Die Fotografen des Monats: Cortis & Sonderegger

Auf den zweiten Blick

Das World Trade Center in Flammen, der Fußabdruck des ersten Menschen auf dem Mond oder das vom Himmel stürzende Luftschiff „Hindenburg“. Weltberühmte Bilder, die sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt haben, rekonstruiert im Studio der bekannten Schweizer Fotografen Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger. Mit ihren Miniatur-Dioramen fertigen die Fotokünstler täuschend echt aussehende Nachbildungen von Ikonen der Fotografiegeschichte an. Ein Gespräch über Illusion und Fake News.

Viktoria Kirner: Seit 2012 kreiert Ihr in Eurem Langzeitprojekt „Icons“ Nachbildungen von Fotos, die historisch wichtige und weltberühmte Ereignisse zeigen. Ihr rekonstruiert diese minutiös mit nachgebauten Szenerien in Eurem Studio. Gab es schon mal eine Vorlage, an der Ihr gescheitert seid?

Jojakim Cortis: Schwierig umsetzbar sind grundsätzlich Fotos, auf denen sehr viele Personen abgebildet sind. Unsere Ansprüche sind recht hoch: Es soll wirklich echt aussehen und nicht wie eine Parodie. 

Adrian Sonderegger: Ein Beispiel, an das wir uns noch nicht herangetraut haben, ist ein berühmtes Foto von Jewgeni Chaldej, auf dem ein Soldat im Jahr 1945 die sowjetische Flagge auf dem Berliner Reichstag hisst. Oder das bekannte Foto des küssenden Paares auf dem Times Square von Alfred Eisenstaedt. Wir haben eine Kiste, in der ganz viele dieser – manchmal nur vorübergehend – verworfenen Bilder drin sind.

J. C.: An ein Foto aus dieser Kiste haben wir uns aber unlängst doch herangetraut: Nick Úts „Napalm Girl“. Erst kürzlich haben wir unsere Arbeit dazu erfolgreich abgeschlossen.
„Wenn wir uns nicht einig sind, fragen wir unsere Frauen.“

Ihr habt Euch vor rund 14 Jahren an der Zürcher Hochschule für Fotografie kennengelernt und arbeitet seitdem zusammen. Wie entscheidet Ihr, wenn Ihr bei einem Foto mal unterschiedlicher Meinung seid? Werft Ihr eine Münze?

J. C.: Früher, als wir noch nicht so eingespielt waren, haben wir im Zweifelsfall einfach zwei Aufnahmen produziert.

A. S.: Die Diskussion darüber wurde dann häufig auf später verschoben. Ein paar Sachen sind da bis heute nicht entschieden. (lacht) Was wir doch relativ häufig machen, ist, unsere Frauen zu fragen.

J. C.: Schlimm ist es nur, wenn man dann erst wieder vier Meinungen hat, wir haben ja schließlich beide eine Frau. (lacht)

Wollt Ihr zeigen, wie stark eine Gesellschaft von medial verbreiteten Bildern beeinflusst wird, wie leicht man Abbildungen fälschen und das Publikum hinters Licht führen kann?

A. S.: Unsere Arbeiten sind in Zeiten von Social Media, der zunehmenden Digitalisierung und mit Aufkommen des Begriffs „Fake News“ natürlich umso aktueller in ihrer Bedeutung. Von Anfang an war unserer Appell an das Publikum, die Wahrnehmung des Realen und die Echtheit von Abbildungen zu hinterfragen. Ein Treppenwitz der Geschichte ist, dass unser internationaler Erfolg Social Media zu verdanken ist, und das eben diese Fragen aufwirft, die wir mit unserer Kunst stellen. Unsere Fotos funktionieren großformatig in Museen, aber auch hervorragend online im kleinen Format.

„Die klassischen Foto-Ikonen sind leider vom Aussterben bedroht.“

Ein Foto kann heute schnell mal „viral gehen“ und Aufmerksamkeit erregen. Täglich wird eine Vielzahl von Fotos gepostet und geshart, das „eine berühmte“ gibt es kaum mehr. Wann war ein Foto heute oft genug in der Presse oder wurde oft genug auf Facebook geteilt, sodass Ihr es nachstellen wollt?

J. C.: Wir arbeiten lieber mit „Klassikern“. Die neueren Bilder, die in der heutigen Zeit entstehen, funktionieren anders. Die klassischen Foto-Ikonen sind leider vom Aussterben bedroht. Es ist nicht mehr so, dass pro Ereignis ein Bild wiederholt gezeigt und dadurch bekannt wird. Das ist gar nicht mehr möglich. Heutzutage steht bei jedem Ereignis eine Armada an Profi- wie auch Amateurfotografen bereit, die sofort alles mit ihren Handykameras festhält. 

A. S.: Ich denke, der Begriff „Ikone“ wurde inflationär gebraucht. Was passiert, wenn etwas inflationär gebraucht wird? Der Wert sinkt. Foto-Ikonen lassen sich heute gar nicht mehr so leicht aus diesem „Ozean der Bilder“ herausfiltern.

„Uns war sehr schnell klar, dass dieses Kunstding nichts für uns ist.“

Kunstwelt oder Brotjob nach dem Studium?

A. S.: In Zürich hatte man als Student viele Freiheiten. Gerade auf der Kunstuni konnte man tun und lassen, was man wollte, und sich ausprobieren. Als wir beide nach dem Abschluss dann aber diese „Kunstuni-Blase“ verlassen hatten, war uns sehr schnell klar, dass dieses ganze Kunstding, diese Attitude und dieses ganze „Sich-cool-Verkaufen“ nichts für uns ist. Wir wollten möglichst schnell Arbeit finden und Geld verdienen. Also sind wir relativ bald in Redaktionen untergekommen, haben zahlreiche Aufträge für Zeitungen und Magazine angenommen. Dafür waren wir uns keinesfalls zu schade. Das war definitiv einfacher, als Geld als freier Künstler zu verdienen. 

„Sinnloses Talent gibt es nicht.“

Habt Ihr noch andere Talente?

A. S.: Ich wäre gerne Landwirt geworden.

Weil Du einen guten Draht zu Tieren und einen grünen Daumen hast?

A. S.: Sehr viel Ahnung habe ich davon nicht, aber immerhin war ich im Sommer schon mal z’Alp (Schweizer Ausdruck für „auf einer Alm sein“, Anm. der Red.).

J. S.: Ich wäre gerne Musiker geworden, habe dafür aber definitiv kein Talent. 

Habt Ihr ein sinnloses Talent?

A. S.: Perfektionismus und Detailversessenheit natürlich!

Das klingt für mich nicht unbedingt nach einem sinnlosen Talent ...

J. C.: Sinnloses Talent gibt es nicht.

In diesem Sinne – danke für das Gespräch!

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