Die junge Galeristin

Die Codes des Kunstbetriebs

Ist das Modell einer Galerie nicht längst obsolet? Ist der viel beschworene Wiener Galerien-Boom nur herbeigeschrieben oder Realität? Warum funktioniert der Kunstbetrieb seit über hundert Jahren nach dem immer selben Muster? Nervtötend langweilig oder doch bestens bewährt? Wir trafen die junge Wiener Galeristin Nathalie Halgand und wollten wissen, wer diese Frau ist, die das Abenteuer wagt, heutzutage mit junger, unbekannter Kunst Geld zu verdienen. Ein Porträt.

„Die Freiheit der Kunst ist ihr höchster Anspruch und ihr größtes Klischee.“ (Nicole Zepter)
Wenig wirklich Persönliches findet man im Internet über die 34-jährige Wiener Galeristin Nathalie Halgand, die das „auch so gut“ findet, wenn man von ihren makellos inszenierten Porträts auf Instagram und Facebook absieht. „Mein Lebensgefährte Julian (Mullan, Anm. d. Red.) fotografiert mich halt oft und gut“, klärt sie schmunzelnd auf.
 

Heuer wird ihre Galerie in der Stiegengasse im 6. Wiener Bezirk zwei Jahre alt. So wie sie selbst und das Galerieschild gibt sich alles auf den ersten Blick – im Hochparterre, mit Sicht auf den guten alten Naschmarkt – zurückhaltend, die Ikonografie des Kunstbetriebes: viel Weiß, viel Wand, ein großer langer Tisch mit etwas Knorrigem in der Vase, die Kunst hängt sehr reduziert, Arbeiten der zwei deutschen Künstlerinnen Talisa Lallai (*1989) und Markus Saile (*1981). Internationaler Galeriestandard, aber bewährt. Die Kunst ist Hauptdarstellerin. „Ich mag es gerne klar“, erklärt Halgand. Da kommt es schon hervor, hinter all der Zurückhaltung, ihr Wesen, was interessiert: Eine Frau, die einen geraden Weg vor Augen hat? Wer ist diese Person, die sich traut, heutzutage noch eine Galerie zu gründen – junge, noch unbekannte Kunst in Geld umzuwandeln?

„Wer ist diese Person, die sich traut, heutzutage noch eine Galerie zu gründen?“
„Ich will auf keinen Fall als Offspace wahrgenommen werden. Ich habe die Vision, mit meinen Künstlerinnen und Künstlern, die alle ungefähr in meinem Alter sind, zu wachsen. Es ist harte Arbeit, Sammlerinnen und Sammler von der Qualität deiner Leute zu überzeugen. Die Früchte erntet man erst Jahre später.“ Und erntet sie schon? „Bis jetzt verkaufe ich den Großteil der Arbeiten unter 5.000 Euro. Das ist ja relativ leicht. Mein mittelfristiges Ziel ist natürlich, Preise deutlich darüber zu lukrieren.“

In den heimischen Medien wird in unregelmäßigen Abständen ein „Wiener Galerien-Boom“ bejubelt – oder doch nur herbeigeschrieben? Da sind Junge wie Lisa Kandlhofer, Zeller van Almsick oder Barbara Pretterhofer (unttld contemporary). Täuscht der Eindruck? „Nein“, findet Halgand, „es war an der Zeit! Die letzte große Welle der Galerie-Neueröffnungen fand um das Jahr 2000 herum statt!“

„Ich will auf keinen Fall als Offspace wahrgenommen werden.“

Sammlerinnen sind sehr rar in Österreich, und die Konkurrenz ist groß und global. Trotz heimischer Förderungen ist es hart, mit Kunst sein unternehmerisches Ding zu machen. Da braucht es Durchsetzungswillen und ein finanzielles Polster. Ersteres hat Halgand, das ist nach zehn Minuten klar, und Zweiteres?

