Der Brautprofi

made in turkey

Der gebürtige Türke Hasan Acir führt mit seiner Familie in Wien Favoriten das Sweet Braut- und Ballmoden-Geschäft beim Viktor-Adler-Markt. Eines von Dutzenden dieser Art in Wien. Wir wollten wissen, wer in diesen Läden einkauft und wer sie betreibt. Herr Acir weiß nicht, ob auf seiner eigenen Hochzeit 2.000 oder 3.000 Gäste anwesend waren. Tausend hin, tausend her, ist ja auch egal.  Ein Gespräch über das rituelle Geben und Nehmen, bei dem das private Glück zweier Liebender eher sekundär ist.

„Alle Mädchen wollen Prinzessinnen sein!“

Wie viele Wochen vor der Hochzeit kommen die Hochzeitspaare zu Ihnen und lassen sich beraten?

Früher sind sie drei Wochen vor der Hochzeit gekommen, jetzt kommen die Leute schon drei Monate davor. Österreichische Kundinnen kommen sogar zwei bis drei Jahre vor der Trauung, die schicke ich dann aber wieder weg, in dieser Zeitspanne kann viel passieren ...

... da kann die Liebe wieder schwinden ...

... oder die Mode und die Figur können sich ändern. Ein Jahr davor ist kein Problem. Teilweise kommen Kundinnen sogar ohne Heiratsantrag, weil sie das Gefühl haben, dass bald ein Antrag kommen könnte (lacht).

Man muss sozusagen immer bereit sein! Blöd ist nur, dass Sie Ihre Kunden nach der Hochzeit dann – optimalerweise – verlieren?

Das würde ich so nicht unterschreiben. Ein Kunde hat sich nun schon das dritte Mal bei mir einkleiden lassen, also natürlich immer mit einer anderen Frau. Er wollte es sich nicht nehmen lassen, trotzdem wieder in Weiß zu heiraten.

„Wenn man den Chinesen ein Plastiksackerl gibt und sagt, sie sollen einen Anzug daraus machen, dann machen die das auch.“

Ein Romantiker! Ist Ihr Klientel vermehrt türkischer Herkunft? Es ist schon auffallend, dass viele Wiener Geschäfte für Hochzeitsmoden im Besitz türkischer Familien sind. Heiraten Türkinnen einfach häufiger als Österreicherinnen?

Auf alle Fälle! In der Türkei wird mehr geheiratet. Man könnte es so sagen: Gefühlte 98 Prozent der Menschen in der Türkei zwischen 18 und 30 Jahren entschließen sich für die Ehe. Und geheiratet wird immer sehr, sehr groß, immer in einem Hochzeitssaal und immer mit ein paar hundert Gästen.

Wo werden Ihre Kleider produziert? Wenn man sich die Preisgestaltung ansieht, sind die Kleider relativ günstig für den großen Auftritt, den sie bieten.

Unsere Hochzeitskleider kosten – inklusive Zubehör und Näharbeiten – von 300 bis 2.300 Euro und werden in der Türkei gefertigt, sie sind alle handgearbeitet.

Nichts ist „Made in China“?

Nein, nein! Die Kleider aus China zerfallen schon beim Anziehen. Gute Qualität kann China, Gott sei Dank, noch nicht produzieren. Die großen Labels wie Hugo Boss lassen ihre Anzüge auch in der Türkei produzieren, weil dort das Schneiderhandwerk noch beherrscht wird. Die wissen dort noch, wohin die Nähte gehören, und sie verwenden gute Fäden. In der Türkei wird beraten und auch empfohlen, was möglich ist, und was sich technisch nicht ausgeht. Die Chinesen nähen dir alles. Wenn man denen ein Plastiksackerl gibt und sagt, sie sollen einen Anzug daraus machen, dann machen die das auch.

Welche Art von Kleidern wollen die Bräute?

Typische Prinzessinnenkleider – zu neunzig Prozent. Alle Mädchen wollen Prinzessinnen sein!

„Alle wollen Glitzer! Der verführt eben! "

Vielleicht nicht alle!?

Doch, alle! Erst verlangen sie ein ganz schlichtes Kleid, und schlussendlich kaufen dann doch alle das mit den glitzernden Steinchen. Das ist wie bei den Männern, wenn sie Autos kaufen. Geplant haben sie eines für zehntausend Euro, dann sehen sie einen schicken Ferrari oder BMW – natürlich ist der schöner und protziger, und natürlich will man lieber damit fahren.

Jetzt weiß ich auch, warum in der türkischen Community teure Autos so beliebt sind! Der Vergleich ist natürlich naheliegend!

