Die Drachin

WHO THE FUCK IS JEANNE DRACH?

Während konservative Regierungen auf der ganzen Welt mühsam errungene Frauenrechte derzeit in Frage stellen, ist für die junge Wienerin Jeanne Nickels aka Jeanne Drach (31) eine feministisch provokante Haltung das Gebot der Stunde. Sie tritt mit der schrillen elektronischen Pop-Band KIDS N CATS auf und ist Gründerin eines eigenen Heldinnen-Podcasts. Wir diskutierten mir ihr über aktuelle Anti-Sexismus-Debatten wie #MeToo, und ob es gerade nur vermeintlich „chic“ ist, sich feministisch kämpferisch zu geben.

„Ich sehe einfach lieber komisch aus statt sexy.“

Eva Holzinger: Du forderst eine Sechzig-Prozent-Frauenquote, danach erst die Gleichberechtigung. Gerade erst wurde in Österreich gewählt. Es sieht so aus, als hätten es Frauen in nächster Zeit nicht unbedingt einfacher. Wie sollen sie Deiner Meinung nach jetzt reagieren?

Jeanne Drach: Frauen in die Politik! Und auch abseits der Politik müssen wir uns mobilisieren, aufwachen, mutig sein. Es muss sich etwas stark verändern, diese Tendenzen sind beängstigend. Wie kann es sein, dass Trump ausschließlich mit Männern über die Zukunft der Frauen entscheiden darf? Warum entscheiden Männer in den USA und in Polen über Abtreibungsrechte? Was wir jetzt benötigen sind Zusammenhalt, Solidarität und Netzwerke statt Eifersucht! Und genau deshalb wollte ich den Begriff „Heldinnen“ in meinem Podcast etablieren. Es wird oft kritisch beäugt, wenn Frauen selbstsicher auftreten. Es ist gut, selbstbewusst zu sein.

Warum hast Du Dir selbst den Künstlernamen Drach gegeben?

Mein Großvater war Albert Drach, ein bekannter österreichischer Schriftsteller, der als Jude aus Österreich fliehen musste, später zurückkehrte und als Anwalt und Schriftsteller tätig war. Er gewann den Georg-Büchner- und den Grillparzer-Preis. Da es keine Drach-Nachfolgerinnen gibt, habe ich immer mit dem Gedanken gespielt, mich umzubenennen, aber Nickels mag ich halt auch gerne. Der Konsens war also, Jeanne Drach als Künstlernamen zu verwenden, eine Ähnlichkeit zu Jeanne d’Arc, mit der ich mich als Kind in meinem Größenwahn identifiziert habe.

Meine brennendste Frage: Warum erlebt die feminstische Bewegungen vermeintlich gerade so ein Revival? Gerade unsere Generation von Frauen ist ja geradezu magisch angezogen von dem Thema, alle großen Modelabels schreiben es auf ihre T-Shirts – dann die aktuelle #MeToo-Kampagne. Provokant gefragt: Ist Feminismus gerade einfach auch super chic?

Ich glaube nicht, dass es besonders „chic“ ist, feministisch zu sein, immerhin bin ich mit den Spice Girls aufgewachsen, da brüllten viel mehr Frauen „Girlpower“ als jetzt. Dass sich Werbung und Labels Kunst und gesellschaftspolitische Ideen aneignen, ist auch nicht so neu. Natürlich ist immer die Frage, wie real das alles wirklich ist. Aber warum nicht? Besser so als andersrum.

„Streiten muss man kultivieren!“

Was ist neu an der „neuen feminstischen Bewegung“?

Ich glaube, dass das, was neu ist, eigentlich die Intensität der Meinungsäußerungen ist. Wir leben in einer extrem polarisierten Gesellschaft. Wir hören einander nicht zu. Wir bleiben in unseren Social Bubbles, die unsere Meinung widerspiegeln. Das führt dazu, dass wir uns immer nur selbst bestätigen und unsere Meinung sich verkrampft.

Ich glaube, dass viele Frauen es einfach satt haben, schlechter behandelt zu werden, nicht die gleichen Chancen zu haben, mit sexueller Belästigung konfrontiert zu werden. Es ist jetzt mit #MeToo ein Bewusstsein entstanden, diese Ungerechtigkeiten nicht länger hinzunehmen. Auf der anderen Seite findet eine Verharmlosung seitens der neu-konservativen patriarchalen Strukturen statt. Ich glaube, das Wichtigste ist der Dialog. Wir müssen miteinander diskutieren, vielleicht streiten, aber zumindest einander zuhören.

