Die Kinder der Schneiderinnen

Die nächste Generation

Es wurde viel über die Arbeitsbedingungen indischer Näherinnen und Arbeiterinnen berichtet. Wir wollen wissen, wie es ihren Kindern geht und erreichen per Videochat sieben Jugendliche aus Mumbai in ihren Kinderzimmern, wo sie uns über ihr Leben, ihre Ängste und Träume erzählen. 

„Jeder mag Mode, jeder will schön aussehen!“
Habiba Ansari, 16:

Das Kleid, das ich auf dem einen Foto trage, hat meine Mama für mich genäht. Ich hätte gerne mehr Kleidung, aber es ist okay für mich, dass ich nur knapp ein Dutzend Stücke besitze. Ich habe zwei ältere Brüder, die besitzen auch nicht mehr. Mode ist sowas wie der Ausdruck von uns selbst, von dem, was wir mögen. Jeder mag Mode, jeder will schön aussehen! Ich glaube, viele Leute haben gerne viele Kleidungsstücke. So ist Konsum nun mal. 

Wenn ich groß bin, möchte ich eine Weltreise machen. Über Europa weiß ich nicht viel, aber ein Freund von mir mag Europa sehr, also will ich es mal sehen. Aus Amerika ist mir nur Donald Trump bekannt. Die schönste Sache, die ich habe, sind meine Eltern, mein größter Wunsch ist es, ihre Wünsche zu erfüllen und genau wie sie erfolgreich zu sein, durch harte Arbeit. Das kann ich schaffen. Eines Tages möchte ich eine eigene Familie gründen. 

Ich finde es sehr wichtig, etwas zu verändern, besonders für Frauen und Mädchen. Sie brauchen Jobs und sichere Straßen. In Indien ist es nicht möglich, sich als Frau alleine auf der Straße aufzuhalten oder alleine zu reisen.

„Wenn ich groß bin, möchte ich Kricketspieler werden.“
Arya Thombare, 13:

In der Familie teilen wir uns sehr viel, wie zu Beispiel das Zimmer zum Schlafen. Wir nähen unsere Kleidung um, dass ich sie tragen kann. Meine Mama erzählt einiges über die Arbeit, besonders gerne höre ich, wie sie von den schönen Stoffen und Schnitten spricht. Sie hat in der Fabrik viele Freundinnen, mit denen sie was am Wochenende unternimmt. Oft nimmt sie uns mit. Besonders interessant finde ich, dass meine Mama die Kleider, die sie näht, auch selbst verkaufen darf. 

Wenn ich groß bin, möchte ich Kricketspieler in der indischen Nationalmannschaft werden. Ich wünsche mir, dass ich meine Familie dann in die Welt mitnehmen kann. Schön fände ich, wenn wir gemeinsam nach Japan reisen, dieses Land möchte ich so gerne sehen.

„Für TikTok darf ich mir das Handy ausborgen.“
Kiran Rajbhar, 13:

Kiran trägt beim Interview einen dunkelblauen Sari mit dazu passenden Ohrringen, den ihre Mutter extra für sie und für das Interview geschneidert hat. 

Für TikTiok darf ich mir das Handy am Nachmittag nach der Schule ausborgen, aber nicht jeden Tag, mein Bruder möchte auch damit spielen. Mein Bruder und ich gehen täglich zu Schule. Mein Lieblingsfach ist Englisch, aber ich muss noch viel lernen. Meine Mama näht sehr gerne auch zuhause und manchmal auch was für mich, wie diesen Sari.

„Nach der Schule werde ich andere Kinder bei ihrer Ausbildung unterstützen.“
Prithviraj Vijay Kumar Pujari, 16

Ich lebe mit meiner Mutter und meinem Bruder zusammen, mein Vater ist vor einem Jahr gestorben. Ich habe etwa 15 Kleidungsstücke zu Hause und nur meine Mutter hat ein Mobiltelefon, welches ich mir ausborgen darf. Sie arbeitet seit fast zehn Jahren in einem kreativen Handwerksbetrieb, das ist der Grund, weshalb mein Bruder und ich zur Schule gehen können. Nach der Schule werde ich Management studieren und andere Kinder bei ihrer Ausbildung unterstützen, die sich das Schulgeld nicht leisten können. Das ist mein größter Wunsch.