Sie zögert: „Mir ist klar, dass ich – wie alle jungen Unternehmerinnen – am Anfang einen langen Atmen haben und einfach hart arbeiten muss. Meine Familie war bisher extrem unterstützend, aber es ist ein Mix aus allem: Verkäufe, Projekteinnahmen, Förderungen.“

Und die Alteingesessenen, zuweilen von Kritikerinnen als die „Wiener Galerien-Mafia“ betitelt, helfen oder zicken die? Halgand hebt skeptisch eine Augenbraue – diese Geschichten liegen offensichtlich lange vor ihrer Wahrnehmung. „Die sind alle sehr nett zu mir, besuchen meine Galerie; ich konnte heuer an curated by teilennehmen. Auf der heurigen vienna contemporary konnte ich auf Vermittlung einer etablierten Galerie sogar einen Verkauf tätigen.“ Die Szene wird altersmilde, wie es scheint.
„Es kommt ganz aus mir selbst!“
Wie kam das mit der Liebe zur Kunst? Waren ihre Eltern Kunstsammlerinnen? Das bisher höflich distanzierte Gespräch bekommt plötzlich die ersehnte Wendung. Als hätte sie auf diese Frage nur gewartet. Ein Feuer blitzt in ihren Augen auf, der wahre Grund, warum Nathalie Halgand diese Galerie wagt, wird plötzlich klar: Sie brennt für die Kunst!

In jeder freien Minute, erzählt sie, würde sie geradezu leidenschaftlich Bücher über zeitgenössische Kunst und Biografien lesen, also eigentlich nur, wenn sie nicht gerade Sachbücher über Business studiere. Sie unterscheide nicht zwischen Job und Privatleben. „Ich kann da sehr schlecht abschalten.“ Museen und Galerien zögen sie auf ihren vielen Städtereisen an wie Magneten. Selbst wenn sie eine Reise ans Meer unternehme, wie kürzlich nach Sizilien, käme es schon mal vor, dass sie mit ihrem Lebensgefährten und ihrer kleinen Tochter fünf Stunden Fahrt auf sich nähme, nur um sich eine Installation anzusehen.
 
Ihr Vater sei Hobbymaler gewesen, es gab Kunstkataloge zu Hause, auch Kunst an den Wänden und Ausstellungsbesuche, „aber eigentlich kommt es ganz aus mir selbst!“ In ihrer Gymnasialzeit am Lycée Français de Vienne seien Naturwissenschaften, Wirtschaft und Literatur im Vordergrund gestanden. „Ich wusste als Schülerin gar nicht, dass man Kunstgeschichte studieren kann, bis ich während eines Spanienaufenthaltes einen Kurs belegte und damit meinen Weg entdeckte. Ich war richtig glücklich!“


„Ich schreibe sogar Listen, was ich alles erreichen möchte.“
Nach dem Studienabschluss in ihren Mitzwanzigern fragte sie der in den USA geborene Kurator und Galerist Nicholas Platzer, ob sie mit ihm die auf Street Art spezialisierte Inoperable Gallery in Wien professionalisieren wolle. Sie sagte nach kurzer Rücksprache mit ihrem Vater  – und einer Nacht darüber schlafen – zu. Ziemlich mutig!? „Nicht ich, Nicholas Platzer war mutig!“, lacht Halgand.
 

Der Deal ging gut aus. Sie lernte – während der Absolvierung eines MBA in Business – ihr Handwerk als Galeristin: Ausstellungen, erste Interviews, Förderungen, Verkäufe, Sammlerkontakte, Reisen. Irgendwann war die Luft raus, Nicholas ging in die USA zurück, der Raum blieb: „Ich hatte keine Zeit zu grübeln, ich sagte zu mir: Move on!“ Und so war die eigene Galerie kurzerhand gegründet.

Die meisten Menschen versäumen eben gute Gelegenheiten, weil sie im Overall daherkommen und nach Arbeit aussehen. Nathalie Halgand zog den Blaumann an, „unternahm“ und wurde ihre eigene „Unternehmerin“. Zweiflerinnen, so sagt man, gewinnen nicht und Gewinnerinnen zweifeln nicht.

