Die Oma Renate

Essen auf Rädern

Wenn ältere Personen, die jahrelang für sich, die Familie und Enkelkinder gekocht und viel Wert auf gute Speisen gelegt haben, nicht mehr im Stande sind, für sich selbst zu sorgen, dann schafft oft Essen auf Rädern Abhilfe. Wie aber ist das, wenn man die tägliche Mahlzeit auf einmal von fremden Menschen geliefert bekommt? Wir sind zu Oma Renate in die niederösterreichische Provinz gefahren, mit dem Plan, mit ihr über Kekse, Kuchen und Kochen zu plaudern.

„Im Alter bin ich schon heikler als damals.“

Lucas Mitterer, Moritz Wizany, Nina Nachbaur, Jessica Steininger: Wir haben Ihnen aus Wien Kuchen mitgebracht. Ein kleines Stück gefällig?

Renate: Gut, ein kleines geht schon. Ah, ich seh' schon, was ich mag, die Cremeschnitte, die gehört mir. Aber den Rest müsst's wieder mitnehmen.

Haben Sie früher auch gerne gebacken?

Ja! Alles hab' ich gemacht. Aber jetzt mach ich nichts mehr. Ach, was ich früher alles gebacken habe, Kekse und so Zeug. Den Nussgugelhupf habe ich hunderttausendmal zusammengerührt. Den haben dann alle zu Weihnachten bekommen. Der ist gut. Und geht schnell. Aber jetzt habe ich eh eine Person, die ihn für mich backt. Das ist zwar nicht billig, aber ihr gelingt das so schön. Viel kann ich eh nicht davon essen – wegen dem Zucker.

Naschen Sie gerne?

Ja, gerne, aber nicht zu viel! Am liebsten „Mon Cherie“. Auf meinem Nachtkästchen stehen welche, die habe ich zu Weihnachten bekommen. Wenn ich eines esse, bin ich schon wieder zufrieden. Bei der Arbeit habe ich früher immer Wurstsemmeln gegessen.

„Alles esse ich nicht, aber trotzdem schaue ich gut aus.“

Achso, mit welcher Wurst dann?

Das war „wurscht“ (lacht). Heute im Alter bin ich schon heikler als damals.

Was haben Sie beruflich gemacht?

Ich habe Verkäuferin gelernt. Beim Jilek vorne. Damals musste man noch nach Theresienfeld fahren. Lange ist‘s her. Ich hatte so viel Heimweh. Heute schickt mich niemand mehr fort.

Hatten Sie dann überhaupt Zeit, zuhause zu kochen?

Immer. Für die Mama, als sie noch gelebt hat, und die Kinder immer. Bis ich vor zwei Jahren im Krankenhaus war.

Seit wann bekommen Sie Essen auf Rädern?

Noch nicht ganz zwei Jahre. Damals bin ich vom Krankenhaus zurückgekommen und seitdem bekomme ich es. Das hat mein Sohn für mich bestellt. Davor habe ich immer selber gekocht. Jeden Tag. Momentan schmeckt mir das Essen auf Rädern nicht. Wie soll ich sagen – das Fleisch ist so hart.

Ist bei Essen auf Rädern immer Fleisch dabei?

In letzter Zeit war schon sehr viel Fleisch dabei. Am Samstag war Fleisch dabei, am Sonntag war Fleisch dabei und gestern auch.

Müssen Sie auf die Ernährung achten?

Ja, ich habe ja Schonkost. Ich tue mir auch schwer mit dem Kauen. Aber ich passe ja eh auf. Alles esse ich nicht, aber trotzdem schau ich gut aus.

„Der kann ja nichts. Außer Eierspeis.“

Und bekommt Ihr Mann auch Essen auf Rädern?

Der bekommt nur die Suppe.

Teilen Sie sich immer das Essen?

Nein, nur die Suppe (lacht). Entweder der Sohn bringt ihm was oder mein Mann macht sich schnell selbst was.

Er könnte nicht für Sie kochen?

Der kann ja nichts. Außer Eierspeis. Und Wurstknödel aufwärmen (lacht).

Bekommen Sie täglich Essen auf Rädern geliefert?

Ja, jeden Tag. Meistens kommt‘s vor zwölf Uhr, spätestens um Viertel vor eins. Das ist super. Das sind immer eher Pensionisten, die das bringen. Ich finde es schön, dass es so viele gibt, die das machen. Die bekommen dafür ein Mittagessen. Wenn sie alleine sind, müssen sie also nicht kochen.

