Die Futuristin

Wie werden wir in Zukunft wohnen und lieben?

Wir trafen Anab Jain in Wien. Sie ist Futuristin, Filmemacherin und Mitbegründerin des bekannten Designstudios Superflux in London. Wir sprachen mit ihr über Essgewohnheiten der Zukunft und was der Beruf einer Futuristin mit sich bringt. In einer Architekturfamilie in Indien aufgewachsen träumte sie immer davon, Ärztin zu werden. Stattdessen wurde sie „aus Zufall“ eine international gefeierte Designerin. Uns erklärt sie, warum Smart Cities und Roboter nicht alle unsere Probleme lösen werden und warum sie sich gerne als „wütende Optimistin“ bezeichnet.

„Ich bin wütend, wir sind alle sehr wütend.“

Wie erklären Sie Ihrem Sohn Ihre Arbeit? Wie sieht der Job einer Futuristin aus?

Das ist eine interessante Frage. Ich kann es meinem Kind nicht wirklich erklären. Wir bei Superflux sehen uns nicht als traditionelle Futuristen, ich bin Designerin. Ursprünglich wurde ich zur Filmemacherin ausgebildet, dann habe ich Interaction Design studiert, nun beschäftige ich mich mit der Zukunft. Die Disziplinen sind dabei unscharf definiert. Auf einer Ebene denken wir bei Superflux abstrakt über die Zukunft nach und beschäftigen uns mit zukünftigen Technologien, auf einer anderen Ebene – mit den gleichen Projekten – entwickeln wir Prototypen, erzählen Geschichten und bringen Dinge zum Leben.

Geschichten erzählen ist ein großer Teil Ihres Geschäfts, nicht wahr?

Storytelling ist in der Tat ein ganz wichtiger Teil unserer Arbeit. Die Entwicklung von Geschichten über eine mögliche alternative Welt ist uns wichtig. Wir erzählen von Menschen, Objekten und Technologien. Es ist wichtig, nicht nur über die Zukunft zu sprechen, sondern anderen die Möglichkeit zu geben, eine zukünftige Welt auch ganz direkt zu erleben.

Was ist die beste Geschichte, die Sie je erzählt haben?

Ich denke, die ist noch nicht erzählt (lacht). Aber ein aktuelles Projekt könnte als Beispiel für eine gute Story dienen. In „Mitigation of Shock“ haben wir im Wesentlichen eine Wohnung in London im Jahr 2050 nachgebildet, die im Centre de Cultura Contemporània de Barcelona ausgestellt wurde. Auf den ersten Blick ähnelt das Apartment einem normalen Zuhause – dort befindet sich ein Sofa, ein Esstisch, Bücherregale, Lampen und eine Küche. Sobald man sich aber umschaut, entdeckt man Anzeichen einer völlig veränderten Welt. Die Schlagzeile in einer Zeitung erzählt von einem völligen Kollaps der Wirtschaft und einem Zusammenbruch der Nahrungsmittelproduktion durch die Klimaveränderung. Wir hören eine Radiosendung, die die Zuhörer über die Probleme bei der Lieferung von Nahrungsmitteln informiert. In den Regalen sehen wir Rezeptbücher mit Titeln wie „Tiere als Proteinquelle“ oder „Kochen trotz knapper Lebensmittel“.

Die Besucherinnen entdecken auch eine Fuchshaut in der Küche ...

Genau, vielleicht jagen die Menschen Tiere, die in den Städten heimisch sind, wie zum Beispiel Füchse, um sie zu kochen und zu essen – daneben wird getauscht und selbst angebaut. Wenn Sie in dieser Wohnung um die Ecke biegen, wurde ein ganzes Zimmer, das vorher zur Entspannung gedient hatte, zu einen Raum für die Indoor-Produktion von Lebensmitteln umfunktioniert. Superflux – das mein Partner Jon Ardern und ich zusammen gründeten – entwarf und baute dafür einen kompletten Food-Computer aus Schaumstoff.  

Uns ging es bei dem Projekt nicht nur darum, über den Mangel in der Zukunft zu reden, sondern es ermöglichte den Besuchern, direkt durch diese Wohnung zu gehen und sinnlich eine einerseits komfortable und dennoch alarmierende Zukunft zu erleben.