„Unbedingt Amerika!“
Aarti Rajput, 17:

Ich gehe momentan aufs College und studiere Bankbuchhaltung. Meine Familie besteht aus meiner Mutter, meinem Vater, und meiner 29-jährigen Schwester. Ich mag am liebsten Jeans und Tops und würde gerne mehr Outfits mein Eigen nennen. Ich besitze nicht viele Kleidungsstücke, etwa ein Dutzend. Wenn man sich etwas Neues kaufen möchte, geht man zum Markt, in der Nähe von Mumbai, dort ist es nicht so teuer. Manchmal näht mir meine Mutter etwas, einmal hat sie mir einen Sari gemacht, der ist etwas ganz Besonderes für mich.

Die Arbeit macht meiner Mutter Spaß, sie hat viele Freunde dort. Sie genießt die Zeit in der Fabrik, sie erzählt mir vom Mittagessen, von den Pausen und manchmal von den Festen dort. Ich würde in Zukunft gerne etwas für Frauen tun, speziell für ihre Ausbildung und Arbeit, denn Bildung ist bei uns nicht für alle möglich. Ins Ausland zu fahren, ist mein allergrößter Wunsch. Unbedingt Amerika! Mein Schwager war dort, und ich habe die Bilder bewundert, die er uns gezeigt hat. Das will ich mal selbst sehen!

„Nur mit Geld oder Ausbildung schafft man es in eine höhere Kaste.“
Prerna Verma, 17:

Meine Mutter arbeitet seit nun mehr als zwanzig Jahren in der Textilfabrik. Sie näht viele Saris und Kurtis (Anm. d. Red.: ein traditionelles, kragenloses Hemd für Männer, das weit geschnitten ist). Dank ihr können mein Bruder und ich in die Schule und aufs College gehen. Wir haben in Indien ein Kastensystem, nur mit Geld oder Ausbildung schafft man es in eine höhere Kaste, außer man wird später gut vermittelt und heiratet in eine entsprechende Familie ein. Ohne die Arbeit meiner Mutter in der Fabrik hätten wir auch keinen so nahen Ausbildungsplatz, denn es gibt nicht in jedem Ort eine Schule. Wir müssten lange bis zur nächsten Schule gehen. Ich möchte mein ganzes Leben lang glücklich und gesund sein und ich mich bei meiner Mutter dafür bedanken, dass sie so viel für mich arbeitet.

„Ein ewiger Kreislauf!“
Prerana Rane, 16:

Ich interessiere mich sehr für Volleyball und möchte Profispielerin werden. Meine Mama erzählt mir oft, dass sie gerne kocht und näht, es aber nicht viele Einrichtungen gibt, wo sie das beruflich ausüben könnte. Sie lernt gerne neue Designs und neue Muster und näht sie dann, oft auch für mich und meine Schwester. Stoffe sind nicht so teuer bei uns, und wenn etwas aus der Fabrik übrig bleibt, dürfen die Frauen um wenig Geld Meterware kaufen. Ich sehe, wie sich meine Mutter für mich und meine Schwester aufopfert, und möchte, dass sich auch ihre Wünsche erfüllen. Der größte Wunsch von meinen Eltern ist es, uns glücklich zu sehen, und wir wünschen uns, dass sie glücklich sind, ein ewiger Kreislauf.



Die interviewten Jugendlichen sind Kinder indischer Näherinnen und leben alle in der indischen Hauptstadt Mumbai. Die Jugendlichen nehmen an einem Patenschaftsprogramm der NGO „Creative Handicrafts" teil, die sich für faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen ihrer Mütter einsetzt, ein Kinderentwicklungszentrum und mehrere Schulen betreibt. 
Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation mit der Meisterschule der Graphischen Wien. Dieser Artikel erscheint außerdem in der C/O Vienna Magazine Sonderausgabe THE CONSUMER ISSUEHier bestellen!

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