Wie kam Dein „JEANNES HELDINNEN PODCAST“ zustande, und worum geht es dabei?

Die Idee kam nach der Weltreise mit meiner Band KIDS N CATS. Es ging mir schlecht, die Band war in einer Krise. Es hatte sich gerade ein Traum erfüllt, danach stellte sich die Frage: Was jetzt? Ich habe den Podcast gegründet, weil ich immer schon ein Projekt mit Frauen starten wollte. Jetzt nutze ich dieses Medium, um spannende Frauen zu interviewen, ihnen eine Plattform zu bieten. Es gibt aber auch einen egoistischen Gedanken dahinter: Ich selbst brauche Frauen als Vorbilder, die mir Mut geben: Halten wir zusammen und seien wir Heldinnen!

Für den Podcast hast Du neben der österreichischen Autorin Stefanie Sargnagel, die Musikerin Ankathie Koi und die Start-up-Gründerin Annemarie Harant ausgewählt. Letztere hat mit ihrem Projekt „erdbeerwoche“ nachhaltige Hygieneprodukte für Frauen entwickelt und bemüht sich darum, das Thema „Menstruation” gesellschaftsfähig zu machen. Eines Deiner Lieblingsthemen – warum?

Weil ich es enttabuisieren will. Es ist doch einfach nur Blut, warum können wir nicht mit einer Selbstverständlichkeit darüber reden? In einem unserer Songs, „Tsintaosaurus“, heißt es: „Culture of rape, I declare war, I throw my bloody tampons at you!“

Alles an Dir ist bunt, wild und zusammengemixt, wie Deine Kindheit und Jugend, in der Du oft umgezogen bist.

Meine Mutter ist Österreicherin und mein Vater Franzose. Er hat bei der UNO gearbeitet, daher die vielen Umzüge. Ich bin in Wien, New York, Algier und Dakar aufgewachsen. Nach meiner Matura im Senegal kehrte ich nach Wien zurück, um hier Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Übersetzen und Dolmetschen zu studieren.

Warum bist Du eigentlich so feministisch eingestellt? Gab es eine Initialzündung? Hat Deine Mutter Dich darin bestärkt?

In meiner Familie gehen die Frauen abwaschen, und die Männer bleiben sitzen und „diskutieren“. Das hat mich immer verrückt gemacht, ich habe immer geschrien und geschimpft. Nutzlos. Schließlich hatte ich die Wahl zwischen „die Frauen im Stich lassen“ oder „meine Prinzipien hintergehen“. Ich beschloss, auch sitzen zu bleiben – mit schlechtem Gewissen.

Ich bin wütend, seitdem ich klein bin. Alle haben mich immer belächelt und mich als süße, kleine Feministin gesehen. Meine Mutter meint, meine Tante sei an meiner feministischen Erziehung „schuld“. Eines Tages, ich war gerade mal vier Jahren alt, erzählt meine Mutter, hätte ich zu ihr gesagt: „Wir Frauen haben es so schwer auf dieser Welt.“ Trotzdem ist es so, dass sowohl meine Mutter als auch meine Omas sehr, sehr starke Frauen mit einem großen Selbstbewusstsein sind. Sie lassen sich wenig gefallen. Das hat mich sicher beeinflusst.

In den Ländern, in denen Du aufgewachsen bist, steht es ja um die Emanzipation der Frau nicht immer zum Besten.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich mich als Mädchen in Algerien gefühlt habe, aber ich glaube, gut. Im Senegal habe ich viel diskutiert und viel gestritten, weil ich einseitige Polygamie nicht unterstütze. Alle Senegalesinnen , die ich kenne, sind aber unglaublich starke Frauen, die genau wissen, was sie wollen, und es sich auch holen.

„Wir sind alle Heldinnen!“

Es gibt viele soziologische Theorien à la Erving Goffman, die besagen, dass das Leben eine Bühne ist und wir alle nur Theater spielen. Welche Rollen nimmst Du auf dieser Bühne ein?

Ich mache mir die Sprache zu eigen und sage einfach: „Ich bin jetzt Podcasterin, gerade habe ich Lust auf Musikerin und danach auf Performerin.“ Mit der Sprache eignet man sich Macht an. Aussprechen bedeutet, etwas wahr werden zu lassen. Ich führe gerade ein Binnen-I-Selbstexperiment durch: Ich verwende ausschließlich die weibliche Form. Und ich spüre bereits die Konsequenzen: Wenn beispielsweise von „den Musikern“ die Rede ist, fühle ich mich nicht angesprochen. Präzision ist in der Sprache wichtig, weil Sprache Realität schafft.

