A Story to Tell

Der Zwang, gesund zu essen

Salat aus biologischem Anbau, laktosefreie Butter und Kekse ohne Gluten. Viele denken immer öfter über ihr Essen nach. Aber kann der Drang, sich gesund zu ernähren, zum Zwang werden? Wir sprachen mit der Wiener Psychologin und Psychotherapeutin Rahel Jahoda über Orthorexie, der ständigen und obsessiven Beschäftigung mit Essen. Die junge Künstlerin Mafalda Rakoš liefert die berührenden Fotos, unter anderem aus ihrem kürzlich erschienenen Bildband, dazu.

„Wer bin ich?“

Stefanie Schermann: Sie leiten in Wien ein Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen und sind unter anderem ausgebildete Körpertherapeutin. Sind Sie selbst mit Ihrem Körper und Ihrem Essverhalten zufrieden?

Rahel Jahoda: Ich bin eine emanzipierte Frau und beschäftige mich intensiv mit Themen wie dem eigenen Körperbild. Trotzdem ertappe ich mich, nun, da ich in den Wechseljahren bin, manchmal bei Gedanken wie: „Puh, jetzt hast du aber zugenommen.“ Das ist schon verrückt. Egal, wie reflektiert man ist, vor solchen Gedanken ist man nicht gefeit.

Warum ist unsere Beziehung zum Essen so kompliziert?

Essen ist in unseren Köpfen schon immer mit Emotionen besetzt gewesen. Brave Kinder bekommen nicht selten einen Schlecker als Belohnung, als Bestrafung gibt es hingegen oft ein Süßigkeitenverbot. Vor ein paar Jahrzehnten hieß es sogar oftmals: „Wenn Du nicht brav bist, gehst Du ohne Essen ins Bett!“ Essen dient von klein auf nicht nur dazu, uns satt zu machen, sondern auch, andere Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn wir traurig sind, essen viele von uns daher tendenziell mehr Süßigkeiten, denn Süßes kann für uns mit Sicherheit und Trost verbunden sein. 

„Wenn Du nicht brav bist, gehst Du ohne Essen ins Bett!“

Es gehört mittlerweile zum guten Ton, eine „Ernährungsspezialität“ sein Eigen zu nennen: Die eine isst kein Fleisch, die andere keinen Weizen, die Dritte trinkt nur Getränke in Zimmertemperatur. Warum definiert man sich heute so sehr über die Ernährung?

Wir nehmen viele Ernährungsgewohnheiten aus unserer Kindheit mit. Ein Beispiel dafür ist das Weihnachtsessen. Da wird bei vielen Jahr für Jahr das Gleiche aufgetischt. Diese Traditionen nehmen die meisten ins Erwachsenenleben mit, ohne sie jemals zu hinterfragen. 

Heutzutage gibt es außerdem den Trend, sich immer stärker über Ernährungsweisen zu definieren: Wenn ich Vegetarierin bin oder vegan lebe, hebt mich das von anderen ab und gibt mir die Möglichkeit, mich zu benennen. Das ist ein menschliches Bedürfnis, wir alle wollen die Frage beantworten können: „Wer bin ich?“ Wenn man sich allerdings nur mehr über das eigene Essverhalten definiert, bekommt man ein Problem.

Wo endet die intensive Beschäftigung mit gesundem Essen, und wo beginnt das zwanghafte Verhalten?

Ich unterscheide hier zwischen Auslöser und Ursache. Ein simpler Auslöser können banale Bemerkungen oder blöde Kommentare sein wie: „Dein Hintern wird immer dicker.“ oder „Jetzt musst du aber langsam aufpassen.“ Dann fängt man eventuell an, sich „gesünder“ zu ernähren, bestimmte Nahrungsmittel wegzulassen und abzunehmen. Für manche ist das der Beginn einer Gedankenspirale und sie nehmen ab diesem Zeitpunkt immer wieder „ein bisschen“ ab. Gewichtstechnisch gibt es da nach unten kein Limit. Zu welchem Typ man gehört, kommt auf die Persönlichkeitsstruktur an und darauf, welche anderen Probleme man hat.

Schenken wir unserer Ernährung zu viel Beachtung?

Indem wir ständig über das Essen nachdenken, erhalten wir vermeintliche Kontrolle über unseren Körper und unser Aussehen. Dass die Werbung und die sozialen Medien uns mit unrealistischen, idealisierten und bearbeiteten Körperbildern konfrontieren, unterstützt das Gefühl des Nicht-Perfekt-Seins.

„Absolut isoliert und vereinsamt.“

Welche psychischen Probleme können zu einem gestörten Verhältnis zur Nahrung führen?

Die Ursache ist meistens etwas tiefer Liegendes: Vernachlässigung, Überbehütung, Missbrauch, Mobbingerfahrungen in der Schule, traumatische Erlebnisse wie der Verlust eines Elternteils oder der Wunsch nach einer bewussten Abgrenzung von den Eltern, die vielleicht übergewichtig waren. Da gibt es viele Möglichkeiten. Es werden sogar genetische Faktoren diskutiert. Wenn ein Elternteil eine Essstörung hatte und die Kinder ebenfalls davon betroffen sind, stellt sich die Frage, ob die Krankheit vererbt wurde oder die Kinder einfach „nur“ durch das Essverhalten des Elternteils beeinflusst wurden. 

