierung. Ich will die Dinge auch herstellen, nicht nur theoretisch denken. 

„Ich habe in meiner Kindheit viel mit Textilien gebastelt.“

Woher kommt Dein Interesse am Textilen?

Ich habe in meiner Kindheit viel mit Textilien gebastelt, auch beeinflusst von unserer Nachbarin und meiner Oma. Ich habe Motive auf Stoffe gestickt, ausgeschnitten, doppelseitiges Tixo aufgeklebt und sie in der Schule gegen Pickerl getauscht. Zum Glück gab es ein paar Kinder, die das cool fanden.

Vor allem zu Beginn Deiner Forschung hast Du Dich mit digitaler Fabrikation beschäftigt. Was ist das genau?

Das sind Fabrikationsmöglichkeiten, die digital gesteuert sind oder auf digitalen Daten basieren. Wenn ich etwa einen Lasercutter hernehme, habe ich als Ausgangsdatei eine Zeichnung auf dem Computer, die dieser Lasercutter dann interpretiert und automatisch ausschneidet. Äquivalent funktioniert das mit dem 3-D-Drucker.

Wie ist es dazu gekommen, dass digitale Fabrikationstechniken zu einem Deiner Forschungsthemen wurden?

2007 habe ich begonnen, für das Ars Electronica Center in Linz Ausstellungen zu konzipieren. Da ging es um digitale Fabrikationstechniken und darum, die damals sehr neuen Techniken der 3-D-Drucker und der Lasercutter gesellschaftlich zu kontextualisieren und aufzuzeigen, was sie eigentlich sind. 3-D-Druck war damals die große Zukunftstechnologie, verknüpft mit der Hoffnung, dass nun „alles machbar wird“. Ich fand das Verknüpfen dieses digital-technisch-informatischen Backgrounds und dem physischen Produzieren interessant. Daraus hat sich auch mein Interesse für elektronische Textilien entwickelt – textile Techniken anstelle von 3-D-Druckern als Ausgangsbasis zu nehmen, um (fast) alles herzustellen.

Das klingt spannend! Dazu passt auch die Tatsache, dass digitale Technologie in der Handarbeit wurzelt. Die erste Maschine, die mit einem Lochkartensystem arbeitete, war ein Webstuhl. Ada Lovelace hat 1843 den ersten Algorithmus für eine Webmaschine, die per Lochkarte programmiert wurde, geschrieben. Sie war sozusagen die erste Programmiererin. Beeinflusst dieses Wissen Deine Arbeit?

Auf gewisse Weise natürlich. Mich freut, dass diese Themen in den vergangenen Jahren zunehmend Aufmerksamkeit bekommen haben. Es gibt aber oft einen eindeutigen Erzählstrang, der dabei sehr gepusht wird: „Frauen können eh auch was“ und „Textil ist eh auch was wert“. Irgendwie spieße ich mich ein bisschen an diesem „Eh auch“-Argument. Frauen wären auch was wert, wenn sie nicht die ersten Programmiererinnen gewesen wären. Gerade die wichtige Bedeutung von Textil hat wohl auch dazu beigetragen, dass Textilmaschinen zu Vorläuferinnen der Computer wurden. 

„Der Pullover fungiert als tragbare Radiostation.“

Eines Deiner ersten Projekte mit E-Textilien, also Textilien, in deren Gewebe Elektronik eingebettet wird, ist das „Knitted Radio“. Was kann man sich darunter vorstellen?

Ich habe das Projekt gemeinsam mit einer Kollegin, der Designerin und Künstlerin Ebru Kurbak, realisiert: einen Pullover, der gleichzeitig als tragbare Radiostation fungiert. Man kann etwa einen MP3-Player oder ein Mikrofon anstecken und über den Pullover senden. In einem gewissen Umkreis können andere Leute die gesendete Frequenz in ihrem Radio einstellen und mithören. Die Idee dahinter war, dass man sich sein eigenes, unabhängiges Kommunikationsmedium stricken kann. Ausgangspunkt waren die Proteste am Taksim Square in Istanbul. Wir haben spekuliert, welche Rolle selbst gestrickte Medien haben könnten, wenn beispielsweise die Kommunikation von staatlicher Seite abgeschaltet würde. Außerdem ging es uns um die Frage, welche Kompetenzen man mit dem Thema „Stricken“ verknüpft. Jene Menschen, die gerne stricken, sind ja meistens nicht jene, die auch ein Radio bauen können. Dieser „scheinbare Widerspruch“ stand am Beginn dieser Auseinandersetzung.

Spürst Du diesen „scheinbaren Widerspruch“ auch bei Deiner Lehrtätigkeit? Textiler und technischer Werkunterricht sollen ja in naher Zukunft zusammengelegt werden.

Weniger in der Lehrtätigkeit, aber an den Schulen ist diese Zusammenlegung natürlich ein großes Thema, weil die lange praktizierte Trennung zwischen „Technik“ und „Textil“ wegfällt und Lehrende mit neuen Voraussetzungen konfrontiert werden. Dabei kann Textil natürlich auch extrem technisch begriffen werden. Ich hatte dazu ein sehr langes Gespräch mit einem Webmeister. Er kritisierte, dass Textilien immer nur mit Kleidung assoziiert werden. Textilien können aber so viel mehr! In der Forschung werden zum Beispiel Benzintanks für die Formel 1 gewebt.

Gewebte Bezintanks – wie das?

Nur so können die Tanks leicht und flexibel sein, wie sie es eben sein müssen – um schnell zu bleiben. In jedem Filter von Tintenstrahldruckern, in Schlauchummantelungen von Flugzeugen und auch bei Gaffertapes werden Textilien verwendet. Es gibt da unzählige Beispiele!