Man sollte aber vorher das Ziel kennen. Nathalie Halgand überlegt kurz, dann steht sie auf und öffnet ihren Laptop auf dem langen Tisch. „Ich schreibe sogar Listen, was ich alles erreichen möchte“, schmunzelt sie und liest die für 30 plus vor, wobei es in diesem Augenblick scheint, als sie lache innerlich ein klein bisschen über sich selbst. So eine hat sie dann noch für ihre 40er, 50er, 60er. Ein Spleen, den wohl manch anderer ebenso pflegt. Sie klappt den Computer zu und ergänzt: „Und immer gut essen gehen!“

Und die Kehrseite der Medaille? „Die Freiheit der Kunst“, so schreibt Nicole Zepter in ihrem Buch „Kunst hassen. Eine enttäuschte Liebe“, „ist ihr höchster Anspruch und ihr größtes Klischee.“ Letztlich muss doch jede Galeristin und jede Künstlerin, will sie von der Kunst leben, in der Hierarchie des Kunstmarktes mitspielen: Kuratorinnen, Ausstellungen, Kataloge, Kritikerinnen, Messen, Sammlerinnen. Das immer gleiche Spiel seit fast hundert Jahren. Seltsam genug, dass es immer noch funktioniert.

„Das immer gleiche Spiel seit fast hundert Jahren. Seltsam genug, dass es immer noch funktioniert.“
Ist das Prinzip Galerie nicht längst obsolet und langweilig geworden? „Galerien bleiben!“, ist Halgand überzeugt. „Wir brauchen Vernissagen, die Atmosphäre, den Austausch, das Taktile und visuelle Erlebnis und die Galeristin und den Galeristen als Vermittlerin, Vermittler und professionelle Anlaufstelle.“ Man müsse sich halt dem digitalen Zeitalter anpassen. „Und ich glaube, in Zukunft werden neue, günstigere Messen, die auch qualitativ gut sein werden, aufkommen“, prophezeit die junge Galeristin.

Die Galerie Hauser & Wirth ist ein großes Vorbild für Halgand, nicht weil es ein international agierendes Unternehmen mit Millionenumsätzen ist, sondern wegen des Programmes: Neben den Ausstellungen veranstalten die Schweizer Kunsthändlerinnen Seminare, Vorträge und Workshops und kooperieren mit Schulen und Universitäten. In Los Angeles betreibt die Galerie unter anderem einen Shop, einen Verlag und sogar ein Restaurant. „Alle Kaufhäuser werden zu Museen und alle Museen zu Kaufhäusern“, prophezeite Andy Wahrhol weitsichtig.

In südwestenglischen Somerset eröffneten Hauser & Wirth 2014 sogar eine Dependance auf einem Bauernhof mit Hotel, angrenzendem Skulpturengarten, Bar und Restaurant. Es werden Malkurse und Musikabende geboten: „ein rural-elegantes Rundum-Sorglos-Refugium“, wie „Die Welt“ schreibt. Die urbane Kunstschickeria langweilt sich in ihren Industrielofts und White Cubes und entflieht dem Stau, den teuren Mieten und dem Lärm der großen Metropolen. 2018 wird Hauser & Wirth im schottischen Braemar außerdem ein Arts & Crafts Hotel eröffnen. Eine Art globaler Concept Store für Kunst.

Bei alldem sollte man aber nicht vergessen, dass der Schweizer Galerie mit Dependancen in Zürich, New York, L.A., London und einer Sammlung in Henau in Kanton St. Gallen das riesige Familienvermögen der Familie Hauser half. Aber vielleicht kommt ja eines Tages ein potenter Sammler wie  Friedrich Christian Flick durch die Tür in der Wiener Stiegengasse ... träumen wird ja noch erlaubt sein! Am Anfang eines Erfolgs steht bekanntlich immer eine Vision. „Ich will, dass meine Galerie ein schöner, lebendiger Ort wird, an dem viel passiert, man sich gerne aufhält und über Kunst redet.“

„Es ist ein Gewinn, Frau Halgand, dass sie nach Wien gekommen sind!“
Zweifelt sie nie? „Schon. Dann bespreche ich alles ausgiebigst mit meinen vielen Freundinnen und Freunden. Die sind sehr wichtig in meinem Leben. Ich verbringe viel Zeit mit ihnen. Sie sind meine Coaches und ermutigen mich: ‚Wer, wenn nicht Du!’ Aber ich bin definitiv keine Grüblerin. Es muss bei mir auch immer alles ganz schnell passieren, und Probleme müssen sofort gelöst werden. Ich mag es gar nicht, wenn lang herumgeredet wird!“
 