„Das wird eine Frage des Überlebens sein, das hat dann nichts mehr mit einer Lifestyle-Attitüde zu tun, auf einem Balkon ein paar Tomatenpflänzchen anzubauen.“

Wie viel Platz werden wir in Zukunft zum Leben haben?

Wir werden vermutlich mehr Platz brauchen, um drinnen Nahrung anzubauen, weil wir das Wetter nur noch schwer einschätzen können. Pflanzen werden draußen eventuell nicht überleben. Es wird Genossenschaften geben, in denen Menschen ihre Lebensmittel teilen und tauschen, da Lieferketten immer wieder unterbrochen sein werden, und sie möglicherweise für lange Zeiträume keine Lebensmittel bekommen. Die Menschen werden alles verwenden, was sie bekommen können. Das wird eine Frage des Überlebens sein, das hat dann nichts mehr mit einer Lifestyle-Attitüde zu tun, auf einem Balkon ein paar Tomatenpflänzchen anzubauen. Wir werden darüber nachdenken müssen, welche Lebensmittel wir selbst produzieren können, um unsere Familien zu ernähren.

Wie privat können wir dann noch sein? Müssen wir unsere Häuser für andere öffnen, werden wir zu gläsernen Menschen, um zu überleben?

Nein, auf den Straßen wird es hungernde Menschen geben, die in unsere Häuser einbrechen wollen, um Essen zu stehlen. Ich denke aber schon, dass bestimmte Netzwerke entstehen werden. Lokale Organisationen werden für den Lebensmittelhandel gegründet. Einer kann Tomaten, der andere Bohnen anbauen – ihre Ernte teilen oder handeln sie in ihren lokalen Netzwerken, fast so wie in den sozialen Medien, aber eben rund ums Essen. Diese Gruppen werden sich organisch bilden, da der Bedarf an diesen Ressourcen dem Teilen eine wesentliche Bedeutung geben wird. Klar, das ist ein ziemlich utopisches Bild, ein wahrscheinlicheres Szenario ist, dass es Unruhen wegen Nahrungsmittelknappheit geben wird, die übrigens bereits in einigen Teilen der Welt stattfinden.

„Ich habe einen sechsjährigen Sohn – ich muss eine Optimistin sein.“

Was beunruhigt Sie am meisten?

Ich mache mir natürlich Sorgen wegen des Klimawandels. Es ist eine große Sache, die bereits passiert. Das sind die Nachrichten, die wir jeden Tag lesen – die Migrationspolitik der USA, die Auswirkungen des Wetters – es wird immer schwieriger, sich eine Zukunft vorzustellen, die nicht noch chaotischer und noch schwärzer sein wird, als es die Gegenwart schon ist. Als Futuristin – oder als Person, die über die Zukunft nachdenkt – ist es meine Aufgabe, über die Zukunft zu sprechen, damit Menschen in der Gegenwart bessere Entscheidungen treffen können.

Sind Sie eine Pessimistin?

Ich habe einen sechs Jahre alten Sohn – ich muss Optimistin sein ... irgendwie. Ich bin insofern optimistisch, als ich davon überzeugt bin, dass, wenn wir die Welt verstehen, die wir für unsere Kinder gestalten wollen, auch beginnen können, sie anders zu gestalten – weil es Alternativen gibt.

Warum hat die Zukunft heutzutage ein so schlechtes Image – das war ja nicht immer so.

Es ist wirklich seltsam, denn in der populären Vorstellung ist die Zukunft nach wie vor rosig. Unternehmen und die Werbung, auch die Fotos, die die Menschen heute überall konsumieren, zelebrieren ein Bild von einer heilen Welt in der Zukunft, in der man aller Probleme Herr wird. Eine Zukunft, in der wir in Smart Cities leben, wo man Dinge berührt, Bilder aufpoppen, Roboter all unsere Arbeit für uns erledigen und alles großartig sein wird. Aber das ist eine Utopie, die von den Medien und Unternehmen in die Welt gesetzt wurde.

Die akademische Welt sieht die Zukunft im Allgemeinen negativ, ist das heute eine Art Common Sense?

Der Romanautor Kim Stanley Robinson, der viel über den Klimawandel nachdenkt, nannte sich selbst einen „wütenden Optimisten“. Dieser Begriff hat bei mir viel ausgelöst. Er beschreibt, wie ich mich fühle. Ich bin wütend, wir sind alle sehr wütend, weil wir uns so machtlos fühlen. Was könnte ein Einzelner ändern? 