Männer und Frauen sind sich da nicht unähnlich: Alle wollen Glitzer! Der verführt eben! Wenn man groß feiert, also ab 500 Gästen, was unsere Kunden für gewöhnlich tun, dann muss man als Hochzeitpaar auch prunkvoll aussehen. Denn die Gäste erscheinen ja schon in Abendkleidung, und wenn sich dann die Braut in einem schlichten Kleid präsentiert, könnte man sie nicht erkennen und mit einem Gast verwechseln. Das geht natürlich nicht.

Muss ein Brautkleid weiß sein?

Nein, das ist out. Besser Elfenbein oder Champagner! Auf den Videos und Fotos auf Instagram bekommen schneeweiße Brautkleider nämlich einen bläulichen oder violetten Farbstich. Das ist quasi ein bisschen mein Insiderwissen. Da gab es viele Reklamationen, und die Firmen haben dann beschlossen: Wir machen nichts Weißes mehr! Darüber hinaus wird ein schneeweißes Kleid, wenn das länger als acht Wochen hängt, sehr schnell grau.

Elfenbein wegen Instagram?

Ja, genau.

Kommen die Kundinnen allein oder mit einer Entourage, mit der der Kauf des Kleides zum riesengroßen Ritual wird?

Meistens kommen erst einmal die Freundinnen der Braut mit, und wenn es dann tatsächlich zum Kauf kommt, werden sie von der Schwiegermutter begleitet. Bei serbischen und türkischen Kundinnen zahlt die Schwiegermutter das Brautkleid.

Bei den serbischen und türkischen Hochzeiten dürfen die Männer ihre Bräute schon vor der Trauung im Brautkleid sehen?

Ja, das ist kein Problem. Manchmal kommt der Verlobte schon zum Kauf mit.

Wie wird türkisch geheiratet?

In der Türkei oder in Österreich?

Wo liegen da die Unterschiede?

Meine Hochzeit in der Türkei hat vier Tage gedauert. In Österreich wird oft nur mehr einen Tag gefeiert – aus Kostengründen. Meine Ehefrau und ich haben in der Türkei geheiratet und hatten damals sehr viele Gäste – das ganze Dorf ist gekommen. Da waren bei uns sicher zwischen 2.000 und 3.000 Personen.

„Eine Kuh, ein Schaf, sehr viele Kisten Gemüse gingen drauf.“

Tausend hin oder her, ist dann auch schon egal! Kommen dann alle gleichzeitig für vier Tage oder hintereinander über vier Tage?

Grundsätzlich hintereinander, aber in der Nacht vor der Trauung ist dann der Termin für den sogenannten Anstoß, da kommen dann alle gleichzeitig.

Um Himmels willen, die wurden dann über diese vier Tage hinweg von Ihnen verköstigt?

Genau. Eine Kuh, ein Schaf, sehr viele Kisten Gemüse gingen dabei drauf. Mein Vater hatte sogar einen Koch engagiert. Der hat damals praktisch ständig gekocht. Ich hatte mehr das Organisatorische übernommen und konnte erst am letzten Tag wirklich feiern. Geschlafen wird natürlich dazwischen schon: Man geht so zwischen drei und vier Uhr morgens ins Bett, und um zehn oder elf Uhr geht’s wieder los.

Und wann innerhalb dieser vier Tage hat man dann seine Frau wirklich geheiratet?

Am letzten Tag heiratet man. Da holt man zu Mittag die Braut vom Brautvater ab. Dann wird etwas geweint, da es der letzte Tag ist. Man steigt ins Auto ein, es gibt einen riesigen Hochzeitskonvoi mit hunderten Fahrzeugen, bleibt beim Friedhof stehen, betet für die Verstorbenen, und dann fährt man weiter durch die Stadt bis zu seinem Haus, feiert den ganzen Abend lang. Die Braut ist damit sozusagen eingezogen.

„Wenn eine türkische Frau heiratet, braucht sie fünf Kleider.“

Hat sich die Brautkleidmode in den vergangenen zwanzig Jahren überhaupt groß geändert?

Sie ist teurer geworden. Die Steine sollen beispielsweise von Swarovski sein! Die Leute wollen mehr zeigen – in Zeiten von Facebook und Instagram kennen sie auch mehr. Wenn eine türkische Frau heiratet, braucht sie fünf Kleider: Eines zur Verlobung, eines für den Polterabend, ein Henna-Abend-Kleid, ein Standesamtkleid und das Hochzeitskleid.

Gut fürs Geschäft! Ein Brautkleid im Internet zu bestellen gilt eher als unromantisch?