Erzähle von Deinem Projekt „Embroidered Computer“ – ein funktionierender 8-Bit-Computer, der aussieht wie ein gesticktes Ornament auf einem prachtvollen Kostüm!

Ein gesticktes Radio klang für einige schon absurd, aber die Kombination „Computer“ und „gestickt“ war für viele unvorstellbar. Das wollten meine Kollegin Ebru Kurbak und ich versuchen ...

... was kann dieser gestickte Computer? Kann ihn jede bedienen?

Man kann sich diese Stickerei als sehr kleinen Computer vorstellen. Er kann alles berechnen, ist aber sehr langsam und hat wenig Speicherplatz. Grundsätzlich steuert man ihn durch das Senden von Stromsignalen. Diese verursachen, dass Perlen dann nach links oder rechts flippen. Prinzipiell kann ihn jede bedienen. 

„Wie nimmt man Technologie wahr, wenn sie anders ausschaut?“

War es Euch wichtig, die Technik, die sich bei Computern normalerweise hinter Abdeckungen versteckt, offenzulegen?

Ich finde diese Offenlegung spannend. Sie lädt dazu ein, sich mit den Ausgangsbedingungen von Technologien auseinanderzusetzen. Einerseits geht es mir um das tatsächliche Herstellen der Artefakte, aber darüber hinaus, dass es eigentlich eine materialisierte Idee ist. Spannend war für mich etwa die Fragestellung: Wie nimmt man Technologie wahr, wenn sie zwar so anders als herkömmliche Technologie aussieht, aber eigentlich dasselbe macht? Das Projekt sollte eine Diskussion auslösen.

Wie gestaltet sich so eine Diskussion?

Ganz unterschiedlich. Durch die Präsentation der Arbeit versuche ich, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Es kommt oft die historische Assoziation „Computer – Textil – Ada Lovelace – Webstuhl“, dann aber auch immer diese Ungläubigkeit, dass dieser Computer auch funktionieren kann, bis sie es selbst probieren. Für viele ist es auch Anlass, über die eigene Beziehung zu Technologien und textiler Handarbeit zu reflektieren.

Kommen wir zu Deiner aktuellen Arbeit: In einem neueren Projekt beschäftigst Du Dich mit textilen Kinderbüchern, die Du mit elektronischen Komponenten um Geräusche, Bewegungen, Lichter erweiterst. Worum geht es Dir dabei?

Ich hatte als Kind ein textiles Buch, das meine Oma gemacht hat. In dem können die einzelnen Elemente bewegt und mit Hilfe von Druckknöpfen und Reißverschlüssen immer neu arrangiert werden – auf jeder Seite gibt es ein Bild, mit dem man interagieren kann. Daraus ergeben sich wiederum neue Geschichten. In meinem Projekt habe ich einzelne Seiten des Buches um elektronische Textilien erweitert.

Wie hast Du das Buch konkret verändert?

Auf der ersten Seite gibt es beispielsweise einen Christbaum, auf den man Kerzen stecken kann. Wenn man den großen goldenen Stern auf Spitze setzt, flackern die Kerzen auf. Oder eine Katze, die man streicheln kann – jetzt schnurrt sie noch dazu. Für mich war dabei wichtig, dass die Technologie nie im Vordergrund steht, sondern dass sie eine Zusatzkomponente darstellt. Gerade weil das Projekt von einem Buch ausgeht, das meine Großmutter für mich gemacht hat, ist es interessant, Jahrzehnte später darauf zurückzukommen und zu fragen: „Welche Rolle kann Textiles im Geschichtenerzählen spielen? Ist es sinnvoll, gewisse Interaktionen mit elektronischen Textilien zu erweitern?“ 

Und macht es das?

Ich weiß es noch nicht. Bis jetzt gab es drei Kinder, die länger damit interagiert haben. Die schnurrende Katze etwakommt bei den Kindern extrem gut an. Ich möchte mich mit dieser Fragestellung in Zukunft genauer auseinandersetzen.

„Langweile ist essenziell.“

Welches Projekt beschäftigt Dich momentan noch?

Das neueste Projekt, an dem ich gerade arbeite, setzt sich mit der Geschichte von Metallfäden auseinander. Da geht es um ein altes Patent, das sich mit dem Einweben von Metallfäden in ein textiles Artefakt befasst. Es geht dabei konkret um einen Vorhang, der als Alarmsystem funktioniert. Wenn der Vorhang unerwünscht geöffnet oder zerschnitten wird, unterbricht ein Stromkreis und eine Alarmglocke erklingt. Das Patent ist aus dem Jahr 1892. So neu ist die Verknüpfung von Textil und Elektronik also gar nicht, das ist alles irre alt. Diese Ursprünge zu thematisieren ist mir bei dem Projekt wichtig.

Was treibt Dich an?

Neugier und die Lust am Tun: Ich möchte den Dingen auf den Grund gehen.

Deine Arbeit ist sehr verkopft, Du musst viel denken, Dich mit komplexen Dingen auseinandersetzen. Was tust Du zum Ausgleich?

Die Konzeptionen des genannten Computers und des Kinderbuches, um nur zwei Beispiele zu nennen, haben sehr lange gedauert. Auch die Fertigung braucht viel Zeit, sie kann schon eine willkommene Abwechslung zur reinen Denkarbeit sein. Aber ich brauche auch Langweile, mit ihr kommt die Lust, mir Neues einfallen zu lassen. Langweile ist essenziell! 

Danke für das Gespräch!

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