Gleichzeitig bin ich optimistisch, weil ich weiß, dass wir als Gemeinschaft und mit den uns verfügbaren Instrumenten und möglichen Rechtsvorschriften kollektiv eine Zukunft ohne soziale Ungleichheit gestalten können, in der uns unsere Arbeitsplätze nicht weggenommen werden und es keinen Klimawandel gibt, der die Menschheit auszulöschen droht. Das ist die Vision einer Welt, in der wir uns Menschen neben anderen Arten und der Natur nicht als das Zentrum definieren. Es gibt so viele Wege, wie wir unsere Energie in Alternativen stecken können und müssen – wir müssen, dringend.

„In meiner Heimatstadt bekamen wir nur eine Stunde Wasser pro Tag.“

Sind Sie somit auch von einem politischen Willen getrieben?

Absolut.

Wie hat Ihre Kindheit in Indien Ihren Weg beeinflusst?

Auf viele Arten! Das eine ist meine interkulturelle Sichtweise: Ich habe mehr als nur die westliche Perspektive, ich wurde nicht in dieser Welt des Überflusses erzogen. In meiner Heimatstadt bekommen wir – heute noch – nur eine Stunde Wasser pro Tag. Das ist es. Es gibt dort sehr trockene, wüstenähnliche Bedingungen, das Wasser ist knapp. Als ich aufwuchs, hatten meine Eltern täglich nur eine Stunde Zeit, um jeden Eimer im Haus mit Wasser zu füllen. Wir nahmen ein schnelles Eimerbad, da es keine Duschen gab. Wir besaßen auch keine Waschmaschine. So bin ich schon mit der Erfahrung von Verknappung aufgewachsen. Meine Eltern arbeiteten hart und konnten sich später einen eigenen Tank leisten, der Wasser auf dem Dach des Hauses speichert. So war es möglich, Geschirr zu spülen und das alltägliche Leben trotz Wasserknappheit zu meistern. Bei vielen Menschen in Indien ist das nicht der Fall.

Wenn ich Entwicklungsländer bereiste, sah ich oft Design-Lösungen, die ziemlich clever waren. Was können wir von diesen Ländern lernen?

Das stimmt. Wenn wir derzeit auf die Politik der sogenannten „Ersten Welt“ schauen, frage ich mich, was ist eigentlich die „Erste Welt“ und was die „Dritte“? Wirtschaftlich ist die „Erste Welt“ vorne, ja, aber politisch, sozial und kulturell? Ein Designkollege von mir schrieb einen Wettbewerb mit dem Titel „Design for the First World“ aus, bei dem Designlösungen für die „Erste Welt“ erarbeiten mussten – gewöhnlich ist es ja eher andersrum.  

Es war wirklich faszinierend, denn Menschen sind in allen Teilen der Welt außerordentlich erfinderisch – natürlich, warum sollten sie es auch nicht sein? Die „Erste Welt“ bildet sich ein, dass Erfindergeist, Innovation, Technologie und Ideen ihr Privileg seien, sind sie aber nicht. Man braucht nichts, um eine gute Idee zu entwickeln. Und oft sehr wenig, um sie umzusetzen.

„Man braucht nichts, um eine gute Idee zu entwickeln. Und oft sehr wenig, um sie umzusetzen.“

Warum ist Social Media gerade jetzt so wichtig und einflussreich?

Das Neue an diesen Technologien ist ihre Geschwindigkeit, mit der sie uns Informationen liefern, und die Geschwindigkeit, mit der wir diese Informationen mit anderen teilen. Sie prasseln so schnell auf uns ein, dass wir nicht wirklich Zeit haben, sie zu konsumieren, zu verdauen, sie überhaupt wahrzunehmen. Es ist nur ein algorithmischer Fluss. Wir sind da in Systemen gefangen, die unsere Realitäten formen ...

... und Social Media ist die Kuratorin, die unsere „Realität“ definiert?

Ja, Stück für Stück, aber ohne, dass wir es bewusst merken.

Was sind für Sie und Ihre Kolleginnen die größten Herausforderungen der Zukunft?