Die Leute bestellen leider sehr viel online! Da gibt es beispielsweise ein Brautkleid eines chinesischen Anbieters von Elie Saab für gerade mal 200 Dollar. Natürlich kommt das Kleid nicht von Elie Saab, ist Fake und hängt am Körper wie ein Bettlaken.

Bis jetzt haben wir nur über die Braut gesprochen, reden wir einmal über den Bräutigam. Wie kauft der seinen Anzug?

Das dauert zehn Minuten: Die Männer kommen, wir zeigen ihnen die Modelle, sie suchen sich das schönste aus, fragen nach der Größe, probieren es an – und fertig.

„Für die serbischen Kunden kann es nicht prunkvoll genug sein.“

Was ist beim Bräutigam styletechnisch üblich?

So was wie auf der Hochzeitstorte: der Bräutigam im Smoking!

Es gibt sicherlich auch Kundinnen, die extravagantere Wünsche haben?

Ja, die, die den Prunk lieben. Die türkischen Kunden kaufen eher die schlichten Gewänder. Für die serbischen Kunden kann es nicht prunkvoll genug sein, für sie führen wir auch grüne, schwarze, weinrote, glänzende Kombinationen. Die Serben veranstalten noch größere Hochzeiten als wir Türken!

Die serbischen Hochzeiten kosten geschätzt etwa sechs- bis siebenmal mehr als die türkischen. Auffallen um jeden Preis quasi. Aber auch gut für unser Geschäft. Was ich so von den serbischen Kunden höre, ist, dass sie Musiker aus Serbien nach Wien holen und sich das zwischen 10.000 und 20.000 Euro kosten lassen – für fünf bis zehn Stunden.

Guter Sound ist eben wichtig! Was kosten denn serbische und türkische Hochzeiten im Allgemeinen?

Türkische Hochzeiten, wenn sie teuer sind, kosten so um die 15.000 Euro für etwa 800 Gäste, wenn es etwas Anständiges zu Essen gibt. Serbische Hochzeiten, sage ich einmal, kosten ohne Musik zwischen 40.000 bis 50.000 Euro. Die geben auch sehr viel Geld für das Essen aus. Ich war schon auf einigen serbischen Hochzeiten, und da kostet das Buffet alleine 15.000 bis 20.000 Euro. Jüdische Hochzeiten sind aber noch teurer.

„Als Hochzeitspaar macht man Gewinn.“

Wie können sich das die jungen Paare leisten?

Jüdische Hochzeiten können bis zu 100.000 Euro kosten. Der Onkel muss bei den Juden schon um die 30.000 Euro als Mitgift geben und der Cousin um die 10.000 Euro, das sind dann quasi die Starthilfen, damit sich das Brautpaar selbstständig machen kann.

Ich befürchte, ich sollte angesichts dieser Summen in Zukunft eine Einladung auf eine Hochzeit lieber ablehnen!

Nein, sie können gerne hingehen! Das ist leistbar. Bei den türkischen Hochzeiten sollte eine entfernt bekannte Familie 50 Euro schenken. Wenn es ein Nachbar oder ein guter Bekannter ist, dann sind es eher 100 Euro und in eher seltenen Fällen 200 Euro und mehr. Als Hochzeitspaar macht man somit – wenn genug Gäste kommen – keinen Verlust, sondern Gewinn. Aber es kommt darauf an, wie oft das Brautpaar oder die Familie in den letzten Monaten und Jahren selbst auf Hochzeiten vertreten war – weil wenn die Familie nicht dort war, dann kommt auch niemand zu ihnen.

Sind die traditionellen, türkischen Hochzeitskleider, die sie in der Auslage haben, noch gefragt?

Normalerweise kleidet sich jeder in Weiß – von den afrikanischen über die chinesischen bis zu den türkischen Kundinnen. Unsere traditionellen Kaftane, die man in der Türkei vor hundert Jahren noch trug, werden heute am Polterabend bei der Henna-Feier getragen, sie sind also nicht ganz verschwunden. Ich habe zufälligerweise gestern eine Lieferung bekommen. Sind zwar etwas teurer, aber schauen super aus. Die kommen gerade wieder in Mode.

Was ist dieser Henna-Abend?

Das ist die Verabschiedungsnacht im Elternhaus der Braut, bei der ihr die Schwiegermutter mit Henna auf die Hand zeichnet. So wie bei einem Polterabend in Österreich treffen sich die Mädchen und Frauen zu diesem Henna-Abend – bleiben aber zu Hause und gehen nicht fort, feiern mit Essen und Musik. Die Frau trägt gewöhnlich ein weinrotes Hochzeitskleid. Das stellt quasi schon eine Vermählung dar. Und eigentlich sollten da nur die Frauen unter sich sein, „women only“, aber das hat sich mit der Zeit geändert, und mittlerweile kommen auch die Burschen.

