Der Elmayer

Nette Etikette

Im Laufe unseres Lebens nehmen wir im Schnitt über 80.000 Mahlzeiten zu uns und verbringen immerhin insgesamt sechs Jahre nur mit Essen. Sobald wir uns zu Tisch begeben, gehorchen wir – bewusst oder unbewusst – unzähligen Verhaltensvorschriften. Wir haben wir uns mit dem österreichischen Papst des guten Benehmens, Thomas Schäfer-Elmayer, getroffen und ihn zu einem ihm exotisch unbekannten Ort gelockt: Hermann’s Würstelstand 1070.

„Ich genieße gerade die erste Bosna meines Lebens.“

Herr Elmayer, willkommen am Würstelstand! Wann waren Sie das letzte Mal auf einen Hot Dog und eine Dose Bier?

Ich kann mich nicht einmal erinnern, so lange ist das her. Ich schätze 30 Jahre locker. Und wissen Sie was? Ich genieße gerade meine erste Bosna meines Lebens mit Ihnen.

Das freut uns! Wenn wir schon so ungezwungen hier sitzen, verraten Sie uns doch: Wann haben Sie das letzte Mal gegen die Etikette verstoßen?

Das tue ich jeden Tag (lacht)! Es gibt nun mal viele Situationen, welche dies erfordern. Es ist nicht wichtig, die Regeln in jeder Situation genauestens und streng zu befolgen, sondern einfach nur aufeinander zu achten. Es geht um Taktgefühl - mein Lieblingswort

„Es geht um Taktgefühl - mein Lieblingswort.“

Sie haben bereits neun Bücher zum Thema Etikette und Tischmanieren geschrieben. Sie halten Vorträge, Lesungen und bieten Beratungen an. Was fasziniert Sie an dem Thema Etikette und Tischmanieren?

Die gesellschaftlichen Regeln und Umgangsformen beim Essen sind bedeutend für die zwischenmenschliche Kommunikation. Das habe ich erst so richtig realisiert, als ich international unterwegs war. Dass man überall sehr unterschiedliche Benimmregeln vorfindet, besonders beim Essen, und dass diese immer eine Bedeutung haben. Zum Beispiel steht das „Leeressen“ des Tellers in unserer Kultur dafür, dass es ausgezeichnet geschmeckt hat. In anderen Ländern, wie etwa China, ist es sehr unhöflich, dies zu tun, da es für so etwas wie „es reichte mir nicht“ steht.

Macht es Ihnen manchmal Spaß, mit den Händen zu essen oder sich nachts einen Midnight-Snack einzuverleiben?

Auf alle Fälle, zugegeben: Es fällt mir aber gar nicht immer leicht. Als ich eine Zeit lang in Südafrika gewohnt habe, ist es öfter vorgekommen. Dort ist es ein Teil der Kultur, mit den Händen zu essen.

„Es fällt mir nicht immer leicht.“

Gibt es ein Land, welches Ihnen aufgrund der Tischmanieren am liebsten ist?

Schwierig zu sagen. Ich denke, jede Esskultur hat ihre Vor- und Nachteile. Grundsätzlich kann ich jedoch sagen, dass mir die Umgangsformen in Japan sehr gefallen.

Inwiefern?

Als ich das erste Mal in Japan war, haben sie mich bei jedem Essen gelobt, wie toll ich schon mit Stäbchen umgehen kann, dabei hatte ich große Schwierigkeiten, das Sushi überhaupt aufzuheben. Am letzten Tag, kurz vor dem Flug, war ich dann noch mal mit einem Freund Sushi essen, welcher dann zu mir meinte: „Du, wenn du das nächste Mal kommst, dann zeig ich dir noch, wie man richtig mit diesen Stäbchen umgeht“. Dieses „Willkommenheißen“ finde ich sehr viel höflicher und fürsorglicher, als immer danach zu suchen, an welcher Stelle sich jemand noch nicht angepasst hat.

Sind Sie bei den Manieren und Fauxpas der anderen selbst eher streng oder nachsichtig?

Ich bin im Prinzip möglichst nachsichtig, aber es gibt natürlich schon Dinge, die einem wirklich unangenehm sind: Wenn Menschen mit vollem Mund sprechen oder sich mit den Schuhen auf Sitzgelegenheit stellen, solcherlei Dinge halte ich für rücksichtslos.