Ich denke, die meisten Menschen in meiner Welt sehen die technologische Entwicklung kritisch. Wir alle kämpfen mit den unbeabsichtigten Folgen der Technologie.

Das ist interessant!

Nehmen Sie zum Beispiel YouTube. Die Art und Weise, wie der User das Interfacedesign erlebt, ist wie folgt: Sobald ein Video endet, beginnt ein neues. Und alle ähnlichen Videos erscheinen rechts daneben. Viele junge Leute sind auf diese Weise süchtig geworden. Sie hören nicht auf zu klicken und schauen ein Video nach dem anderen, schlafen zu wenig und werden dann krank. Und warum? Alles wegen eines Interfacedesigns ...!

„Filmemacher haben meine Arbeit sehr beeinflusst.“

Glauben Sie, dass der Beruf einer Designerin in Zukunft immer wichtiger wird?

Ich bin mir da nicht so sicher ... Ich denke, Designer neigen dazu, daran zu glauben. Auf der anderen Seite muss wirklich alles gestaltet werden, auch Bakterien sollten designt werden. Die Herausforderungen, vor denen Designer stehen, beschränken sich nicht auf ein einzelnes Produkt. Zu ihren Aufgaben gehören ethische Fragen genauso wie die Wahl der richtigen Materialien und der Erhalt der biologischen Vielfalt.

Bitten Unternehmen um Ihre Unterstützung?

Manchmal. Im Allgemeinen bieten wir jedoch nicht die einfachen Lösungen an, nach denen sie normalerweise verlangen. Wir haben keine Antworten.

Darf ich Ihnen ein paar persönliche Fragen stellen? Was macht Sie glücklich?

Glück ist eine vorübergehende Sache, nicht wahr? Wir erleben Höhen und Tiefen, aber natürlich macht mich meine Familie glücklich! Mein Partner und ich arbeiten und leben zusammen. Ich denke, die größte Herausforderung für uns beide ist ein echter Urlaub. Wir haben erst vor Kurzem begonnen, wirklich mal Ferien zu machen – wir sind nicht sehr gut darin! Uns fehlt die Übung. Aber es ist etwas, das wir genießen.

Gab es in Ihrer Jugend einen besonderen Punkt, als Sie beschlossen haben, etwas mit „Zukunft“ zu machen?

Nein, ich bin zufällig dazu gekommen. Ich wollte Ärztin werden, hatte die passenden Noten dafür, bewarb mich für eine Designschule, während ich darauf wartete, zum Studium zugelassen zu werden. Die Designschule gefiel mir mehr, als ich es erwartet hatte. Ich komme aus einer Architekturfamilie. Ich nehme an, dass Kreative ist in meiner DNA. Aber bald war ich fest entschlossen, Filmemacherin zu werden, und begann eine fünfjährige Ausbildung zur Regisseurin.

„Die Zukunft ist jetzt.“

Wer hat Ihre Arbeit beeinflusst?

Ich würde sagen, Filmemacher haben meine Arbeit sehr beeinflusst. Um nur einige zu nennen: der russische Regisseur Andrej Tarkowskij, Jean-Luc Godard und natürlich Wim Wenders. Es ist diese Fähigkeit, zu reflektieren und selbstreflexiv zu sein. Nichtlinear denken zu können. Keine lineare Hollywood-Geschichte mit Ursache und Wirkung.

Arbeiten Sie auch so?

Für uns ist die Zukunft zeitlos, das heißt, die Zukunft ist kein festes Ziel. Die Zukunft ist jetzt. In jedem Moment und mit jeder Handlung geschieht Zukunft vor unseren Augen. Diese Art der Wahrnehmung hilft uns, nichtlinear und zeitunabhängig zu denken – nicht in einem „Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft“-Modus.

Vielen Dank für das Interview!

Anab Jain ist Designerin, Filmemacherin, Unternehmerin, Futuristin und Kodirektorin des Superflux Design and Innovation Studios in London, einem Büro mit einem hauseigenen Labor, das mögliche Zukunftsszenarien sicht-, fühl- oder hörbar machen will. Sie leitet das Design Investigations Studio (Industrial Design 2) der Universität für Angewandte Kunst Wien und war mit ihren Studentinnen Teilnehmerin des österreichischen Pavillons bei der London Design Biennale 2018.