Wird das Essen direkt vor die Haustür geliefert?

Die stellen es in die Eingangshalle in unserem Haus rein. Da haben wir einen Tisch und da stellen sie das Essen drauf und mein Mann holt es mir von dort. Und wenn der nicht da ist, weil er gerade wohin musste, sage ich: „Bitte tragen Sie es mir hoch!“ Da gibt's kein Problem. Die machen das auch gerne. Aber diese Stiegen! Wenn man jung ist, merkt man gar nicht, dass es die überhaupt gibt.

Können Sie sich aussuchen, was Sie essen möchten?

Leider nicht. Ich habe zweimal in der Woche die Volkshilfe bei mir. Und die haben sowas, da kann ich einmal in der Woche bestellen, was ich mag, aber das ist eingefroren.

„Bei meiner Mama hat's früher immer Hase gegeben.“

Vermissen Sie das Kochen?

Nein (lacht), da bin ich ehrlich. Manchmal hätte ich schon Lust, aber dann mache ich mir irgendetwas, nichts Besonderes, einen Pudding oder so. Das ist dann auch mal was anderes.

Meine Mama – sie war dann leider krank und konnte auch nicht mehr kochen – war eine sehr gute Köchin. Bei ihr hat es früher immer Hase gegeben. Einmal paniert, dann wieder anders. Das war halt früher so. Das kann sich heute keiner mehr vorstellen. Ich habe immer geweint, wenn die Hasen geschlachtet wurden.

Wie hat es denn früher in der Küche gerochen, wenn die Mama gekocht hat?

Na das ist schon lange her, sehr, sehr lange. Die Eltern haben unten gewohnt. Der Papa hat sehr viel vom Essen gehalten. Wenn es einen besonderen Anlass gab, dann hat er immer sogar gekocht.

Was war so ein besonderes Essen damals?

Bröselnudeln. Das kennt ihr ja gar nicht mehr. Die sind aus Kartoffelteig, von dem wir so runde Dinger runtergeschnitten und zu Nudeln gewuzelt haben. Der Vater hat die immer mit Bröseln gemacht. Und jetzt kommt erst der Clou: Dann hat er es gezuckert und eine Wurst dazu gegessen. Na servas! Eigentlich isst man ja dazu Kompott oder Apfelmus.

Haben Sie nach Rezepten gekocht?

Manchmal habe ich nachgeschaut (Anm. der Red.: Renate verschwindet und kramt ihre Rezeptbücher hervor). Schaut's! Da habe ich Unmengen an Rezepten. Wenn ihr die alle anschauen wollt, könntet ihr ein ganzes Jahr dableiben. Manchmal habe ich später noch etwas dazugeschrieben oder aus einem Heft was ausgeschnitten und reingeklebt.

„Wissen Sie, was ich so gern gemocht habe? Ein Bier.“

Kommen die Rezepte von Ihrer Mama?

Nein, wenn sie was nicht wusste, hat sie den Papa gefragt und der sagte dann: „Loss, i moch's eh.“

Wie war das bei Ihren Eltern und Großeltern, als es noch kein Essen auf Rädern gab?

Die Oma hat immer selber gekocht. Die Mama leider nicht. Aber irgendwie geht‘s immer. Beim Billa gibt es ja auch so Fertiggerichte, die sind auch nicht schlecht. Aber mir braucht es eh nicht zu gefallen, ich bekomme ja mein Essen.

Was ist denn für Sie eine exotische Mahlzeit?

Wir waren früher immer mit der Tochter beim Chinesen. Das hat mir geschmeckt. Da habe ich immer die Zwölf Schätze (Anm. d. Red.: Acht Schätze) genommen.

Genießen Sie Essen allgemein?

Freilich, immer, schön hergerichtet besonders. Aber seit ich krank bin, bin ich froh, dass es überhaupt noch geht.

Gutes Essen kann schon auch etwas Erotisches sein ...

Ja, genau (schmunzelt verlegen)!

„Na, na, so narrisch bin i ned.“

Wenn Sie gemeinsam mit dem Mann essen?

Der isst alles. Ich nenne ihn immer „Der Müllschlucker“ (lacht).