Wie definieren Sie Orthorexie genau?

Orthorexie liegt erst einmal nur der Wunsch zugrunde, sich gesund zu ernähren – und das wollen wir alle. Ich würde die Orthorexie eher den Zwangsstörungen zuordnen, da sie permanentes Nachdenken über Lebensmittel beinhaltet, die dazu oft auf bestimmte Art und Weise zubereitet werden müssen. Im schlimmsten Fall ist die betroffene Person isoliert und vereinsamt, weil sie, unter anderem, aufhört, mit anderen essen zu gehen, da sie dann nicht kontrollieren kann, mit welchen Lebensmitteln die Speisen im Restaurant zubereitet wurden.

Hat das auch mit Scham zu tun?

Oftmals wird die „gesunde“ Ernährung auf immer weniger Lebensmittel eingeschränkt. Es kursieren viele Ratschläge im Internet, die sich jedoch gegenseitig widersprechen, dadurch steigt natürlich die Verunsicherung, was man jetzt überhaupt noch essen „darf“ und was nicht. Das kann dazu führen, dass man anfängt, sich dafür zu schämen, wenn man eine Schokolade isst, und über dieses Schamgefühl kann man nach und nach in eine Essstörung tappen.  

„Wenn das Essverhalten meinen Tagesablauf bestimmt.“

Ab welchem Punkt sollten wir uns Hilfe suchen?

Wenn das Essverhalten meinen Tagesablauf bestimmt. Wenn ich in der Früh aufwache und mir überlege, was ich wann wie essen werde und was ich auf keinen Fall essen darf, nur mehr achtsam in Bezug auf Lebensmittel bin, aber nicht mehr achtsam mit mir selbst und meinem Leben gegenüber, dann ist es in jedem Fall an der Zeit, sich Hilfe zu holen.

Wie helfen?

Bei Menschen mit Essstörungen ist es ähnlich wie bei Drogensüchtigen: Anfangs glauben sie, alles unter Kontrolle zu haben. Die Krankheit verselbstständigt sich jedoch oft schnell. Viele erzählen im Laufe der Therapie, wie hilfreich und wichtig es war, dass sie jemand darauf angesprochen hat – Eltern, Freunde, Arbeitgeberinnen –, dass jemand sich besorgt gezeigt hat, ohne Vorwürfe zu formulieren.

„Männer mit Bierbäuchen.“

Sollten wir aufhören, über die Körper anderer zu sprechen?

Wir sollten zumindest damit aufhören, Menschen nach ihrem Aussehen zu beurteilen. Das ist natürlich schwierig, denn wir sind eine sehr visuell geprägte Gesellschaft. Wir sollten damit aufhören, uns auf unsere Defizite zu reduzieren, so wie das in der Schule der Fall ist, wo oft nur auf die Schwächen und nicht auf die Stärken der Kinder geschaut wird. Personen mit Essstörungen definieren sich über die Defizite ihres Körpers und ihre Ernährung. Als Therapeutin arbeite ich mit ihnen heraus, welche anderen Qualitäten sie besitzen und was sie als Mensch noch alles ausmacht. 

„Ich bemerke einen Anstieg der Essstörungen bei Männern.“

Behandeln Sie immer noch überwiegend Frauen?

Ja, aber ich bemerke einen Anstieg der Essstörungen bei Männern. Der gesellschaftliche Druck, den Schönheitsidealen zu entsprechen, einen Waschbrettbauch zu haben und durchtrainiert zu sein, ist auch für sie größer geworden. In meiner Kindheit waren auf Werbeplakaten noch Männer mit Bierbäuchen zu sehen, heutzutage ginge das, denke ich, nicht mehr durch. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Rahel Jahoda arbeitet als Psychotherapeutin, Traumatherapeutin, Klinische Psychologin und Körpertherapeutin. 2006 gründete sie gemeinsam mit zwei ihrer Kolleginnen intakt, ein Therapiezentrum für Essstörungen in Wien. Sie ist Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Essstörungen (ÖGES). Sie arbeitet seit über zwanzig Jahren diesem Bereich und gibt regelmäßig Weiterbildungen zu diesem Thema. Wer sich anonym mit dem Verein in Verbindung setzen möchte, kann in deren Internetforum aktiv werden. Es gibt auch die Möglichkeit, online einen Termin für ein Erstgespräch zu buchen.

www.intakt.at
Die Fotografin und Künstlerin Mafalda Rakoš (*1994) studierte bei Martin Guttmann an der Akademie der bildenden Künste Wien und Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien sowie an der Royal Academy of Arts in Den Haag. Ihre Arbeiten zum Thema Essstörungen bewegen sich zwischen Kunst, Dokumentation und Anthropologie und wurden unter anderem schon im Nederlands Fotomuseum, im Benaki Museum, im Museum of Contemporary Art Zagreb und in anderen Kontexten wie auf Kongressen oder im Allgemeinen Krankenhaus Wien (AKH) gezeigt. Die Künstlerin pendelt zwischen Wien, Amsterdam und Berlin. 2020 erschien ihr bereits drittes Buch: A Story to Tell.
www.mafaldarakos.com
@mafaldarakos

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