Ich habe gelesen, dass man bei Ihnen auch Sonderwünsche äußern kann. Gab es schon lustige Sonderwünsche?

Ich betrachte die gar nicht als lustig. Sonderwunsch ist Sonderwunsch!

... gab es interessante Sonderwünsche?

Wir hatten mal einen Kunden, der eine fünfzehn Meter lange Schleppe bei uns bestellt hat, weil das Elternhaus des Mädchens und das des Bräutigams in einem serbischen Dorf genau fünfzehn Meter voneinander entfernt liegen. Wenn die Braut geholt wird und beim Bräutigam einzieht, sollte sich sozusagen der Zipfel der Schleppe immer noch im Elternhaus befinden.

„Es ist nicht so wie bei einer österreichischen Hochzeit, bei der man mit 50 Leuten feiert und jeder aufpasst!“

Abschiednehmen auf Raten sozusagen! So ein Hochzeitskleid muss ganz schön was aushalten, oder?

Das ist auch ein sehr langer Tag, dafür halten die Brautkleider eigentlich sehr gut. Der Tag beginnt meist um fünf Uhr in der Früh und geht bis fünf Uhr am nächsten Morgen. Untertags ist man mit dem Kleid beim Friseur, man macht Fotoshootings in der Stadt, in Wien meistens in Schönbrunn. Die Schleppe bleibt an Steinen und Pflanzen hängen, dann geht man mit dem Kleid essen. Es kann alles Mögliche passieren! Es ist nicht so wie bei einer österreichischen Hochzeit, wenn man mit 50 Leuten feiert und jeder aufpasst!

Ich höre da Ihrerseits eine gewisse Kritik heraus! Die Art, wie in Österreich geheiratet wird, scheint in Ihren Augen nicht angemessen?

Es ist halt alles anders bei uns. Bei der Hochzeit meiner Schwester kamen über 2.800 Gäste! Ich muss aber zugeben, dass ich bei der Hochzeit meines Sohnes nur meine guten Freunde und Geschäftspartner einladen werde, also maximal 500 Leute, mit denen man sich auch unterhalten kann.

500 Gäste sind, sozusagen in türkischen Verhältnissen gemessen, eine intime Runde...

Genau. Bei 2.800 Leuten sagt man nur: „Hallo! Hallo! Hallo!“ und wenig später „Tschüss! Tschüss! Tschüss!“ Da bekommt man gar nichts mehr mit. Ich war nach der Hochzeit meiner Schwester k. o., habe in den zwei Tagen der Hochzeit sechs Kilo abgenommen.

Wenn Sie jetzt eine Hochzeit für Ihren Sohn ausrichten würden, was würden Sie der Braut Ihres Sohnes empfehlen? Was ist das Beste vom Besten?

Ich würde einen A-Schnitt empfehlen, also keine Prinzessin, sicher etwas mit Rückendekolleté, weil das schon immer sehr schön ist, und mit Sicherheit eine zehn Meter lange Schleppe. Ich bin ja Brautkleidverkäufer!

Da muss man präsentieren!

Genau (lacht)!

Wie sexy darf ein Hochzeitskleid sein oder wie sexy soll es nicht sein?

Es sollte schon sexy sein. Es sollte kein „Oma-Kleid“ sein. Die Brust darf nicht zu sehen sein, aber das Dekolleté darf man schon ein bisschen betonen. Alles in Maßen!

Wie ist das, wenn die Braut gewöhnlich ein Kopftuch trägt? Bei der Hochzeit trägt sie dann keines?

Doch, da trägt sie dann auch ein Kopftuch. Das wird schön drapiert, und es werden Spitzen vom Kleid drangenäht, die Haare sollte man nicht sehen. Wir machen im Jahr vielleicht zehn geschlossene Brautkleider von hundert offenen. Es ist ja nicht jede türkische Dame bedeckt. Auch die jüdischen Brautkleider sind geschlossen und zeigen sehr wenig Haut.

Fährt man in der Türkei auch in die Flitterwochen?

Normalerweise schon, aber wir sind mit zehn Jahren Verspätung gefahren, weil der Großvater meiner Gattin in der letzten Nacht der Feierlichkeiten verstorben ist. Wir sagten es allen erst am Tag danach, sonst hätten wir nach der Tradition vierzig Tage trauern müssen, bevor wir uns hätten vermählen dürfen.

Das war vom Großvater ziemlich knappes Timing!

Das kann man so sagen!

Ich danke Ihnen für dieses interessante interkulturelle Gespräch!