Machen Sie auch manchmal verbotene Dinge, wie den Teller nach dem Essen abschlecken?

Nein, das mag ich nicht. Habe ich auch noch nie gemocht. Meinem Mann musste ich es auch abgewöhnen. Mit dem Essen wird nicht gespielt bei mir. Das ist so wertvoll. Und es sieht ja auch nicht schön aus.

Schauen Sie manchmal beim Essen Fernsehen?

Na, na, so narrisch bin i ned. Ich esse immer am Tisch, mit meinem Mann. Das haben wir uns angewöhnt. Mittagessen und Abendessen tun wir immer miteinander. Am Abend gibt es meistens das, was vom Mittag übriggeblieben ist. Oder ich mache mir Ham mit Eggs, oder mal ein Wurstbrot. Am Morgen esse ich meistens ein halbes Brot mit Käse oder Marmelade, und der Mann isst Zopf.

Wie lange nehmen Sie sich Zeit fürs Essen?

Nicht lange. Könnte mir ja jemand wegnehmen (lacht). Ich habe immer sehr schnell gegessen. Das habe ich mir wahrscheinlich bei der Arbeit angewöhnt. Wenn man gelernt hat, hatte man auch keine Zeit zum Essen. Da durfte man sich nicht einfach hinsetzen und Pause machen. Jetzt hätte man ja die Zeit. Nach dem Essen ruhe ich mich aus. Nur manchmal gehe ich mit einer Freundin spazieren – die ist noch älter als ich. Die sagt dann: „Jetzt reiß di a bissl zam Renate!“, wenn ich Pause machen will.

„Ich bin ja nicht lustig beim Essen!“

Trinken Sie manchmal einen Schnaps nach dem Essen?

Früher. Wissen Sie, was ich so gern gemocht habe? Ein Bier. Letztens hat mein Sohn ein Gulasch gebracht, da habe ich mir ein halbes Bier dazu gegönnt. Das musste ich verstecken, damit mein Mann es nicht wegtrinkt (lacht). Aber wenn wir in einen Heurigen gingen, habe ich immer einen Spritzer zum Essen getrunken.

Gehen Sie heute noch manchmal zum Essen aus?

Hin und wieder gehen wir ins Gasthaus, wenn mein Mann will, aber es ist alles so umständlich. Zu besonderen Anlässen schon, aber ganz kurz. Allzu lange halte ich das Sitzen nicht aus. Am Sonntag fahren wir immer zur Tochter und dann gehen wir manchmal zu einem Heurigen. Wenn ich dann heimkomme – auch wenn ich gar nicht viel mache – bin ich so k.o., als wenn ich auf den Großglockner hoch wär.

Bei welchen Heurigen waren Sie dann immer so?

Ach, geh bitte. Es gibt keinen, wo wir noch nicht waren.

„Alles hab' ich gemacht. Aber jetzt mach ich nichts mehr.“

Haben Sie noch andere Spitznamen für Ihren Mann – außer Müllschlucker und Chauffeur – oder sind die geheim?

Nein, nein, der ist ganz brav. Er macht mir immer die Wäsche.

Was haben Sie immer gegessen, wenn Sie dort waren?

Eine saure Wurst, ein Fleischbrot, da war ich nicht heikel. Da gab‘s einen, der hatte immer so gute Fleischlaberl mit Kartoffelsalat.

Aber da bräuchte man jetzt auch ein Auto, um hinzukommen. Wir haben eh eines, aber der Chauffeur, also mein Gatte, will nicht (lacht).

Haben Sie noch eine lustige Geschichte für uns?

Naja – was soll ich erzählen? Ich bin ja nicht lustig beim Essen!

Frau Renate, vielen Dank für das Gespräch!

Renate ist eine Mitte siebzigjährige Niederösterreicherin, die in Stettersdorf in der Feinkostabteilung als Verkäuferin gearbeitet hat. Da ihr Mann Kraftfahrer war, musste sie immer für die Familie kochen. Seit zwei Jahren kann sie das nicht mehr und bezieht deswegen Essen auf Rädern.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation mit der Meisterschule der Graphischen Wien. Dieser Artikel ist ein Teil der C/O Vienna Magazine Poster-Sonderedition FOOD FOR THOUGHT mit zehn Einzelpostern. Ab Juli in unserem Shop erhältlich. Hier geht es zu den anderen Beiträgen der Reihe.

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