Das klingt, als wärst Du sehr selbstsicher.

Ja und nein, ich besitze viele Komplexe, einer davon ist ein sprachlicher. Ich bin zweisprachig aufgewachsen – Deutsch und Französisch, später kam Englisch dazu. Mit 13 Jahren beherrschte ich drei Sprachen, aber keine davon wirklich gut. Das war mir immer sehr peinlich. Ich habe mich dann immer mit den anderen verglichen und mir selbst gesagt: Du bist nicht gut genug!

Beeinflusst Wut Deine Kunst?

Ich schreibe immer in emotionalen Momenten – das neue Album ist ausschließlich auf diese Art entstanden. Ich hab mir für jedes Lied eine Emotion genommen, bei vielen Songs war das eben auch Wut oder Frust. Wut ist auch die Motivation hinter meinem HELDINNEN-PODCAST. Wut darüber, dass Frauen und Männer noch lange nicht gleichberechtigt sind. Wut als Inspiration klappt aber natürlich nicht immer, manchmal äußert sie sich negativ, und ich fange dann an, Dinge zu zerstören, was natürlich kontraproduktiv ist.

„Fuck it! ist manchmal eine sehr gute Haltung!“

Die Band KIDS N CATS besteht aus Judith, Maximilian, Marten und Dir. Ist Euer schrilles Auftreten mindestens so wichtig wie die Musik?

Auf Bühnenoutfits lege ich sehr viel Wert, auf eine gute Show sowieso. Ich langweile mich ehrlich gesagt bei den meisten Konzerten. Ich will in Zukunft auf jeden Fall mehr in Richtung Performance gehen und nehme dafür gerade auch Tanzstunden. Unsere Konstellation funktioniert großartig. Marten und ich sind das Herz der Band. Wir erfinden uns beide gern neu, sind vielschichtig und lieben es, das Gegensätzliche zu vereinen – deswegen sind wir auch so bunt!

Eine gute Musikerin und eine Rampensau zu sein, geht ja nicht automatisch einher?

Ich fühle mich auf der Bühne wohl, wenn ich ich selbst bin. Hübsch auszusehen ist für mich nicht oberste Priorität, ich kann auch nichts mit Sexiness anfangen – zumindest nicht bei mir, ich sehe einfach lieber komisch statt sexy aus. Es ist fast schon problematisch, wie wenig Schamgefühl ich besitze, besonders in Bezug auf mein Äußeres. Ich wurde als Kind für meine Kleidung gehänselt. Es war ein langer Prozess, aber mittlerweile habe ich die Frage „Was denken die Leute?“ komplett ad acta gelegt. „Fuck it!“ ist manchmal eine sehr gute und empfehlenswerte Haltung!

Eckst Du mit Deiner „Fuck it“-Haltung nicht auch manchmal an?

Unsere Band wurde im Rahmen des Nachwuchsprogramms „The New Austrian Sound of Music“ gefördert. Wir erhielten für Auftritte im Ausland Unterstützung. Das bedeutete aber auch: Auftritte in Botschaften, Kulturforen und Generalkonsulaten. Es ist nicht lange her, da haben wir vor Sebastian Kurz und seinen vorwiegend männlichen Botschafter-Freunden in Skinny-Fit-Anzügen gespielt – ich bin natürlich extra wild ausgerastet auf der Bühne. Ein paar fanden unseren Auftritt richtig super, die meisten konnten damit aber nichts anfangen. Wir polarisieren, und das ist gut so!

Für Euer aktuelles Projekt seid Ihr um die Welt gereist?

Genau. Ein Jahr lang haben Marten und ich unsere Weltreise geplant. Dadurch ist ein richtiges Projekt entstanden: 11 Tracks, 11 Countries. Zwischen Juni 2016 und Mai 2017 waren wir unter anderem in Israel, Deutschland, Frankreich, Japan, China, Taiwan, Australien, Mexiko und Swasiland. In jedem Land hatten wir eine Kollaboration geplant. Das hat nicht immer funktioniert, aber die Inspiration war natürlich enorm; und wir haben viele spannende und talentierte Musikerinnen kennengelernt, die uns beeinflusst haben. Wir sind gerade immer noch im Studio, im April 2018 wird das neue Album fertig sein. Ab dann kann man uns auch wieder live sehen.

Wir freuen uns darauf!

Die letzte Staffel von Jeanne Drachs Podcast widmete sich der feministischen Pornografie. Bei der neuen Staffel geht es um Politik, Vegetarismus, Journalismus, Mode und vieles mehr und startet am Donnerstag, den 23. November 2017!

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