Haben Sie als Kind Tischmanieren auch schon zu schätzen gewusst?

Natürlich nicht! Ich fand Tischmanieren schrecklich, jedoch bin ich auch in einer besonderen Situation aufgewachsen, da man mit bereits sechs Jahren schon von mir verlangt hat, jeder weiblichen Besucherin die Hand zu küssen. Das habe ich in der Regel natürlich nicht so gerne gemacht ...

„Es geht nicht darum, Frauen zu bevormunden, sondern eben darum, ihnen Wertschätzung zu zeigen.“

Erzählen Sie mal! Was haben Sie bei dem ersten Date mit Ihrer Frau gegessen?

Das war leider nicht so spektakulär, denn wir waren auf einer Skiparty und ich hatte unglücklicherweise zwei Gipshaxen. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es Käsespätzle.

Haben Sie sich von der Etikette Ihrer Frau damals imponieren lassen?

Es hat sicher eine Rolle gespielt und gute Essmanieren sind bei Frauen wie auch bei Männern definitiv ein Pluspunkt. Jedoch ging es, zumindest bei mir, in der Partnersuche viel mehr um gegenseitige Aufmerksamkeit, Freundlichkeit und Toleranz, als gutes Benehmen am Tisch. Das äußere Erscheinungsbild, also Mimik, Gestik, der Gang, sind alles Botschaften, die man aussendet. Der berühmte gute Ton.

Wenn ich mich jetzt hier reinfläzen würde, eine rauche, mir ein Bier bestelle und rülpse… Würden Sie dann aufstehen und gehen?

Solange es mich nicht persönlich betrifft oder angreift, bleibe ich aus Höflichkeit. Hätten wir jedoch ein Bewerbungsgespräch, würde ich sie sicher nicht einstellen. Ganz wichtig finde ich zum Beispiel auch die Regel, dass man sich, wenn es ein größerer Tisch ist, nicht einfach dazusetzt, sondern sich allen Leuten vorstellt und erst dann Platz nimmt.

„Niemand ist beleidigt, wenn man nach dem Essen der Person in den Mantel hilft...“

Die Etikette ist ja sehr nach Geschlechtern ausgerichtet. Wie geht man damit heutzutage um, da die Geschlechter immer mehr verschmelzen und sich Personen als non-binär, trans-male, trans-female oder queer identifizieren?

Ich glaube, niemand fühlt sich beleidigt, wenn man nach dem Essen der Person in den Mantel hilft oder die Tür aufhält. Im Zweifelsfall jedoch gerne nachfragen. Man kann sich auch mal anschauen, wo diese Regeln herkommen. Im Altertum hatte die Frau nahezu keine Rechte, weshalb man angefangen hat, die Damen in der Gesellschaft höher zu stellen. Es geht nicht darum, Frauen zu bevormunden, sondern eben darum, ihnen Wertschätzung zu zeigen.

Bleiben wir beim Thema Moral und Geschmack. Werden Ihre Sinne, beziehungsweise Ihr Geschmack, durch richtiges Benehmen eher beflügelt oder gezügelt?

Auf jeden Fall beflügelt. Wenn man das entsprechende Geschirr zu den jeweiligen Speisen oder Getränken anbietet, dann schmeckt es auch besser. Haben Sie schon mal einen Tee aus einer feinen Tasse aus dünnem Porzellan getrunken und danach einen aus einem Pappbecher? Dann kennen Sie die Antwort!

Letzte Frage! Essen Sie lieber allein oder in Gesellschaft? 

Lieber gemeinsam und zuhause, da meine Frau ausgezeichnet kocht.

Danke für das Gespräch!

Thomas-Schäfer Elmayer, geboren am 4. Februar 1946, ist Österreichischer Tanzlehrer und Leiter der Tanzschule Elmayer in Wien. Seit 2003 eröffnet er mit einem alt-wienerischen „Alles Walzer“ den Wiener Opernball, für den er einer der wichtigsten Bestandteile ist.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation mit der Meisterschule der Graphischen Wien. Dieser Artikel ist ein Teil der C/O Vienna Magazine Poster-Sonderedition FOOD FOR THOUGHT mit zehn Einzelpostern. Ab Juli in unserem Shop erhältlich. Hier geht es zu den anderen Beiträgen der Reihe.

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