Geht das mit der Auswahl der Künstlerinnen auch immer ganz schnell? Bisher vertritt Halgand fünf. Sieht sie sich einem Markt voller Genies gegenüber, die von den Akademien Jahr für Jahr ausgespuckt werden? Nein, man müsse schon immer sehr lange nach guten Leuten suchen, die die Kriterien, etwa eine stetige Entwicklung ihrer Arbeit, erfüllen würden. Natürlich gäbe es so etwas wie ein Aha-Erlebnis am Anfang. „Das Medium und die Herkunft sind mir dabei vollkommen egal“, schüttelt sie den Kopf. „Die Kunst muss mich berühren. Formal oder inhaltlich, oder beides. Mich interessiert, wer was wie sagt, ob das Werk einen Diskurs anstößt, politisch ist, was ich dann auch bei mir in Galerie einem Publikum näherbringen kann. Mich ziehen Arbeiten an, mit denen ich als Galeristin, indem ich sie bei mir zeige, meinen gesellschaftlichen Beitrag leisten kann.“


„Ich mag es gar nicht, wenn lang herumgeredet wird!“
Dem Aha sind meistens Empfehlungen von Künstlerinnen vorausgegangen. Danach lässt sie sich von der Künstlerin ein Portfolio zusenden, nie kommt die Künstlerin initiativ in die Galerie. „Das ist ein No-Go!“ Man recherchiert, man trifft sich, tauscht sich über Visionen aus, dann eine Ausstellung. „Ich vertrete nicht jede Künstlerin oder jeden Künstler, die oder der bei mir ausstellt“. Später kommt der Vertrag, dann die Preisgestaltung, zumindest bei Malereien nach der „Formel“ Höhe plus Breite mal Faktor. Der kann fünf bis zehn sein, je nach Bekanntheitsgrad der angehenden Künstlerin, des angehenden Künstlers. „Breite und Höhe, das ist das Material. Der Faktor, das ist die Willkür!”, meinte einmal Gerhard Richter, dessen Werke inzwischen mit gefühltem Faktor 4.000 an die Sammlerinnen gehen dürfte. Trost: Richter verkaufte seine Werke am Anfang seiner Karriere für 450 Deutsche Mark. Bei erfolgreichen Geschäften machen Galeristin und die Künstlerin halbe-halbe. Ist Sympathie ein Kriterium? „Natürlich, es entwickeln sich Freundschaften. Ich begleite meine Künstlerinnen und Künstler ja über Jahre.“
 
Es klingelt an der Tür der Galerie. Nathalie Halgand steht auf und begrüßt höflich einen betagten Herren mit Hut: „Grüß Sie Gott, gnädige Frau Halgand. Schön, Sie wiederzusehen. Ich bin zwar schon rüstige achtzig Jahre alt, aber noch kann ich alle Galerien in Wien selbst besuchen.“ Nachdem er durch die Ausstellung gegangen ist und sich wieder zum Gehen bereitmacht, verabschiedet er sich: „Danke! Es ist ein Gewinn, Frau Halgand, dass sie nach Wien gekommen sind!“


„Eine letzte Frage noch: Was mögen Sie gar nicht? Unzuverlässigkeit!“
Nathalie Halgand schaut auf die Uhr. Das iPhone zeigt eine Aufnahmezeit von 60 Minuten und sechs Sekunden. Stimmt wir sind sechs Sekunden über der Zeit. Eine letzte Frage noch: Was mag Sie gar nicht? „Unzuverlässigkeit! Wenn jemand nicht authentisch ist, das zeige ich dann auch, und das Verpacken von Kunstwerken!“ Jetzt müssen wir beide lachen. Sie zeigt auf einen unordentlichen Haufen mit Kartons, Luftpolsterfolie und Aufklebern, nachlässig hinter die Tür geschoben. Der steht wohl symbolisch für einen anderen Teil in Nathalie Halgands Leben, bestimmt auch interessant – aber das ist eine andere Geschichte.


www.galeriehalgand.com
Gruppenausstellung
Bruit Qui Court
Jakob Buchner, Hélène Fauquet, Anna Haifisch, Valentin Just, Katharina Schilling, Astrid Wagner, Kathrin Wojtowicz

19. Januar–24. Februar 2018,
Eröffnung: 18. Januar 2018, 18–21 Uhr


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